David Murray mit dem „Black Saint Quartet“ in der Rüsselsheimer Jazzfabrik, 10. März 2008

Mit seiner schier grenzenlosen Technik könne David Murray in den höchsten Lagen Töne spielen, von denen niemand gedacht habe, dass sie überhaupt existieren, hatte sich einst der Kritiker Martin Williams gewundert. Der amerikanische Saxophonist springt in der Tat mit flexiblem Ton und expressiver Kraft urplötzlich in überspitzte und überblasene High-Note-Register, um dann wieder zu sonoren Melodielinien zurückzufinden. Gegen Ende des zweistündigen musikalischen Non-Stop-Marathons steht der 53-Jährige auf der Backstage-Bühne des Rüsselsheimer Theaters und lauscht verzückt dem leisen Echo seiner himmelsstürmenden Soli nach, scheinbar abwesend und dennoch beweisen wollend, dass er noch nichts von seiner emotionsgeladenen Virtuosität eingebüßt hat.

Das Konzert beginnt mit „Waltz again“, einer Komposition, die Murray seinem Vater gewidmet hat. „Die Musik muss wieder swingen“, hatte der Tenorsaxophonist und Bassklarinettist nach einer wilden Free-Jazz-Phase proklamiert. Swingende Passagen sind im „Black Saint Quartet“ vor allem dem Begleit-Trio vorbehalten. Pianist Lafayette Gilchrist, der mit einem dicken Hefter voller handgeschriebener Notenblätter, dem „Murray PowerQuartet Book“ und Vermächtnis des legendären Pianisten John Hicks auf die Bühne kommt, schwelgt in langen perlenden Läufen, verziert die Soli des Bassisten Jaribu Shahid mit sparsamen Single-Note-Trauben, kann aber auch wuchtige Akkordblöcke schichten, wenn er die ekstatischen Tenorläufen Murrays untermalt. Shahid begleitet eher unauffällig, nimmt in seinen Alleingängen aber mit reizvollen harmonischen Wendungen und Variationen gefangen und greift in „Banish“, der Titelmelodie der gleichnamigen Filmdokumentation über die Vertreibung der Schwarzen aus dem Süden Amerikas in den Jahren zwischen 1890 und 1930, zum Bogen, um mit dem Kontrabass con arco über das Thema zu improvisieren und zum flirrenden Bassklarinettensolo Murrays überzuleiten.

In „Step down“, das der politisierende Jazzmusiker in der Ansage satirisch Mugabe, dem Diktator aus Simbabwe, widmet, wie später auch in einer kreolisch orientierten Komposition, erweist sich Hamid Drake als ein Hochgeschwindigkeits-Drummer, der über einem durchlaufenden Beat trotz des unglaublichen Tempos auf einem melodisch gestimmten Set äußerst differenziert trommelt.
Natürlich nutzt Murray seine explosiven Soli auf dem Tenorsaxophon, um als Meister der Zirkularatmung, endlose und manchmal zu lange Läufe zu zelebrieren. Auf der anderen Seite wechselt der Bandleader – der immer wieder regulierend in das Quartettspiel eingreift – auf der Bassklarinette zwischen knallenden Tonfolgen und sanften, balladesken Linien von hymnischer Kraft. In manchen Phasen und Phrasen erinnert der Saxophonist an die treibenden Stakkati wie auch die Spiritualität John Coltranes, dem Murray schon in der Vergangenheit viele Kompositionen gewidmet hat. In Rüsselsheim ehrte er mit „Merry Steps“ die berühmte Coltrane-Einspielung „Giant Steps“. Da windet er sich auf der Bühne, springt, wirft den Kopf in den Nacken und verausgabt sich in rasenden Läufen. Auch wenn die Mitspieler hin und wieder durch seine Unberechenbarkeit verunsichert sind, kann das Konzert mit seiner wilden Leidenschaft mitreißen.

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