Kein Aprilscherz: 1951 fing Erwin Lehn beim Stuttgarter Radio großorchestral das Swingen an

Das vierte – auf Regionalität und ältere Zuhörerschaft zugeschnittene – Radioprogramm des Südwestrundfunks feierte in seinen sonntagabendlichen 2-Stunden-Sendungen seit geraumer Zeit das 70-jährige Bestehen seiner Big Band. Am 1. April 1951 gründete Erwin Lehn (1919 – 2010) sein „Südfunk Tanzorchester“. Selbst im Rentenalter führte Lehn das Jazzorchester noch weiter, bis 1992 die beiden Trompeter Rudi Reindl und Karl Farrent die organisatorische Verantwortung übernahmen. Kurz vor dessen 65. Geburtstag führte Hans Kumpf am 2. Juni 1984 mit ihm ein Interview.


Hans Kumpf:  Wie geht’s weiter – mit der Band und mit Ihnen?

Erwin Lehn: Solange ich körperlich noch fit bin, würde ich noch eine Weile weitermachen. Der SDR-Programmdirektor Dr. Kehm sagte mir vor zwei Jahren, dass der Sender interes­siert sei, den Klangkörper zu erhalten

Hans Kumpf: In den 50er Jahren waren Sie der große „Jazz Hurricane“ – diesen Titel haben Sie nicht selbst erfunden. Damals traten Sie wiederholt beim Deutschen Jazz Festival in Frankfurt auf. Trauern Sie diesen erfolg­reichen Jazz-Zeiten nach?

Erwin Lehn: Es gab damals in Deutschland ein paar Jazz-Aktivitäten mehr. Das hat sich leider etwas reduziert. Und ich bin darüber hinaus froh, dass wir beim, Süddeutschen Rundfunk so viel Gelegenheit haben, Jazz zu spielen, auch die Veranstaltungen durchzuführen. In den „Wochen der Leichten Musik“ konnten wir auch experimentelle Dinge durchführen. Ich weiß nicht, ob sich die Festivals in irgendeiner Form totgelaufen haben. In der Nachkriegszeit war doch mehr oder spontaneres Interesse vorhanden. Heute ist eben auch das Freizeitangebot viel größer als damals.

Hans Kumpf: Wie sind Sie mit dem SDR und Ihren Musikern vertraglich verbunden?

Erwin Lehn: Als ich nach Stuttgart kam, hat man mich vor die Tatsache gestellt, dass man es auf dieser Basis geplant hatte: Die Musiker sind meine Angestellten, ich habe einen Vertrag mit dem Süddeutschen Rundfunk, bekomme einen monatlichen Etat. Ich bin auch nur freier Mitarbeiter des SDR, mein Vertrag verlängert sich auto­matisch mit einer entsprechenden Kündigungsfrist. Und ich habe die ganzen so­zialen Dinge meiner Musiker zu erledigen, inklusive einer Lebensversicherung, die ich für jeden abgeschlossen habe, der länger als zwei Jahre bei mir im Orchester ist. Ich muss einstellen, muss aber auch entlassen – je nachdem, wie die Gegebenheiten sind.

Hans Kumpf: Welche prominenten Gesangssolisten hatten Sie in Ihrer Band?

Erwin Lehn: Angefangen bei Caterina Valente, Peter Alexander beim Fernsehen. Ich habe bei Galas die Rothenberger und den Udo Jürgens. Ich glaube, mit allen Namhaften, die jetzt auch noch im Geschäft sind, haben wir zusammen gearbeitet – entweder im Funk oder auch bei Veranstaltungen…

Hans Kumpf: Warum bringen Sie jetzt weniger Platten als früher heraus? Hängt das mit dem Vertrag zwischen Ihnen und dem Südfunk zusammen?

Erwin Lehn: Das hat mit dem Südfunk nichts zu tun. Das ist lediglich die Schallplattensi­tuation auf dem deutschen Markt. Wenn man in Rechnung stellt, dass jeden Monat mindestens 180 LPs in Deutschland veröffentlicht werden (dazu kommen noch die vielen Single-Platten), dann erkennt man, dass auf dem Sektor, den wir mit der Big Band zu betreuen haben, eben wenig Absatzmöglichkeiten sind. Und die Schallplattenfirmen gehen eben nur nach dem, was sich verkaufen lässt.

Hans Kumpf: Und so etwas wie Hugo Strasser und seiner Gebrauchsmusik passt Ihnen auch wieder nicht?

Erwin Lehn: Ich habe zwei Platten gemacht „im strikten Tanztempo“. Das hängt eben von der Plattenfirma ab. Ich habe mich sehr wenig darum kümmern können, weil ich mit meiner Aufgabe beim Süddeutschen Rundfunk so voll ausgelastet bin. Ich muss ja nicht nur vor dem Orchester stehen, sondern auch die ganze administrative Arbeit selbst erledigen: Arrangement, Titel heraussuchen, Verbindung zum SDR. Ich muss alles organisieren, und dann die Vorbereitungen für die diversen Veranstaltungen. Es ist schon ein full-time-job, den ich zu erledigen habe. Die Schallplat­te ist immer mehr oder weniger nebenher gelaufen. Was ich nie versucht habe: Irgendwo eine Masche zu reiten. Das lassen meine musikalischen Ambitionen nicht zu. Wir müssen beim Sender möglichst vielseitig arbeiten, um keine „Langeweile“ entstehen zu lassen.

Hans Kumpf: Wie würden Sie den Lehn-Sound beschreiben, und hat dieser sich verändert seit 1951?

Erwin Lehn: Die äußeren Einflüsse machen sich bemerkbar, und man kann auch an dem Zeitge­schmack nicht vorbeigehen. Man muss immer wieder versuchen, das was man hört, zu sortieren, das Positive, was sich auf die Big Band anwenden lässt, auf die Big Band zu übertragen. Wir machen heute auch Rock-Aufnahmen, soweit man sie für Big Band realisieren kann. Das sind Einflüsse, an denen man einfach nicht vorbeigehen kann, wenn man am Publikum nicht vorbeiproduzieren will.

Hans Kumpf: Das waren jetzt die Veränderbarkeiten vom Lehn-Sound. Aber wie kann man diesen Klang beschreiben, die Trompeten, die immer gepflegt und dezent sind? Wie kann man den Lehn-Sound heraushören? Das liegt ja sicherlich nicht nur an den Ar­rangements, sondern auch daran, wie Sie die Band fordern, und an der Aufnahme­technik.

Erwin Lehn: Jeder hat seinen persönlichen Geschmack. Ich versuche alles in der Musik so kultiviert wie nur irgend möglich zu spielen. Eine gewisse Ästhetik muss vorhan­den sein, meine ich. Das fängt an mit der Intonation, über die Präzision und so­ weiter. Es ist ganz klar, dass man dann auch entsprechend die Musiker aussucht. Die Arrangeure haben ein gewichtiges Wort mitzureden… Dazu kommt die Raum­akustik als solche und obendrein, was die Technik in Verbindung mit meiner Per­son bei der Mischung daraus macht… Man muss dabei tolerant sein und muss auch die anderen zur Geltung kommen lassen….

Hans Kumpf: … im Jazz Podium hatten Sie einen Leserbrief über die Schallplattensituation!

Erwin Lehn: Wenn die Käuferschicht größer wäre, wären auch die Schallplattenfirmen, mehr Big-Band-Platten auf den Markt zu bringen. Eine Neuproduktion kostet wahnsinnig viel Geld…

Hans Kumpf: Ein Kommentar zu Ihrer Arbeit an der Musikhochschule?

Erwin Lehn: Bei der geringen Probezeit, die uns pro Semester zur Verfügung steht, bin ich im Prinzip ganz zufrieden, dass wir schon so weit gekommen sind. Bei jedem Se­mester gibt es Wechsel, und man fängt mehr oder weniger immer von vorne an. Aber ein gewisser Stamm ist ja da, zumindest als Gastsolisten. Insgesamt macht es mir Spaß, sonst würde ich es nicht machen.

Hans Kumpf: Sie haben dort ja auch Leute für Ihre eigene Big Band entdeckt…

Erwin Lehn: Ich habe beispielsweise den Rudi Reindl seit zwei Jahren als Trompeter, seit 1. Januar den Pianisten Jörg Reiter und jetzt auch den Gitarristen Klaus Schöp­fer.

Hans Kumpf: Vermissen sie nicht eine eigene instrumentale und improvisatorische Tätigkeit?

Erwin Lehn: Das ist eine reine Zeitfrage. Ich habe früher öfter mal auf dem Vibraphon mit­gespielt und in der Kleingruppe musiziert. Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich satt von der Musik, und mir fehlt dann doch die Muße, mich eine Stunde in den Keller zu stellen, um Klarinette oder Vibraphon zu üben… Ich habe so viel zu tun. Sicher, ich vermisse das. Das, was ich früher technisch draufgehabt habe – wenn man keine Übung hat, funktioniert das eben nicht so.

Text und Fotografie von Hans KumpfKumpfs Kolumnen