Trompeter Joo Kraus trat mit Streichquartett in der Haller Kunsthalle Würth auf


Lamentierende Lieblichkeiten

„Ausverkauft“ vermeldeten die Medien etliche Tage vor dem Event der besonderen Art.

Dabei musste man sich lediglich im Internet anmelden und konnte das Gratis-Ticket daheim selbst ausdrucken. Obendrein wurde das werte Publikum in der Pause zu Wein und Snacks eingeladen. Der Campus Künzelsau von der Hochschule Heilbronn hatte für Betriebswirtschaftsstudenten wieder eigens eine Künstlerdozentur eingerichtet. Kulturmanagement mal hautnah – und als international renommierter Gast fungierte jetzt der Trompeter Joo Kraus, für den es ein Konzert zu organisieren galt.

Der 52-jährige Ulmer, der übrigens schon wiederholt beim Jazz-Art-Festival in der Hospitalkirche performte, brachte in die Kunsthalle nicht nur sein bewährtes Quartett mit: Veit Hübner präzise intonierend am fünfsaitigen Kontrabass, Torsten Krill mit den Besen subtil und extrem leise am Schlagzeug sowie fein dosiert am Keyboard anstelle von Ralf Schmid der Mainzer Ulf Kleiner. Vielmehr umgab er sich erneut mit vier „klassischen“ Streichern, die aktuell von den Würth Philharmonikern kamen. Zur großen Feier seines 50. Geburtstags im Stuttgarter Theaterhaus stand Joo Kraus gar ein ausgewachsenes Kammerorchester zur Verfügung, ansonsten kooperierte er immer wieder mit verschiedenen Streichquartetten. Das nötige Notenmaterial war also längst vorhanden. Vielleicht bis auf eine Ausnahme: Das Arrangement von „Peace“ des souligen Hard-Bop-Pianisten Horace Silver (1928–2014). Zumindest in dieser Spezial-Version beging die weltbekannte Erfolgsnummer ihre „absolute Uraufführung“ (Kraus) in Schwäbisch Hall.

Freilich: Komplizierte Klangexperimente brauchten die klassisch geschulten Saitenkünstler an dem Abend nicht ausführen. Die kompakten Kompositionen konnten die Profis eigentlich „prima vista“, vom Blatt eben, interpretieren. Auffallend viel rhythmisch gezupfte Pizzicati anstatt betulicher Bogenarbeit blieb hier zu konstatieren. Solistisch – aber nicht improvisatorisch – traten gelegentlich der 1. Geiger Catalin Desaga doppelgriffig sowie herzhaft der Cellist Alexandre “Sascha” Bagrintsevhervor. Gegebenenfalls im Jazzidiom etwas zu swingen bedeutete für die vier eigentlichen Klassiker (als zweiter Violinist war zuverlässig Andrei Sitnikau tätig, und Ivo Krastev spielte elegant eine Bratsche mit außergewöhnlich großem Korpus)keine Schwierigkeit.

Genre-Grenzen interessierten Joo Kraus bekanntlich nie. Tänzelte er früher geradezu hyperaktiv auf der Bühne herum und war dem Hip-Hop rappend nicht abhold, so lässt er es mittlerweile etwas geruhsamer angehen. Freilich vereinnahmt er die Popmusik gerne. Mit Michael Jacksons gezähmtem „Beat It“ eröffnete er ziemlich „unplugged“ den gediegenen Konzertabend. Besinnliche Balladen und keine aufheulende Reißer waren zumeist angesagt. Nicht nur auf dem fülligen Flügelhorn, auch auf der ebenso äußerlich matten Trompete blies er sehr weich, leise und gefühlvoll. Musikalisch überaus „stachelig“ gestaltete Joo Kraus Stings populären „Englishman in New York“ – keck, akzentuiert mit rasanter Zungenfertigkeit.

Als drittes Stück hatte Joo Kraus von dem französischen Tondichter Maurice Ravel (1875–1937) die tragische „Pavane pour une infante défunte“ („Pavane für eine verstorbene Prinzessin“) ausgesucht und den eigentlichen Schreittanz italienischer Provenienz in mittlerem Tempo genommen. Zufall oder nicht: Die Zuhörer wurden anstelle eines Eintrittsgeldes um Spenden für den gemeinnützigen „Hospizdienst für junge Menschen“ gebeten.

Eine Reminiszenz an den Münchener Disco-Sound der 1970er Jahre hatte mit forschen Streicher-Einsprengseln schon Ohrwurmcharakter. Der wendige Trompeter pfiff sich eins und betätigte sich zudem erneut als Sänger, wobei er an die introvertierte wie verletzliche Tenorstimme von Chet Baker erinnerte.

Die straffe Konzeption der über ein Dutzend zur Aufführung gelangten Kompositionen und Arrangements ließ ausführliche Improvisationen nicht zu. Insgesamt zeugten die Werke aber doch durch ihre Stimmigkeit. Allenthalben ein Lob der Langsamkeit – auch bei Stings besinnlichen Song „Russians“, der seinerzeit gegen US-Präsident Ronald Reagan wetterte und global für mehr Mitmenschlichkeit plädierte. Gänzlich aus eigener Feder des Bandleaders stammten das lamentierende „Shelter“ und „Quiet Miles“ mit homophonen Streicheraktionen und einem überaus interaktiven Improvisationsduo von E-Piano und Bass.

Jazzpages Logo

Schreibe einen Kommentar

Scroll Up

Durch die weitere Nutzung der Seite Stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen