Das 11. Jazz-Art-Festival bot in Schwäbisch Hall vielerlei Musik

Enrico Rava / Foto: Kumpf

Über den swingenden Tellerrand hinaus

„Jazz pur“ titel­te eine Tages­zei­tung auf der Vor­alb ihren Vor­be­richt zum dies­jäh­ri­gen Jazz-Art-Fes­ti­val in Schwä­bisch Hall. Aber die­ses Prä­di­kat traf auf die fünf vor­ös­ter­li­chen Tage mit ins­ge­samt neun Kon­zer­ten nur teil­wei­se zu.

Ste­phan Micus, 1953 in Stutt­gart gebo­ren, ist ein Indi­vi­du­al-Glo­be­trot­ter und Welt­mu­sik­samm­ler, den beson­ders Asi­en und Afri­ka inter­es­siert. In der baro­cken Hos­pi­tal­kir­che medi­tier­te der ECM-Künst­ler im Lotus­sitz nun auf diver­sen hand­li­chen Klein­in­stru­men­ten ohne „swing“ und „dri­ve“. Ein CD-Play­er sorg­te für klang­li­che Erwei­te­run­gen.

Foto: Kumpf

Auch kei­nen eigent­li­chen Jazz, aber mehr Vita­li­tät brach­ten die bei­den jun­gen Ira­ne­rin­nen des Naqsh-Duos ein. Fas­zi­nie­rend, wie Golfam Kha­yam ihrer Gitar­re ara­bi­sche Oud-Klän­ge ent­lock­te und wie deli­kat die Kla­ri­net­tis­tin Mona Mat­bou Riahi in ihre Instru­men­te (B- und A‑Klarinette im Boehm-Sys­tem) hauch­te.

Über alle Gen­re-Gren­zen hin­weg agier­te zudem der unga­ri­sche Gitar­ren-Vir­tuo­se Ferenc Snét­ber­ger in der kam­mer­mu­si­ka­li­schen Sonn­tags­ma­ti­née, die extern tra­di­tio­nell in der Kunst­hal­le Würth abge­hal­ten wur­de. Besinn­li­che Musik –  reso­nie­ren­de Sitar-Sounds und Johann Sebas­ti­an Bach ein­ge­schlos­sen.

Das deutsch-tür­ki­sche Trio Fis­Füz war schon oft in Schwä­bisch Hall zu erle­ben: Die Kla­ri­net­tis­tin Annet­te Maye, der Per­kus­sio­nist Murat Cos­kun und der Sai­ten­spie­ler Gür­kan Bal­kan (Gitar­re, Oud, Gesang) koope­rie­ren seit zwan­zig Jah­ren mit­ein­an­der und lie­fer­ten nun eine span­nungs­rei­che Remi­nis­zenz ihres Kon­glo­me­rats von medi­ter­ra­ner Musik ab.

Der umtrie­bi­ge Stimm­a­kro­bat Andre­as Schae­rer aus der Schweiz ist mit sei­ner fre­chen For­ma­ti­on „Hil­de­gard lernt flie­gen“ bekannt­lich gän­gi­ger Pop­mu­sik nicht abhold. Er mach­te aus einem Kon­zert­abend eine thea­tra­li­sche Show und beein­druck­te mit sei­nen vari­an­ten­rei­chen Vokal­küns­ten.

Foto: Kumpf

Begon­nen hat­te das Fes­ti­val mit Her­bert Joos. Nach einer Ver­nis­sa­ge in der Goe­the-Men­sa mit acht (als­bald ver­kauf­ten) Blei­stift­zeich­nun­gen (Miles Davis, Chet Baker, The­lo­nious Monk, Jim­my Giuff­re) ging es neben­an in der Hos­pi­tal­kir­che ver­gnüg­lich tönend wei­ter. Dop­pel­be­ga­bung Joos kom­mu­ni­zier­te hier­bei mit dem flin­ken Pia­nis­ten Patrick Bebe­la­ar (her­aus­ra­gend sei­ne rasan­te Ver­si­on von Jobims „How Insen­si­ti­ve“!), des­sen lang­jäh­ri­gem Part­ner Frank Kroll (klang­lich zur nord­in­di­schen Shen­ai umfunk­tio­nier­tes Sopran­sa­xo­phon und knor­ri­ge Bass­kla­ri­net­te) und dem gewitz­ten Dres­de­ner Drum­mer Gün­ter „Baby“ Som­mer. Als Zuga­be lie­ßen die libe­ra­len Avant­gar­dis­ten stil­über­grei­fend einen def­ti­gen Twel­ve-Bar-Blues erschal­len.

Beim aus­ver­kauf­ten Sams­tag­abend­kon­zert beschränk­te sich der (wie Her­bert Joos) 77-jäh­ri­ge Trom­pe­ter Enri­co Rava auf das zunächst eigent­lich weich klin­gen­de Flü­gel­horn. Die Musik sprüh­te und funk­te, und Gitar­rist Fran­ces­co Dio­da­ti über­zeug­te als zwei­ter Haupt­ak­teur des ohne Noten und mit vie­len Impro­vi­sa­tio­nen und Inter­ak­tio­nen auf­spie­len­den Quar­tetts. Ver­zerr­te und auf­heu­len­de Elek­tro-Sounds wie von Jimi Hen­drix ver­ein­ten sich da gekonnt mit lyri­schen Blä­ser-Phra­sen im Ges­tus der Cool-Legen­de Chet Baker. Von Funk­ti­ons­har­mo­nik über den Bezug auf moda­le Ska­len bis zum Free Jazz reich­te die Spann­wei­te der musi­ka­li­schen Aus­drucks­mit­tel. Kom­ple­xe Klang­ge­bil­de im Sin­ne von Neu­er Musik und dann wie­der kräf­ti­ge Rock­rhyth­men bil­de­ten eine stim­mi­ge Ein­heit. Beson­ders zum Schluss des umju­bel­ten Kon­zerts leg­ten sich der Kon­tra­bas­sist Gabrie­le Evan­ge­lis­ta und der Drum­mer Enri­co Morel­lo ordent­lich ins Zeug.

KAJU - Foto: Kumpf

Jochen Feucht gerät in der Jazz­sze­ne zur Aus­nah­me­erschei­nung, wenn er zum „klas­si­schen“ Bas­sett­horn greift und auf der Tenor-Kla­ri­net­te in F mit einem samt­wei­chen Ton glänzt. Außer­dem bläst der 1968 in Biberach/Riss gebo­re­ne Feucht das Sopran­sa­xo­phon, mit dem er eben­falls ger­ne lieb­lich agiert. Neben­bei bringt er noch dezent ein paar klei­ne Klin­gel­glöck­chen und eine Mini-Trom­mel zum per­kus­si­ven Ein­satz.

Der Duo-Band­na­me „Kayu“ stammt aus dem Indo­ne­si­schen und heißt Holz. Karo­li­ne „Karo“ Höf­ler kon­zen­triert sich auf den wuch­ti­gen Kon­tra­bass und besticht rein akus­tisch mit volu­mi­nö­sem Sound, wobei sie ele­gant, beson­nen und recht „sang­lich“ vor­geht. Bemer­kens­wert ist ihr Sinn für das Nach­spü­ren des reich­hal­ti­gen Ober­ton­spek­trums ihres schwarz­brau­nen Kor­pus­sai­ters.

Schon beim übli­chen Ope­ner „Wel­co­me“, einer Kom­po­si­ti­on Feuchts, fas­zi­nier­te Karo Höf­ler zup­fend mehr­stim­mig mit­tels klar gesetz­ter Dop­pel­grif­fe, wäh­rend Jochen Feuchts Sopran fröh­lich, keck und tän­zelnd kor­re­spon­dier­te. Neben zahl­rei­chen Eigen­kom­po­si­tio­nen über­nahm das „Duo Kayu“ als inspi­rie­ren­den Aus­gangs­punkt für sei­ne aus­ge­dehn­ten Impro­vi­sa­tio­nen auch Fremd­ma­te­ri­al der bei­den Bas­sis­ten Char­lie Haden und Hen­ri Texier sowie des bra­si­lia­ni­schen Gitar­ris­ten Egber­to Gis­mon­ti.

Karlzon 3 - Foto: Kumpf

Mit dem Trio des schwe­di­schen Pia­nis­ten Jocob Karl­zon fand die 2017er-Aus­ga­be des Hal­ler Jazz-Art-Fes­ti­val­sihr ful­mi­nan­tes Ende. Erneut war in der Hos­pi­tal­kir­che aus skan­di­na­vi­schen Lan­den eine selbst­be­wuss­te Musik zu hören, nicht unbe­dingt Jazz in „Rein­kul­tur“. Dem schwe­di­sche Pia­nist Jacob Karl­zon stand jetzt der däni­sche Bas­sist Mor­ten Rams­bøl zur Ver­fü­gung. Regu­lä­rer Schlag­wer­ker des Ensen­bles blieb der in Istan­bul gebo­re­ne und in Stock­holm auf­ge­wach­se­ne Robert Meh­met Sinan Ikiz.

Als ein­zi­ges Tas­ten­in­stru­ment stand Karl­zon der vor­han­de­ne Stein­way zur Ver­fü­gung. Etwai­ge (sper­ri­ge) Syn­the­si­zer-Key­boards nahm er vom hohen Nor­den nicht mit auf die Flug­rei­se gen Süden. So stamm­ten jetzt die elek­tro­ni­schen Plüsch­klang­tep­pi­che nach fei­er­li­chem Orgel­hym­nus von einem Lap­top, wel­chen der umtrie­bi­ge Kla­vier­spie­ler mit­tels drei­er Extra-Peda­le ansteu­er­te – dar­ob hat­te Jocob Karl­zon stets bei­de Hän­de frei für den Flü­gel. Die­sen bedien­te er mehr­mals ganz solis­tisch bei lyri­schen Impres­sio­nis­men so, als sei­en es Kom­po­si­tio­nen von Clau­de Debus­sy. Da erin­ner­te der Vir­tuo­se außer­dem mit poly­pho­nem Geflecht und im Wohl­fühl­mo­dus an Keith Jar­rett und Esbjörn Svens­son.

Ansons­ten scheu­te Jocob Karl­zon vor kan­ti­gem Rock und zeit­geis­ti­gem Dance-Pop nicht zurück. Hier konn­te es rich­tig laut wer­den und mäch­tig kra­chen. Merk­lich ganz außer Atem war nach dem Ope­ner „Hig­her“, bei dem sich die Grup­pe stür­misch und eksta­tisch nach oben schraub­te, der Kon­tra­bas­sist Mor­ten Rams­bøl.

Das Stück Mons­ter wid­me­te der Schwe­de Karl­zon in sei­ner eng­lisch­spra­chi­gen Ansa­ge aus­drück­lich Donald Trump. Ärger über­kom­me ihn, wenn er dar­an den­ke – an den US-ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten und beim Musi­zie­ren. Ein irr­wit­zi­ges Tem­po wur­de bei die­ser skur­ri­len Art einer „Dedi­ca­ti­on“ vor­ge­legt, wie eine alles zer­stö­ren­de Dampf­wal­ze erschreck­te der Rhyth­mus; aus dem digi­ta­len Off ertön­ten mys­te­riö­se Flö­ten­klän­ge. Knall­hart trak­tier­te Meh­met Ikiz der­weil sein Drum­set.

Ikiz konn­te anschlie­ßend auf der nun in Blau­licht getauch­ten Büh­ne auch anders: Bei einer aus­ge­dehn­ten Solo­im­pro­vi­sa­ti­on mit einem Tam­bu­rin demons­trier­te er ele­gant, wel­che Klang­nu­an­cen aus einer simp­len Rah­men­trom­mel her­aus­zu­ho­len sind. Ein wah­rer ori­en­ta­li­scher Geschich­ten­er­zäh­ler.

Ver­an­stal­tet wur­de das erfolg­reich ver­lau­fe­ne 11. Jazz-Art-Fes­ti­val ver­eint vom städ­ti­schen Kul­tur­bü­ro, dem ört­li­chen Jazz­club, dem Kon­zert­kreis Tri­an­gel sowie dem neben und über (!) der Hos­pi­tal­kir­che ansäs­si­gen Goe­the-Insti­tut. Im Vor­feld des fünf­tä­gi­gen Fes­ti­val­kerns wur­den – wie gewohnt – eini­ge „Plus“-Veranstaltungen ein­ge­plant, bei­spiels­wei­se im Kino (Spiel­film “Miles Ahead“) oder eine mit­ter­nächt­li­che DJ-Dan­ce­jazz­par­ty.

 

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Text und Foto­gra­fie von Hans KumpfKumpfs Kolum­nen

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