Der österreichische Jazzpianist, Komponist, Dirigent und Hochschullehrer Dieter Glawischnig ist am 1. Oktober 2026 im Alter von 88 Jahren gestorben. Der gebürtige Grazer gehörte zu den prägenden Persönlichkeiten des europäischen Jazz. Er leitete über Jahrzehnte die NDR Bigband, gehörte zu den Wegbereitern des Free Jazz in Österreich und beschäftigte sich intensiv mit der Verbindung von Sprache und improvisierter Musik.
Glawischnig wurde am 7. März 1938 in Graz geboren. Er studierte unter anderem Klavier, Posaune, Dirigieren und Musikwissenschaft und engagierte sich früh für die Entwicklung einer eigenständigen europäischen Jazzszene. Von 1968 bis 1975 leitete er die Jazzabteilung der Grazer Musikhochschule. 1973 begann seine Zusammenarbeit mit der damaligen NDR-Studioband in Hamburg, deren Leitung er 1980 übernahm und die er zur heutigen NDR Bigband weiterentwickelte. Bis 2008 war er Chefdirigent des Orchesters und prägte dessen künstlerische Entwicklung.
Dabei verband er die Jazztradition mit zeitgenössischen Ausdrucksformen und setzte auf die individuellen Fähigkeiten der Orchestermusiker. Zu den zahlreichen Künstlern, mit denen er im Laufe seiner Tätigkeit zusammenarbeitete, gehörten Chet Baker, Al Jarreau und Albert Mangelsdorff. Eine besondere Rolle nahm das letzte große Konzertprojekt mit Chet Baker im April 1988 ein. Die Aufnahmen wurden später bei Enja veröffentlicht.
Auch wenn seine Tätigkeit als Dirigent bedeutend war, so galt Glawischnigs Leidenschaft der Improvisation am Piano. Bereits in den frühen 1970er Jahren gründete er mit dem Bassisten Ewald Oberleitner und dem Schlagzeuger John Preininger das Trio Neighbours, das sich mit den Möglichkeiten freier Improvisation auseinandersetzte. Mit Musikern wie Anthony Braxton, Fred Anderson, Gerd Dudek und Albert Mangelsdorff entwickelten sich internationale Verbindungen zur Free-Jazz-Szene. Später setzte er diese Arbeit unter anderem mit dem Ensemble Cercle fort, zu dessen Musikern der Violinist Andreas Schreiber und die Schlagzeuger Tony Oxley beziehungsweise John Marshall gehörten.
Das Verhältnis von kompositorischer Struktur und improvisatorischer Freiheit beschäftigte Glawischnig während seines gesamten Musikerlebens. Die direkte Kommunikation und der musikalische Dialog mit den Mitspielern waren für ihn ebenso wichtig wie die sorgfältige Ausarbeitung kompositorischer Konzepte. Im Gespräch mit Hans Kumpf aus dem Jahr 2003 beschrieb er die Improvisation als eine „Einheit im Augenblick“, in der Erfahrungen, Kenntnisse und spontane Einfälle zusammenfinden.

Eine besondere Bedeutung hatte seine langjährige Zusammenarbeit mit dem österreichischen Schriftsteller Ernst Jandl, den er 1966 im Grazer Forum Stadtpark kennenlernte. Beide interessierten sich für die musikalischen Eigenschaften von Sprache und für die Möglichkeiten, Sprache und improvisierte Musik miteinander zu verbinden.
1982 entstand mit laut und luise eine großformatige Arbeit für Ernst Jandl und die NDR Bigband. Weitere Kompositionen folgten mit aus der kürze des lebens und jedes ich nackt, letzteres nach Texten aus Jandls posthum veröffentlichten Gedichten.
Glawischnig verstand die Sprache dabei nicht als bloße Vorlage für musikalische Begleitung. Der Sprecher sollte als gleichberechtigter Solist mit den Instrumentalisten agieren. In einem weiteren Gespräch mit Hans Kumpf aus dem Jahr 2008 erinnerte er sich ausführlich an diese Zusammenarbeit und an die enge persönliche Freundschaft mit Jandl. Auch nach dessen Tod im Jahr 2000 führte er die musikalische Auseinandersetzung mit seinen Texten fort, unter anderem gemeinsam mit dem Schauspieler Dietmar Mues.
Neben seiner künstlerischen Arbeit spielte die Jazzpädagogik eine zentrale Rolle. Ab 1982 lehrte Glawischnig an der Hamburger Musikhochschule, wo er die Jazzabteilung mit aufbaute. Sein Ausbildungskonzept verband klassische instrumentale und musiktheoretische Grundlagen mit den besonderen Anforderungen improvisierter Musik.
Gegenüber einer ausschließlich an etablierten Jazzstilen orientierten Ausbildung äußerte er sich kritisch. Ihm ging es um die Entwicklung individueller musikalischer Zugänge, nicht um eine Reproduktion historischer Vorbilder. Technisches Können und kreativer Ausdruck gehörten für ihn zusammen.
Nach seinem Abschied von der NDR Bigband im Jahr 2008 verlegte Glawischnig seinen Lebensmittelpunkt wieder nach Österreich. Er widmete sich verstärkt eigenen Projekten und dem Spiel in kleineren Formationen. Noch im hohen Alter stand er auf der Bühne, beispielsweise mit seinem Berlin Trio mit Jan Roder und Michael Griener. 2024 erhielt er den Andrzej-Dobrowolski-Kompositionspreis des Landes Steiermark.
| Dieter Glawischnig (Wikipedia)
Fotos: Hans Kumpf
facebook | instagram | schindelbeck.net
© 1997 – today | ISSN 2751-4099
