Christof Thewes „Undertone“ beim Preisträgerkonzert, Worms, 10. November 2007

Modest Mussorgskij war ein Neuerer in der russischen Musik seiner Zeit, befand die freien musikalische Formen als einzige angemessene Widerspiegelung von Realität. Der Bassist und Komponist Charles Mingus verfolgte den gleichen Ansatz im modernen Jazz. Kein Wunder, dass sich der saarländische Posaunist und Komponist Christof Thewes in seinem Bestreben, eine originäre und eigenwillige Form musikalischer Aussage zu finden, beider Vorbilder annimmt. Eine seiner aufregendsten Einspielungen ist die neue CD „Christof Thewes Quintett plays the music of Charles Mingus“, auf der er bei aller Freiheit der Bearbeitung mit strukturierten Free-Explosionen vor allem in den Klangfärbungen und rhythmischem Drive die typischen Mingus-Stimmungen sicher trifft.

Im Konzert mitreißender noch als auf der CD erarbeitet Thewes mit dem Bassisten und Mandolinenspieler Martin Schmidt, Hartmut Oßwald am Tenor- und Sopransaxophon sowie der Bassklarinette und dem Schlagzeuger Daniel Prätzlich eine ganz eigenwillige Fassung von Mussorgskijs „Bilder eine Ausstellung“, jenem Stück, das in seiner klassischen Form durch die Orchestrierung von Maurice Ravel und in der Rockfassung von Emerson, Lake and Palmer (ELP) berühmt wurde. „Eine Spur von ELP ist auch bei mir zu finden“, gesteht Thewes scherzhaft. „Doch nur ein kleines bisschen.“

Mit seinem Quartett „Undertone“ – schon vom Namen her ein Understatement – belegte Thewes im Konzert bei der Initiative BlueNite und den „Bildern einer Ausstellung“, dass er zu Recht den diesjährigen „Jazzpreis der Stadt Worms“ zugesprochen bekam. Oberbürgermeister Michael Kissel überreichte die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung in Anwesenheit des Stifters Florian Gerster an Thewes, der sich erfreut zeigte, dass er und seine Musiker für eine Jazzform geehrt würden, die – so Gerster – „abseits der ausgetretenen Pfaden des Mainstream für Aufmerksamkeit sorgt und durch ihre künstlerische Qualität besticht“.

Während das Quartett – dieses Mal mit dem time-sicheren Schlagzeuger Dirk Peter Kölsch an Stelle von Prätzlich – auf der kleinen Bühne in Worms mit hymnischer Intensität und Choral-Affinität die Promenade einleitet, sieht der Zuhörer und -schauer an der Wand nur die Riesenkralle eines vogelähnlichen Wesen, das sich später als barbusige Mensch-Tier-Schönheit entpuppt. So illustriert der Saarbrücker Künstler Thomas Altpeter den Ausstellungszyklus ebenso neu und skurril-humorvoll wie Thewes die Komposition. Mit orchestraler Wucht kommen die Tutti der vier Musiker, die in Kollektiven die Harmonien des Originals zerfasern, in Unisono-Passagen Mussorgskij-Stimmungen schaffen, die rhythmischen Grundlinien frei pulsieren lassen, um irgendwann wieder auf das Thema zurückzukommen. Denn das ist das Faszinosum: Obwohl immer wieder weitgehend frei improvisiert wird, ist die Vorlage deutlich zu identifizieren.

Einen Großteil der Spannung zieht die Musik aus den extremen Dynamiksprüngen. Eben noch zart und leise sowie mit etwas ironisierend melodischer Schönheit im Trio von Bläsern und Bass, setzt das Schlagzeug mit wuchtiger Härte ein und reißt alle zu ekstatischem Crescendo hin. Thewes lässt die gestopfte Posaune wabern und gluckern, Oßwald begleitet auf der Bassklarinette mit ostinaten Kürzeln in tiefen Lagen. Dann wechselt die Posaune zu hohen Flattertönen, die Bassklarinette zu überblasenen Stakkati. Schlagzeuger Kölsch gibt kurzzeitig einen Marschrhythmus vor. Skurril, ja fast valentinesk, wie der Titel „Ballett der ungeschlüpften Hühner“, ist die musikalische Umsetzung. Kölsch ersetzt die Sticks durch Essstäbchen, spielt auf einer Kinderblechtrommel, Schmidt zupft die Mandoline in den höchsten Lagen, Posaune und Bassklarinette greifen das Thema in sanftem und getragenem, zweistimmigem Spiel auf. Beide Bläser bestechen später mit einem endlos wirkenden Ton in Zirkularatmung, in den Bassist Schmidt mit einem leicht verzerrten schnörkellosen Sololauf einfällt. In Duetten lässt Thewes die Posaune rau „singen“, Oßwald die Luftsäulen im Tenorsaxophon nahezu tonlos „atmen“. Kurz darauf schnattern Tenorsaxophon und Posaune in einem ausgedehnten Ruf-Antwort-Spiel, zeigt Oßwald wie oftmals in den Soli seine Verwurzelung in der Bebop-Tradition. Zu einem wuchtigen Soundgemälde gestaltet das Quartett abschließend „Das große Tor von Kiew“, grollend in der Tiefe, mit einem humorvollen Zwischenspiel auf Mandoline und Xylophon, getragenen Passagen der Bläser und einem explodierenden, hochenergetischen Full-Band-Finale.

Humor, der die Kompositionen durchzieht, zeigt Christof Thewes auch in den Zwischenmoderationen. Wen wundert´s, dass er mit Beidem das Publikum von Beginn an für sich einnimmt.

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