Stuttgarter Jazzopen-Festival 2018 im technischen Zeitalter

Bei Pop, Rock und Rap strö­men die Fans, Jazz ver­harrt in den Nischen

1994 schrieb ich im „Jazz Podi­um“: „Der som­mer­li­che Stutt­gar­ter Jazz­gip­fel litt unter Zuschau­er­schwund, und ein neu­es Orga­ni­sa­ti­ons­team ohne das Thea­ter­haus woll­te mit mehr popu­lis­ti­schem Zeit­geist das Fes­ti­val attrak­ti­ver gestal­ten. In den elek­tro­ni­schen Medi­en war das Spek­ta­kel prä­sent – das Regio­nal­fern­se­hen „Süd­west 3“ und der niveau­vol­le TV-Kanal „3sat“ über­tru­gen „live“ und zeit­ver­setzt, aber der Hegel-Saal im Stutt­gar­ter Kul­tur- und Kon­gress­zen­trum Lie­der­hal­le wies meist gelich­te­te Rei­hen auf“.

Wie sich die Zei­ten und Spiel­stät­ten ändern. Nun­mehr begin­gen die „Jazzo­pen Stutt­gart“ jubi­lie­rend sei­ne 25. Aus­ga­be und fei­er­ten in einer Pres­se­ver­laut­ba­rung nach den lan­gen elf Fes­ti­val­ta­gen einen „Besu­cher­re­kord mit 45.000 zah­len­den Besu­chern, 99 Pro­zent Büh­nen­aus­las­tung und eine Live-Schal­te aus dem All“.

Ins­ge­samt ein unter der Regie von Jür­gen Schlen­sog bewerk­stel­lig­tes Mam­mut-Event mit vie­len par­al­lel ver­lau­fen­den „acts“ und unzäh­li­gen Grup­pie­run­gen, die teil­wei­se ziem­lich kurz­fris­tig ins Pro­gramm genom­men wur­den. Frei­lich: Am ereig­nis­rei­chen Wochen­en­de vor Schul­fe­ri­en­be­ginn ström­ten allei­ne 65.000 Fans zu Cam­pi­nos kon­kur­rie­ren­den „Toten Hosen“ auf den Cann­stat­ter Wasen (und auf dem lan­des­haupt­städ­ti­schen Markt­platz fand das tra­di­tio­nell gut besuch­te „Som­mer­fes­ti­val der Kul­tu­ren“ nicht ohne jaz­zi­ge Bei­klän­ge statt).

Total aus­ver­kauft war der dritt­letz­te Jazzo­pen-Abend auf dem schmu­cken Schloss­platz. 7.000 mit 3D-Bril­len bestück­te Gäs­te hat­ten per­so­na­li­sier­te Ein­tritts­kar­ten ergat­tern kön­nen zum visio­nä­ren Kult-Ensem­ble „Kraft­werk“, des­sen eins­ti­ger Mit­be­grün­der Flo­ri­an Schnei­der-Esle­ben 1969 als Flö­tist immer­hin den damals ein­zig­ar­ti­gen Jazz­kurs in der Aka­de­mie Rem­scheid besuch­te. Nun klink­te sich der in der ISS akti­ve (aus dem nord­würt­tem­ber­gi­schen Kün­zel­sau stam­men­de) Astro­naut Alex­an­der Gerst direkt in den schwä­bi­schen Event sei­ner Lieb­lings­tech­no­grup­pe ein und musi­zier­te schwe­re­los bei dem legen­dä­ren Titel „Space­lab“ auf einem auf Syn­the­si­zer­klän­ge pro­gram­mier­ten Tablet-Com­pu­ter ver­gnügt mit. Ein gelun­ge­ner Gag, wel­cher umge­hend sei­nen Nie­der­schlag in den „News“ aller Arten erfuhr. Der Jazz per se macht da ja weni­ger Schlag­zei­len….

Immer­hin öff­ne­ten sich die Jazzo­pen an ver­schie­de­nen Ört­lich­kei­ten inter­na­tio­na­len New­co­mern und Ver­tre­tern der regio­na­len Sze­ne, oft bei frei­em Ein­tritt. Man muss­te mit­un­ter gar nicht phy­sisch an der „Loca­ti­on“ sein. Aus dem Jazz­club „BIX“ und  vom „Event­cen­ter Spar­da­welt“ konn­te man am per­sön­li­chen Equip­ment bequem per Live­stream den Kon­zer­ten bei­woh­nen – und diver­se Mit­schnit­te sind eine Zeit­lang bei der Media­thek von jazzopen.com abruf­bar. Noch bis 17. August ist übri­gens die zunächst live im Inter­net über­tra­ge­ne Schloss­platz-Show der bri­ti­schen Dis­co-Band Jami­ro­quai auf arte.tv nach­zu­er­le­ben.

Wolf­gang Dau­ner – Pho­to: Hans Kumpf

Aber auch Momen­te der Besin­nung wur­den offen­bart. In der nach­bar­schaft­lich zum Neu­en Schloss gele­ge­nen Dom­kir­che St. Eber­hard ent­fiel für ein Reci­tal von Lokal­ma­ta­dor Wolf­gang Dau­ner am spä­ten Frei­tag­nach­mit­tag die Beicht­mög­lich­keit für Sün­der. Der 82jährige Pia­nist zele­brier­te auf dem vor dem Altar­raum pos­tier­ten Stein­way in roman­ti­sie­ren­dem Ges­tus har­mo­nie­rend Wei­sen aus eige­ner Feder. Häu­fi­ger Ein­satz vom rech­ten Pedal im hei­lig-hal­li­gen Kir­chen­schiff. Auf sein zunächst drei­er­tak­ti­ges „Psal­mus Spei“, 1968 kre­iert für Kir­chen­chor und Jazz­so­lis­ten, auf den Tho­mas­kan­tor Bach oder etwa auf ame­ri­ka­ni­sche Gos­pels bezog sich Dau­ner – wohl bewusst – nicht. Schluss­end­lich ehren­de „stan­ding ova­tions“ der ent­zück­ten Jazz-Gemein­de. Die Rei­he mit bedäch­tig swin­gen­den Melo­di­en im katho­li­schen Got­tes­haus wur­de im Vor­jahr begon­nen mit Jason Moran, der heu­er im BIX gas­tier­te, und gewünscht ist eine Fort­set­zung.

Ein Dau­er­bren­ner der Jazzo­pen auf dem ansons­ten als Park­platz die­nen­den Ehren­hof des Neu­en Schlos­ses ist übri­gens der hoch­s­port­li­che Flü­gel-Stür­mer, Vokal­akro­bat und Trom­mel­wirb­ler Jamie Cul­lum, dies­mal mit ein­hei­mi­schem Gos­pel-Chor im Rücken. Des lei­den­schaft­li­chen Bre­x­it-Geg­ner-Bri­ten nun sechs­ter Auf­tritt in Stutt­garts aller­bes­ter Frei­luft­stu­be ist für 2019 bereits beschlos­se­ne Sache.

Auf meh­re­re Kon­zer­te bei die­sen Juli-Fest­ta­gen kann auch der samt­wei­che Sän­ger Gre­go­ry Por­ter zurück­bli­cken. Nach BIX, Mer­ce­des-Benz-Muse­um und Schloss­platz per­form­te er jetzt erst­mals im Arka­den­hof des Alten Schlos­ses. Tau­send Zuschau­er fasst die seit 2017 ins Fes­ti­val inte­grier­te his­to­ri­sche Stät­te. Und die­se war aus­ver­kauft, als sich Pat Methe­ny mit neu­em Quar­tett prä­sen­tier­te. Der Gitar­rist mit ste­tem Rin­gel­strei­fen­pul­li als äußer­li­chem Mar­ken­zei­chen war bereits 1994 bei der Pre­mie­re von „Jazzo­pen Stutt­gart“ im Saa­le dabei – sei­ner­zeit unter ande­ren mit sei­nem Instru­men­tal­kol­le­gen John Sco­field.

Pat Methe­ny – Pho­to: Hans Kumpf

Nach einer Solo-Intro­duk­ti­on auf sei­ner 42-sai­ti­gen „Pikas­so Man­zer Gui­tar“ reka­pi­tu­lier­te Methe­ny musi­ka­lisch sein inten­si­ves Künst­ler­le­ben und ließ es auch vehe­ment rocken. Genüss­li­che Bal­la­den sorg­ten immer wie­der für ent­spann­te Ruhe­punk­te. Bemer­kens­wert die 1984 in Malay­sia gebo­re­ne aus­tra­li­sche Bas­sis­tin Lin­da May Han Oh. Mit ihr kom­mu­ni­zier­te Methe­ny innig, auf ver­ba­le Publi­kums­an­ma­che ver­zich­te­te Methe­ny wohl­tu­end. Zwei Tage zuvor agier­te vir­tu­os an glei­cher Stel­le direkt vor dem Ein­gang zur Schloss­ka­pel­le und neben dem prot­zi­gen Rei­ter­stand­bild von Graf Eber­hard im Bar­te, dem ers­ten Her­zog von Würt­tem­berg, kein Gerin­ge­rer als der ver­sier­te Tief­tö­ner Stan­ley Clar­ke.

Wäh­rend Chris­ti­an McBri­de in der frü­he­ren Schal­ter­hal­le der spon­sern­den Spar­da-Bank die dicken Sai­ten trak­tier­te, fiel Mar­cus Mil­ler im fer­nen „Scala“-Theater von Lud­wigs­burg nicht nur durch Laut­stär­ke auf. Der ehe­ma­li­ge Miles-Davis-Bas­sist, der kurz vor Ostern 1991 in den dor­ti­gen Bau­er-Stu­di­os mit dem alters­schwa­chen Trom­pe­ten­star eine nie zur Ver­öf­fent­li­chung gelang­te Plat­te ein­spiel­te, brach­te Jazz-Fach­leu­te ins Schwär­men. „Gran­di­os“, „kna­ckig“ und „Musik auf der Höhe der Zeit“ waren hier die Stich­wor­te, und sein Trom­pe­ter Rus­sell Gunn sei unüber­hör­bar auf den Spu­ren vom „schwar­zen Prin­zen“ gewan­delt.

Selbst die welt­weit arri­vier­ten Jazz­mu­si­ker, die bei dem Ver­an­stal­tungs­ma­ra­thon mit ihren Ensem­bles sonst noch kon­zer­tier­ten, kann man in die­sem kur­zen Bericht kaum alle auf­zäh­len: Die Trom­pe­ter Till Brön­ner und Tho­mas Siff­ling, die Pia­nis­ten Micha­el Woll­ny, Ira Ran­talu und David Hel­bock, die Voka­lis­tin­nen Indra Rios-Moo­re und Twa­na Rho­des, die Saxo­pho­nis­ten Chi­co Free­man und Mari­us Neset – um nur eini­ge zu nen­nen. Unor­tho­do­xe Sounds und Rhyth­men brach­te so man­che New­co­mer-For­ma­ti­on ins Spiel, zuwei­len im vor­pu­ber­tä­ren Habi­tus – da wol­len wir Namen vor­erst lie­ber ver­schwei­gen. Bei den Youngs­ters hör­te man aber zuwei­len auch eine recht kon­ser­va­ti­ve Musik­auf­fas­sung her­aus – teil­wei­se nach­zu­prü­fen, wie bereits erwähnt, in der online-Media­thek von jazzopen.com.

Den gedie­ge­nen Auf­takt zum pom­pö­sen Jazzo­pen-Fes­ti­val voll­führ­te wie­der die fei­er­li­che Ver­lei­hung der nun mit ins­ge­samt 20 000 Euro dotier­ten „Ger­man Jazz Tro­phy“ für das Lebens­werk. Die von Otto-Her­bert Hajek geschaf­fe­ne Skulp­tur ging – in dop­pel­ter Aus­fer­ti­gung – an Rolf und Joa­chim Kühn. Die bei­den Brü­der wuch­sen in Leip­zig auf – wie der immer noch dort ansäs­si­ge Dr. Bert Noglik, der eine über­aus kom­pe­ten­te Lau­da­tio hielt, herz­lich und ana­ly­tisch zugleich. Unver­kenn­bar die eigent­lich kon­ven­tio­nell geblie­be­ne „plas­ti­sche“ Ton­bil­dung und die beb­o­pi­ge Phra­sie­rung des inzwi­schen 88jährigen Blä­sers Rolf Kühn, sti­lis­tisch umfas­send die Akti­ons­brei­te des Tas­ten­man­nes Joa­chim, Jahr­gang 1944. Neu­gier­de bestimmt nach wie vor das Künst­ler­tum der jung geblie­be­nen alten Her­ren mit Wohn­sit­zen in Ber­lin und Ibi­za.

Info: Das SWR Fern­se­hen zeigt am 18. August 2018 um 22.35 Uhr in einer 90-minü­ti­gen Fes­ti­val­do­ku­men­ta­ti­on die High­lights der dies­jäh­ri­gen Jazzo­pen.

 

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Text und Foto­gra­fie von Hans KumpfKumpfs Kolum­nen

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