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Jazzfestival Saalfelden 2018 (mit Fotos)

Mit einer fulminanten Session ging das Jazzfestival Saalfelden 2018 zu Ende. Ein Abschluss, der nicht nur Appetit auf die kommende Ausgabe des Festivals – die vierzigste – im kommenden Jahr machte, sondern auch noch einmal Vieles zusammenfasste, was in den Tagen zuvor den Zauber des Festivals ausmachte.

Denn am Ende war das Jazzfestival Saalfelden 2018 der freigeistigen Essenz des Jazz besonders nah. Die Session lief in der kleineren Spielstätte des Festivals, im Café des „Nexus“, während die große Hauptbühne im Congress schon gefegt wurde. Die Sessionmusiker hatten dort alle bereits im Hauptprogramm gespielt und dass der Bassist Lukas Kranzelbinder mit seiner Formation Interzone den Kern der Session bildete – kein Wunder: er hatte schon in der Nacht zuvor mit Shake Stew eines der mitreissendsten Konzerte des Festivals gespielt.

Im Laufe der Session stiegen unter anderem Schlagzeuger Gerald Cleaver und Tomas Fujiwara ein, Taylor Ho Bynum und Vincent Pongracz. Die französische Sängerin Leila Martial war entfesselt und konnte fast mehr als beim „großen“ Auftritt auf der Hauptbühne begeistern. Sogar spontane „spoken word poetry“ war zu hören, als Radiojournalist (BR) Roland Biswurm spontan zum Mikro griff. Chapeau! Die sessiontypische Nicht-Distanz zwischen Hörern und Musikern lässt zwischen beiden Fraktionen die Funken spontan überspringen. So einfach war das auf der Hauptbühne nicht immer.

Dass auch im regulären Programm Spontaneität und Improvisation in mehrfachem Sinne bestens funktionieren können, das war im – aus organisatorischen Gründen – kurzfristig zusammengestellten Duo Elliot Sharp und Lukas König am Bass zu hören. Lukas König am Schlagzeug hoch konzentriert, hochenergetisch und dynamisch, dabei extrem sensibel auf den eine Generation älteren Gitarristen Sharp reagierend, der wie gewohnt mit Verve die Geräuschmöglichkeiten seiner E-Gitarre erforschte.

Wie so häufig war das Eröffnungsprojekt umstritten. Ulrich Drechsler wollte arg viel auf die Bühne bringen. Hervorstechend, wenn eben auch kaum unter einen Hut zu bringen, die drei Vokalistinnen: Koloratursopran von Özlem Bulut, die beeindruckende Pop-Stimme von Clara Luzia und spoken words von Yasmin Hafedh – eingebettet in Visuals, Elektronik, Gebläse. Ein wilder Mix, den manche als erfrischend empfanden und andere als eher misslungen. Experimente dürfe provozieren und sie dürfen auch mal scheitern, wenn sie den Keim für weitere Entwicklungen in sich tragen.

Aber auch das ist so ein Festivalding: Frage nach einem Konzert zwei Zuhörer und Du bekommst zweieinhalb Meinungen zum Konzert, oft genug unüberbrückbar konträr. Der Rezensent war durchaus glücklich mit Drechslers mutigem Mix. Spannend dann allerdings zu schauen, welche Konzerte am Ende überwiegend konsensfähig waren. Der Auftritt des Gitarristen Marc Ribot gehörte dazu. Weniger wegen dessen sängerischer Fähigkeiten – die sind eher zu vernachlässigen. Die Botschaften seiner widerborstigen Lieder kamen an, und in Saalfelden war er zudem im Quartett zu hören und damit wurde die Sache wirklich rund: bissige politische Texte (Fuck La Migra!) vom Meister an der Gitarre; musikalisch nicht umspielt, sondern mitinterpretiert, von einer exzellenten Band um Jay Rodriguez an Saxophon und Flöte.

Oder eben der Auftritt von Shake Stew mit Doppelbass- und Schlagzeugbesetzung. Gleich der Auftakt gab den Puls des Konzerts vor: Afrobeats, mit eingängigen Bass-Patterns und starkem Bläsersatz. Der ist mit Clemens Salesny und Johannes Schleiermacher an den Saxophonen und dem fabelhaften Mario Rom an der Trompete ohnehin schon bestens besetzt und wurde mit Shabaka Hutchings aus London vervollkommnet. Dass innovativer Elektronik-Einsatz diese „rootige“ Musik organisch ergänzen und auf ein zeitgemäßes Level heben kann:  Johannes Schleiermacher machte es vor und Sun Ra hätte seine Freude daran gehabt.

Ein wenig mehr der brodelnden Unbekümmertheit von Shake Stew hätte man einer weiteren Großformation des Festivals gewünscht. Nicole Mitchell’s Mandorla Awakening kam im Vergleich fast brav daher. Ihre Veröffentlichung „Mandorla Awakening II: Emerging Worlds“ wird als afrofuturistisches Meisterwerk zurecht hoch gepriesen, aber das Konzert war eines der wenigen, bei denen mir die Platte tatsächlich packender erschien, als die Live-Umsetzung auf der Bühne. Es gab viele spannende Elemente, wie die Flötendialoge von Mitchell mit dem Shakuhachi-Spieler Kojiro Umezaki, die einfallsreichen Einwürfe der Cellistin Tomeka Reid oder der gewollt pathetisch auftretende Gospelsänger Avery Young – man hatte trotzdem den Eindruck, dass die Band noch zusammenwachsen kann. Vielleicht wäre es schon hilfreich die Halbkreisanordnung der Band mehr zur Gruppe werden lassen. Nachhören lässt sich diese Einschätzung bei den Konzerten der Band in Kürze beim Enjoy Jazz Festival in der Metropolregion Rhein-Neckar und beim Jazzfest Berlin.

Weitere Höhepunkte des Festivals: Punkt.vrt.Plastik mit der Pianistin Kaja Draksler, Petter Eldh am Bass und Christian Lillinger am Schlagzeug waren auch in Saalfelden Aushängeschild des zeitgenössischen europäischen Jazz mit ihrer Balance von Komposition und freien Eruptionen – komplett auf Augenhöhe und im dichtesten Zusammenspiel. Ebenso eine einzigartige Band, wie „Throw a Glass“ des Cellisten Erik Friedlander mit Uri Caine am Flügel, Ches Smith am Schlagzeug und Mark Helias am Bass. Das Projekt „Artemisia“ (Wermut) wurde inspiriert vom alkoholischen Getränk Absinth, genauer von einer Skulptur Picassos zu diesem Thema. Die Stimmung von Traum und Rausch in Form von kammermusikalischem Jazz auf höchstem Niveau.

Das Jazzfestival Saalfelden trägt sich schon seit Jahren in die Stadt, mit den zentralen kostenlosen Konzerten mitten in der Stadt auf der City-Bühne und in diesem Jahr kamen noch weitere Spielstätten hinzu. Mit Konzentration auf die Hauptspielstätten konnte man davon nur wenig mitbekommen. Ein Pflichttermin in Saalfelden ist mindestens eines der Alm-Konzerte und in diesem Jahr fiel die Wahl recht leicht: Die Strottern spielten auf der Stöcklalm neue Wiener Lieder mit schwarzhumorigem bis gefühlvollem Wiener Schmäh in gewohnter Klasse – und mit der Jazzwerkstatt Wien gibt es dann Anfang Januar im Porgy & Bess in Wien (meet the webmaster) wieder die Symbiose mit dem besten Jazz des Alpenlandes.

Das Jazzfestival Saalfelden blickt zunächst einmal in Richtung Januar mit drei Tagen Winterjazz (18.-20. Januar) und im Sommer 2019 darf man sich auf die Jubiläumsausgabe mit dem vierzigsten Festival freuen.

| Jazzfestival Saalfelden

Fotos Jazzfestival Saalfelden / Urheberrecht: Frank Schindelbeck Jazzfotografie

 

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