Daniel Stelter im „Kulturgut“, 05. Januar 2018

Roland Kalus vom Kul­tur­gut Bech­tols­heim fin­det auf der klei­nen Büh­ne kaum Platz für die Ansa­ge. Akku­rat ste­hen in ihren Stän­dern eine Lakewood-Bari­ton‑, eine „nor­ma­le“ Konzert‑, und eine elek­tri­sche Gitar­re neben der acht­sai­ti­gen Man­do­li­ne des Ingel­hei­mer Künst­lers. Duo-Part­ner Tom­my Bal­du hat zusätz­li­che eine akus­ti­sche Gib­son-Gitar­re, die er aller­dings als Rhyth­mus-Instru­ment und in „Kri­kel-Kra­kel“ deren Kor­pus zur Per­cus­sion nutzt. Er hat neben der Rah­men­trom­mel Frame, diver­sen fein abge­stimm­ten Schlag­zeug­trom­meln und Becken zusätz­lich Ras­seln und Schel­len mit­ge­bracht.

Der Ingel­hei­mer Gitar­rist Dani­el Stel­ter ist ein Vir­tuo­se des Fin­gerstyle oder –picking-Spiels mit und ohne Plek­trum auf dem sechs­sai­ti­gen Instru­ment. Er hat eine Vor­lie­be für tönen­de Pau­sen, schließt sei­ne Riffs mit Knall­ef­fek­ten hart ange­ris­se­ner Sai­ten ab, gefällt sich in Har­mo­nie­va­ria­tio­nen und Osti­na­ti. Meis­ter­haft prä­sen­tiert er beim Kon­zert mit dem Duo-Part­ner Tom­my Bal­du jenes Spiel, bei dem meist drei Fin­ger der Bass­hand in geschmei­di­gen Ton­ab­fol­gen die Melo­die­li­ni­en der ande­ren auf dem Hals mit sei­nen Bün­den abrun­den.

Begon­nen hat das span­nen­de und abwechs­lungs­rei­che Kon­zert mit einer Solo­in­ter­pre­ta­ti­on des Richard Rogers-Jazz­klas­si­kers „My Favo­ri­te Things“, des­sen Melo­die in der Bear­bei­tung Stel­ters immer wie­der auf­taucht. Für den Anhän­ger des expe­ri­men­tel­len Jazz war aller­dings die Kom­po­si­ti­on „Begeg­nung“ von Bal­du das auf­re­gends­te Stück des Abends. Bei einem ein­lei­ten­den Solo des Drum­mers mit Don­ner­schlä­gen und Trom­mel­wir­beln, in die Stel­ter mit der E‑Gitarre samt elek­tro­ni­schen Ver­frem­dun­gen flä­chi­ge Tep­pi­che ver­webt oder die er mit Bot­t­len­eck-Glis­san­di und Ver­zer­run­gen ver­stärkt. So stei­gert sich das Duo zu einem Cre­scen­do. „Anar­cho“ nennt Bal­du im pri­va­ten Gespräch die­se Lär­mor­gie, die ein wenig aus dem „gesit­te­ten“ Rah­men des Kon­zer­tes fällt. Zuvor schon trieb der Per­kus­sio­nist beim rasan­ten „Taxid­ri­ver“ mit den Besen auf dem schwar­zen Kunst­stoff-Ord­ner sei­ner Steu­er­klä­rung das Tem­po des Gitar­ris­ten vor­an. Das Publi­kum im aus­ver­kauf­ten Saal ist begeis­tert und spen­det anhal­ten­den Applaus.

„Wir spie­len natür­lich Stü­cke von der CD „Hum­ming songs“, aber auch ande­re akus­ti­sche Kom­po­si­tio­nen“, erklärt Stel­ter vor dem Kon­zert. Wie immer bei sei­nen Auf­trit­ten fas­zi­niert der jugend­li­che, aber eta­blier­te, Künst­ler mit einer Fül­le von spon­ta­nen Ide­en, zupft und schlägt die Sai­ten kon­zen­triert. Er ver­zieht kaum eine Mie­ne. Sein Duo-Part­ner scheint hin­ge­gen alle Aktio­nen mit­zu­er­le­ben, ver­zieht den Mund und schnei­det unbe­wusst Gri­mas­sen. Manch­mal bleibt er – wie im blues­ge­färb­ten „Tabs“ – mit erho­be­nen Klöp­peln wie ein „Luft-Drum­mer“ hin­ter einem Equip­ment ste­hen, bevor er zum fina­len Schlag aus­holt.

Zur Man­do­li­ne greift Stel­ter bei „Stra­ßen­staub“, zur neu­en Bari­ton-Gitar­re bei der Bear­bei­tung des Sting-Hits „Fields of Gold“. Ein­mal in „Split Heart“ singt Stel­ter sogar – aber das wäre nicht nötig gewe­sen, nach­dem die vor­her­ge­hen­de Kom­po­si­ti­on „All“ den Blick eines Astro­nau­ten auf den zer­brech­li­chen blau­en Pla­ne­ten Erde mit expres­si­vem Gitar­ren­spiel des Künst­lers asso­zi­iert.

Im „Mo bet­ter Blues“ des Jazz-Saxo­pho­nis­ten Bran­ford Mar­sa­lis und des Trom­pe­ters Terence Blan­chard aus dem Jahr 1990 ergänzt Bal­du die mit­rei­ßen­den Gitar­ren­riffs Stel­ters auf der dun­kel tim­brier­ten und mit einen Tuch bedämpf­ten Frame.

„Die Gitar­re ist das kleins­te Orches­ter der Welt“, zitiert Stel­ter den berühm­ten Kol­le­gen John Wil­liams. Das Kon­zert im Bech­tols­hei­mer Kul­tur­gut ist Beweis für die­se Aus­sa­ge.

Die aktu­el­le CD:

„Hum­ming Songs“, also 14 gesumm­te Momen­te, heißt die jüngs­te CD, auf der neben dem Duo der Bas­sist Micha­el Pau­cker und der Rho­des-Spe­zia­list Ulf Klei­ner zu hören sind. Stel­ter und Klei­ner spre­chen von „Melo­di­en vol­ler Leich­tig­keit“, denn es gebe die­se Momen­te, „in denen einem auf ein­mal eine Melo­die auf den Lip­pen liegt. Man fängt an zu sum­men – und plötz­lich ist ein neu­es Lied da.“ So erklä­ren die Künst­ler ihre Musik, die eine Mischung aus Jazz, Pop, Rock und Klas­sik mit aus­ge­feil­ten Gitar­ren­li­ni­en und nahe­zu sanf­ter Instru­men­tie­rung zu hören sind, wobei die gezupf­ten oder glis­san­die­ren­den Läu­fe Stel­ters in Klei­ners zumeist per­len­den Key­board-Impro­vi­sa­tio­nen ihren Gegen­part fin­den und das Bass-Spiel Pau­ckers den typi­schen Stel­ter-Quar­tett-Sound abrun­det.

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