Sebastian Sternal Interview, geführt von Klaus Mümpfer

Die “Sternal Symphonic Society” verknüpft Jazz-Combo und klassisches Streichquartett

Sebastian Sternal / Foto: Klaus Mümpfer

Sein Antrittskonzert als Professor für Jazzklavier an der Musikhochschule der Mainzer Universität begann Sebastian Sternal mit einem Solo, das von Lyrismen und Klassik ebenso geprägt war, wie von swingenden Jazz-Läufen. Dennoch fand er immer wieder die Kraft aus den fließenden Improvisationen auszubrechen und in ekstatischen Läufen geradezu zu explodieren. Diese musikalische Breite und Kontraste sind auch charakteristisch für die neun Stücke seines jüngsten Projektes „Sternal Symphonic Society“, eine gelungenen Symbiose von Jazz und Klassik in gleichberechtigter Partnerschaft.

Der gerade 28 Jahre junge Professor in Mainz, der zudem Jazz-Theorie und -Klavier an der Musikhochschule in Köln lehrt, studierte Jazzklavier und Komposition in Köln und Paris, erhielt 2007 den WDR-Jazzpreis und 2010 den Concours piano jazz Martial Solal sowie ein Stipendium der Studienstiftung des deutsche Volkes. Er spielte mit Dee Dee Bridgewater und John Riley, konzertierte in USA, Südafrika und zahlreichen Ländern Europas. 2009 erschien seine Debut-CD „Eins“, ein Jahr später seine zweite CD mit dem Titel „Paris“, eine musikalische Erinnerung an sein Studium in der französischen Hauptstadt. Nun legt der Pianist eine Aufnahme vor, die ihn in erster Linie als ideenreichen Komponisten mit großer musikalischer Bandbreite ausweist. „Sternal Symhonic Society“ vereint herausragende junge Musiker aus den Bereichen Jazz und Klassik in einem elfköpfigen sinfonischen Ensemble. Darunter sind einige der derzeit gefragtesten Musiker Deutschlands wie Pablo Held, Jonas Burgwinkel, Frederik Köster, Niels Klein und Erik Schumann.„Die Kompositionen verbinden Miles Davis und Debussy, Brahms und Herbie Hancock und schaffen so eine vielfarbige orchestrale Klangwelt“, verspricht der PR-Text. Klaus Mümpfer sprach mit Sebastian Sternal über sein ambitioniertes Werk.

MÜMPFER: Es gibt eine Reihe von Projekten „Jazz meets Classic“. Viele Versuche beschränken sich allerdings darauf, Klassik neben Jazz in einem Programm nebeneinander zu präsentieren. Bei „Sternal Symphonic Society“ geht es indessen darum, beide musikalische Welten zu verschmelzen. Jazz und Klassik sollen intensiv miteinander verwoben werden – und dies in einer Form des sinfonischen Jazz, wie wir ihn ähnlich vor Jahrzehnten bei Stan Kenton hörten. Beim ersten Satz mit den ostinaten Rhythmusfiguren werden außerdem Erinnerungen an die Einspielung der Siegel Schwall Blues Band mit Orchester in San Fransisco wach. Deshalb zunächst meine Frage nach dem Ziel dieses Projektes.

STERNAL: Eigentlich geht es mir gar nicht so sehr um eine weitere Verbindung von Jazz und Klassik, ich bin eher von der Frage ausgegangen: In welches „Klanggewand“ möchte ich meine Kompositionen kleiden? Es geht mir da nicht unbedingt um eine Form des Crossover, wie Du es angedeutet hast. Wenn, dann höchstens auf der Ebene der Musiker, denn die kommen einerseits aus dem Jazz , andererseits aus der Klassik. Aber die Musik, die sie auf der CD spielen, das ist sozusagen meine derzeitige kompositorische Vision.

MÜMPFER: Bedeutet dies, dass die Klangvorstellung zunächst im Kopf vorhanden war und du versuchst, diesen Sound zu realisieren, indem Du Musiker aus dem Jazz und der Klassik zusammenführst?.

STERNAL: Genau. Und natürlich sind viele klassische Einflüsse in meiner Musik vorhanden, denn ich bin mit dieser Musik aufgewachsen. Ich nahm als Kind zuerst klassischen Klavierunterricht. Wenn es darum geht, zu erklären, wieso ich auf genau diese Besetzung kam, dann sind vielleicht zwei Aspekte interessant: Ich habe das Projekt „Blauklang“ von Vince Mendoza im WDR-Funkhaus vor einigen Jahren gehört, bei dem ein Streichquartett in ein größeres Ensemble integriert wurde. Das war zwar anders besetzt, aber dieser Klang gefiel mir sehr gut. In diesem Gewand konnte ich mir auch meine Musik gut vorstellen. Zum anderen habe ich ein Jahr in Paris studiert. Damals – und das liegt wohl auch an der Tradition der Stadt – habe ich mich viel mit klassischer Musik beschäftigt und zahlreiche Streichquartette analysiert. Speziell der Klangkörper eines Streichquartetts hat mich schon immer fasziniert. Daher wollte ich die improvisatorischen Fähigkeiten einer Jazzband mit dem tiefen Sound eines Streichquartetts verbinden. Aber – und das war mir immer ganz wichtig -, die Streicher sollen nicht als Klangteppich dienen oder „drauf gesetzt“ werden, sondern als eigenständiges Element innerhalb dieser Band agieren. Eine Begegnung auf Augenhöhe.

MÜMPFER: Ich weiß nicht, ob Du Sebastian Laverny kennst. Er sagt, es gehe darum, dass sich Jazz und Klassik gegenseitig befruchten und eine ganz neue Qualität entwickeln.

STERNAL: Genau! Eine neue Klangqualität ist das Ziel. Es darf nicht dazu kommen, dass die Partner jeweils nur mit halber Kraft spielen. Beide sollen Ihre Stärken voll ausreizen. Dass die Streicher nicht improvisieren, ist hier keineswegs ein Nachteil. Sie bringen einfach etwas anderes ein – ihre Virtuosität, Musikalität und eine beeindruckende Klangkultur.

MÜMPFER: Für einen Jazzmusiker, der doch stark in der Tradition verwurzelt ist, hast Du sehr viele freie und moderne Elemente in die Komposition eingefügt, die sowohl von der E-Avantgarde als auch vom Free Jazz inspiriert sind.

STERNAL: Du hast Recht, das ist der Fall.

MÜMPFER: Das überrascht, denn wenn ich an das Antrittskonzert in der Musikhochschule zurückdenke, glaube ich, dass Du als Musiker und als Pianist eher in der Tradition oder gar der Romantik verwurzelt bist.

STERNAL: Für mich gibt es neben dem Jazz verschiedene klassische Einflüsse. Wenn ich einige Komponisten nennen müsste, sind das sicherlich Brahms, Debussy und Ravel – aber eben auch Bartok und Strawinsky.

MÜMPFER: Es gibt auf der CD in dem einen oder anderen Satz Saxophon-Soli, die sehr free gestaltet werden. Deshalb meine Bemerkung. Denn dies unterscheidet sich von dem, was man bisher von Sebastian Sternal kennt. Sind solche Passagen aus der Person des Komponisten und dessen Soundverständnis entsprungen oder sind es einfach nur Experimente?

STERNAL: Vielleicht beides. Solche Elemente sind mit Sicherheit auch Experimente. Aber weil ich bei dieser Platte in ersten Linie ein Statement als Komponist abgebe –auch wenn selbst bei zwei Stücken Klavier spiele, weil ich es doch nicht ganz lassen konnte – habe ich als Komponist einmal die ganze Bandbreite der Soundmöglichkeiten auskosten wollen. Die freieren Abschnitte sind also auch ein Teil von mir, den ich bisher noch nicht gezeigt bzw. entdeckt hatte. Ich wollte sozusagen festhalten, was es alles in meiner musikalischen Welt gibt.

MÜMPFER: Auch die Möglichkeiten ausloten?

STERNAL : Auch ausloten. Darum geht es mir: Überall um mich herum aber eben auch in mir selbst zu erforschen, was es noch so gibt, nicht stehen zu bleiben. Dabei bin ich sicher noch nicht am Ende der Reise angekommen, sondern hoffentlich stets dabei, zu entdecken und mich weiter zu entwickeln.

MÜMPFER: Eine Entwicklung ist auch auf dieser CD zu verfolgen, wenn die neun Stücke oder Sätze miteinander in Beziehung gesetzt werden.

STERNAL: Das kann man durchaus so sehen, zum Beispiel steht das dritte Stück „Wo Träume Bäume sind“ zu dem vorhergehenden „Ghana“ in einem Kontrast, der gewollt ist. Beide Seiten gehören zu mir. Auch wenn die harmonische Grund-Idee des dritten Stückes in meinem Trio noch nicht zum Tragen kam. Das ist vielleicht eine neue Sichtweise, die man diesmal bei mir entdecken kann.

MÜMPFER: Welche technischen Möglichkeiten bieten sich an, um ein solches Projekt zu realisieren?

STERNAL: Das ist ein weites Feld. Denn in einem großen Ensemble hat man natürlich auch mehr Möglichkeiten.

MÜMPFER: Läuft man Gefahr, sich zu verirren.

STERNAL: Das kann sein. Hilfreich war aber, dass ich von Anfang an, eine klare Vorstellung vom Klang hatte. Dann habe ich im Prozess des Schreibens auch unerwartete Dinge entdeckt. Und der letzte Schritt ist natürlich immer, vor der Band zu stehen und echte Menschen das spielen zu hören. Da merkt man: An dieser Stelle kann ich noch weiter gehen, an einer anderen besser nicht. Diese Mischung aus der Idee, die ich im Vorhinein hatte, und der praktischen Ausführung hat zu dem geführt, was nun zu hören ist.

MÜMPFER: Wie weit ist denn die Musik durch die Auswahl und Mitwirkung der Musiker beeinflusst? Wie weit mussten die Eigenheiten der Musiker eingearbeitet werden?

STERNAL: Ich hatte zum Teil beim Scheiben bereits konkrete Vorstellungen, wer welches Instrument spielen sollte. Für die Klavierposition konnte ich mir nur Pablo Held vorstellen. Der Klangkörper seines Trios prägt natürlich die Aufnahme stark. Dann der Sound von Trompeter Frederik Köster, den ich einmalig finde oder die Expressivität des Saxophonisten Claudius Valk. Das sind einige Dinge, die sehr stark die Aufnahme formen, auch wenn der kompositorische Anteil definitiv recht groß ist. Aber selbst wenn nicht improvisiert wird, sind ja Phrasierung und Sound der jeweiligen Musiker individuell sehr verschieden. Insofern würde das Projekt mit anderen Musikern deutlich anders klingen, auch wenn sie dieselben Noten spielen.

MÜMPFER: Das führt zur Frage, wie weit die Kompositionen notiert sind?

STERNAL: Es ist ein Zusammenspiel beider Prinzipien: Komposition und der Improvisation. Vieles ist niedergeschrieben, aber es muss auch viel Raum zum Improvisieren geben. Beide Prinzipien sollen sich aneinander abarbeiten. Das wird zum Beispiel ganz spannend deutlich in „Träume Bäume“, wo die Parts des Streichquartetts notiert sind und Claudius Valk dagegen improvisiert. So entstehen Frage-Antwort-Situationen. Genauer gesagt: es klingt so, denn die Antwort auf Claudius ´Frage stand ja durch die Notation bereits fest. (Sternal lacht). Ich habe mich an der klassischen Aufgabe eines Jazz-Komponisten versucht: einen Rahmen für die Improvisation zu schaffen.

MÜMPFER: Ist die Auswahl der ausschließlich jungen Musiker eine Generationenfrage oder eine eher geographische?

STERNAL: Beides, denn alle stammen aus Köln – also geografisch – doch mit den meisten habe ich auch gemeinsam studiert – insofern also auch einen Generationenfrage. Ich überlegte, wessen Klang in mein Konzept passt, bin dann gezielt auf die Musiker zugegangen und stieß sofort auf große Bereitschaft. Die Streicher wussten zwar nicht, was auf sie zukommt, aber Erik Schumann und sein Quartett waren sofort dabei. Diese Neugierde und Abenteuerlust wünsche ich mir von anderen Musikern – und natürlich auch von mir selbst.

MÜMPFER: Immerhin hat es dazu geführt, dass Musiker aus Klassik und Jazz ihren Kernfähigkeiten treu bleiben und dennoch zur Symbiose geführt werden konnten.

STERNAL: Ja, das war das Ziel. Das war ein toller Prozess mit der Band, ich bin sehr zufrieden und überzeugt davon, dass das Ergebnis mehr ist als die Summe der Einzelteile, wie man so schön sagt. Ich freue mich schon, wenn wir im Oktober auf Tour gehen.

Die Platte erscheint erschien am 5. Oktober 2012 bei Traumton Records. Anlässlich der Veröffentlichung geht Sternal mit dem Projekt auf Tour. Nach Köln, Osnabrück und Düsseldorf, stellt er das Projekt am 25. Oktober in Mainz an der Musikhochschule, vor. Die Tournee wird gefördert durch die Stadt Köln, die Kunststiftung NRW sowie das Land Nordrhein-Westfalen.

Website Sebastian Sternal

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