JazzOpen Stuttgart 2019: Vokales dominierte

Schlussendlich nannte der privatwirtschaftliche Veranstalter „opus arts & entertainment GmbH“ mal wieder stolze Zahlen: Anfang Juli an zehn Tagen über ein halbes Hundert Konzerte mit 40 000 zahlenden Besucher und geschätzte 5 000 Rezipienten der „Open Stages“, bei denen an verschiedenen Locations „open air“ regionale Bands kostenlos zu hören waren.

Begonnen hatte der Konzertmarathon in der ehemaligen Schalterhalle vom Hauptsponsor Sparda-Bank. Heuer wurde für die seit 2001 vergebene „German Jazz Trophy“ Dee Dee Bridgewater auserkoren, die zuvor in der baden-württembergischen Landeshauptstadt schon oft Fans und Fachleute begeistern konnte – zuletzt zusammen mit dem Trompeter/Produzenten/Dirigenten Quincy Jones und dem Klassik-Pianisten Lang Lang. Mit 69 Jahren hat die Sängerin nichts an Vitalität und Ausstrahlung verloren. In ihrer fälligen Dankesperformance für die Lebenswerk-Ehrung huldigte die inzwischen in Las Vegas wohnende Amerikanerin ihrer langjährigen Wahlheimat Paris und zelebrierte voller Innerlichkeit französische Chansons. So richtig im improvisatorischen Jazzelement befand sich die Powerfrau, als sie bei hochsommerlichen Temperaturen die „immergrüne“ Herbst-Ballade „Les Feuilles mortes“ alias „Autumn Leaves“ interpretierte.

Zu einem wirklich unvergesslichen Musikerlebnis für mich geriet eine fulminante Solodarbietung von Bobby McFerrin 1988 im Beethovensaal beim damaligen Festival „Jazzgipfel“. Drei Dekaden später präsentierte der tonumfangreiche Sänger mit einem großen Faible zu Bach und Leipzig in den idyllischen Hof des Alten Schlosses seine Vokal-Gruppierung „Gimme 5“ und ließ vor Ort die „Stuttgarter Kantorei“ verpflichten. Das schwäbische Publikum bemühte auch heuer bei unterstützenden Ostinato-Figuren freudig die eigenen Stimmbänder – doch der wie Dee Dee Bridgewater 1950 geborene US-Star („Don‘t worry, be happy“) wirkte vergleichsweise müde. Das Faszinosum scheint etwas zu verblassen.

Mit sechstausend Zuhörern war das große Areal vom Neuen Schloss ausverkauft, als Bob Dylan sich die Ehre gab – und sogar lächelte, wie so manche Langzeitanhänger erstaunt bemerkten. Für das gemeine Publikum als auch für die professionelle Presse galt ein absolutes Fotografierverbot, welches strengstens überwacht wurde. Der Literaturnobelpreisträger war zwar nicht am 10. Dezember 2016 in Stockholm zur Stelle, aber den Termin am 10. Juli 2019 in Stuttgart hielt er strikt ein.

Ohne jede Anrede ans Plenum spulte der 78-Jährige seine Gesamtkunstwerke ab – alte Songs im neuen Gewand. „Like a Rolling Stone“ im regulären Programm, „Blowing in the Wind“ als eingeplante Zugabe. Mit nunmehr tiefem Timbre erinnert Robert Zimmermann alias Bob Dylan im fortgeschrittenen Alter sogar an Joe Cocker, sein näselnder Tenor gehört der Vergangenheit an. Ein Opa mit der Mundharmonika und meist am Grand Piano sitzend, aber keine umgehängte Gitarre – weder akustisch, noch elektrisch. Den Rest besorgte seine rockende Begleitband.

Mit eigentlichem Jazz sind ja keine Massen zu locken, und so ging es auf dem Schlossplatz doch sehr popmäßig zu. Christina Aguilera kam, Sting blieb wegen Krankheit fern. Die JazzOpen stimmten sich bei diversen internationalen „top acts“ übrigens mit Montreux und Wien ab.

Einige veritable Jazzer tauchten trotz alledem auf, beispielsweise Lokalmatador Wolfgang Dauner, der spanisch swingende Chick Corea, Lizz Wright im furiosen Gesangstrio oder der Saxophonist Bill Evans. Man hat sich damit abgefunden: Mehr „Open“ als „Jazz“. Oft drei Veranstaltungen zur gleichen Zeit – jedes Genre, ungeachtet ob mehr E oder U behaftet, fand irgendwie sein Publikum.

Stammgaststar Jamie Cullum vom Vereinigten Königreich rackerte sich rockend auf dem schmucken Schlossplatz vor seinen treuen Bewunderern zum aktuell sechsten Mal ab, erneut mit zirzensischer Akrobatik auf dem Flügel. Der smarte Engländer entwickelt sich sozusagen zum (musikalischen) Gesicht der JazzOpen, auch auf dem Cover des Programmhefts.

Text und Fotografie von Hans KumpfKumpfs Kolumnen

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