30. Internationale Theaterhaus Jazztage Stuttgart 2017

Wollny, Mozdzer - Foto: Kumpf

Geburtstage, Tanz, Poetry und noch viel mehr

Die Thea­ter­haus Jazz­ta­ge währ­ten in ihren Jubi­lä­ums­fei­er­lich­kei­ten zur 30. Aus­ga­be mit 21 Ver­an­stal­tun­gen eine gan­ze Woche lang – so aus­ge­dehnt und besuchs­freu­dig wie nie zuvor. Erst­mals gab es in Stutt­gart einen Oster­jazz 1985 – im Mit­tel­punkt stand damals das zehn­jäh­ri­ge Bestehen des (von Haus­herr Wer­ner Schretz­mei­er mit­in­iti­ier­ten) United Rock + Jazz Ensem­bles, ange­führt von Wolf­gang Dau­ner und Albert Man­gels­dorff. Aus miss­li­chen Finan­zie­rungs­schwie­rig­kei­ten muss­ten die Jazz­ta­ge seit­her zwei Mal total abge­bla­sen wer­den oder sich auch mal mit einem spät­abend­li­chen Rumpf­pro­gramm zufrie­den geben.

Nun also mit 7 500 Besu­chern ins­ge­samt der bes­te Publi­kums­zu­spruch aller Zei­ten. Eigent­lich kein Wun­der, wur­de das Fes­ti­val doch mit popu­lä­rer bis popu­lis­ti­scher Musik begon­nen und beschlos­sen: Aus­ver­kauf­te Kon­zer­te mit dem legen­dä­ren Gesangs­quar­tett „The Man­hat­tan Trans­fer“, bei dem der ver­stor­be­ne Tim Hau­ser nun mit Trist Cur­less einen wür­di­gen Nach­fol­ger hat, und bei Trom­pe­ter Till Brön­ner, der sei­nem aktu­el­len CD-Erfolg „The Good Life“ frön­te. Zudem lie­fen im Thea­ter­haus bis zu vier Ver­an­stal­tun­gen gleich­zei­tig ab, ein­schließ­lich einer Jazz­film­rei­he von Juli­an Bene­dikt. Auf- und anre­gend gerie­ten erneut die gewitz­ten Jazz-Poe­try-Slams und das ambi­tio­nier­te Tanz-Pro­jekt um den Saxo­pho­nis­ten Magnus Mehl.

Eine typi­sche Tra­di­ti­on pflegt das Thea­ter­haus mit mehr oder weni­ger pom­pö­sen Geburts­tags­kon­zer­ten lieb­ge­wor­de­ner Musi­ker. Heu­er fing es eigent­lich ganz jung an mit zwei 50-Jäh­ri­gen. Der umtrie­bi­ge Ulmer Trom­pe­ter Joo Kraus lud sich alte Freun­de als Gäs­te ein, vor­ne­weg den kuba­ni­schen Pia­nis­ten Omar Sosa, die aus Mala­wi stam­men­de Voka­lis­tin Malia und den Maceo-Par­ker-Saxo­phon-Kol­le­gen Pee Wee Ellis. Als Sah­ne­häub­chen-Plüsch gönn­te er sich die Stutt­gar­ter Arca­ta-Strei­cher, die zuwei­len von sei­nem regu­lä­ren Pia­nis­ten Ralf Schmid diri­giert wur­den. Von Expe­ri­men­tell bis Edel­kitsch, die sti­lis­ti­sche Spann­brei­te des rap­pend sin­gen­den Trom­pe­ters ist bekannt. Schließ­lich kam noch Gre­gor Hüb­ner, der Bru­der des Kraus-Bas­sis­ten Veit Hüb­ner, auf die Büh­ne und geig­te zuge­neigt ein Geburts­tags­ständ­chen.

Gre­gor Hüb­ner, gebo­ren am 23. Mai 1967, fei­er­te tags dar­auf vor Publi­kum sei­nen eige­nen Fünf­zigs­ten – zusam­men mit sei­nem ver­trau­ten Pia­nis­ten Richie Bei­rach, 70. Auch dies­mal durf­te beim swin­gen­den Duo-For­mat Johann Sebas­ti­an Bachs „Sici­lia­no“ in Es-Dur (BWV 1031) nicht feh­len. In das Hüb­ner-Quin­tett (Veit Hüb­ner, Bass, Micha­el Kers­t­ing, Schlag­zeug) inte­grier­te sich unspek­ta­ku­lär US-Trom­pe­ter Ran­dy Bre­cker, der sei­ne frü­he­re elek­tro­ni­fi­zier­te Dis­co-Pha­se ver­ges­sen mach­te.

Stanko - Foto: Kumpf

Bewei­sen muss sich und ande­ren Tomasz Stań­ko nichts mehr. Am 11. Juli 1942 gebo­ren, hat der pol­ni­sche Trom­pe­ter längst Welt­gel­tung erlangt. Da sitzt der als­bald 75-Jäh­ri­ge auf einem Stuhl und into­niert inbrüns­tig Melan­cho­li­sches in mode­rat abwech­seln­den Tem­pi. Mit­un­ter stößt Stań­ko noch ato­na­le Klang­strö­me her­aus. Sein stim­mungs­vol­les Reci­tal unter­bricht er nicht durch (letz­ten Endes unnö­ti­ge) Ansa­gen. Die Vor­trags­fol­ge ent­spricht sei­ner aktu­el­len CD „Decem­ber Ave­nue“, die er mit sei­nem „New York Quar­tet“ in Frank­reich auf­ge­nom­men hat. Im Stutt­gar­ter Thea­ter­haus ist er jedoch von hoff­nungs­vol­len pol­ni­schen New­co­mern umge­ben, die ihre Sache über­aus gut machen: Łuka­sz Ojda­na (Pia­no), Maciej Gar­bow­ski (Bass) und Krzy­sztof Grad­zi­uk (Schlag­zeug).

Vocal Summit - Foto Kumpf

Pol­ni­sche Betei­li­gung auch an den bei­den Gip­fel­tref­fen von Stimm- und Tas­ten­künst­lern. Beim reak­ti­vier­ten „Vocal Sum­mit“ war Urs­zu­la Dud­zi­ak wie die Ame­ri­ka­ne­rin Jay Clay­ton von der Urbe­set­zung mit dabei. Als Neu­zu­gän­ge bewähr­ten sich Nor­ma Win­stone und Miche­le Hend­ricks. Die Stü­cke wur­den von den alten Damen sorg­fäl­tig ein­stu­diert, und wie ehe­dem ging Urs­zu­la Dud­zi­ak sou­ve­rän mit ihrer elek­tro­ni­schen Trick­kis­te um. Als Zuga­be Elling­tons „C‑Jam Blues“ – nicht ganz frei von Kli­schees.

Es muss ja nicht unbe­dingt die edle Ber­li­ner Phil­har­mo­nie sein, auch im gro­ßen schwar­zen Saal T1 des Stutt­gar­ter Thea­ter­hau­ses demons­trier­ten Les­zek Możdżer, Iro Ran­ta­la und Micha­el Woll­ny vari­an­ten­reich unbän­di­ge Spiel­lust. Zwei Flü­gel und ein Key­board waren auf dem Podi­um pos­tiert, und vom indi­vi­du­ell gepräg­ten Solo bis zum inter­ak­ti­ven Trio kamen sämt­li­che Beset­zungs­va­ri­an­ten zum Ein­satz. Lang­wei­lig wur­de es bei die­sem inter­na­tio­na­len „Pia­no Sum­mit“ nie.

Baldych - Foto: Kumpf

Der Vio­li­nist Adam Bal­dych füg­te sich ele­gant und mit Ver­ve in das Quin­tett des Bas­sis­ten Die­ter Ilg ein, der nach Ver­di, Wag­ner und Beet­ho­ven nun dem – vor genau einem hal­ben Jahr­hun­dert ver­stor­be­nen – Jazz-Klas­si­ker John Col­tra­ne hul­dig­te. Als vor über drei Jahr­zehn­ten der Saxo­pho­nist Chris­tof Lau­er im Stutt­gar­ter Thea­ter­haus (damals noch im Stadt­teil Wan­gen) auf­trat, war bei ihm sein Idol John Col­tra­ne nicht zu über­hö­ren. Nun war Lau­er eine gute Wahl für die Hom­mage, ohne frei­lich in Epi­go­nen­tum zu ver­fal­len.

Am aller­ers­ten Tag des Jah­res 1930 wur­de Ack van Rooy­en in Den Haag gebo­ren, 1985 spiel­te er bei der Pre­mie­re der Thea­ter­haus-Jazz­ta­gen, und heu­er über­rasch­te er beim Oster-Fes­ti­val, wie er mit 87 noch fabel­haft fit ist. Sin­gen, um Lip­pen und Lun­gen zu scho­nen, ist für ihn kei­ne Opti­on. Im glei­chen Kon­zert trat auch sein nie­der­län­di­scher Lands­mann Jas­per van‘t Hof auf. Der mun­te­re Key­boar­der, der inzwi­schen 70 Len­ze zählt, prä­sen­tier­te ein inter­na­tio­na­les Instru­men­tal­quar­tett plus die Voka­lis­tin Ange­li­que Kid­jo aus Benin.

Foto: Kumpf

In einer „Brit­jazz Night“ erin­ner­te der Alt­sa­xo­pho­nist Sowe­to Kinch an das Geschich­te machen­de Ornet­te Cole­man Trio und ver­ein­nahm­te zudem Musik­strö­mun­gen des 21. Jahr­hun­derts.

Aber auch das Schwa­ben­länd­le kam zu Ehren. Star-Koch Vin­cent Klink trat schon oft als Vor­le­ser eige­ner Lite­ra­tur zusam­men mit dem Pia­nis­ten Patrick Bebe­la­ar vor vol­len Häu­sern an, jetzt stand und saß dem agi­len Küchen­meis­ter eine Big Band zur Sei­te, die von dem Posau­nis­ten Eber­hard Bud­zi­at for­miert wur­de. Das neu­es­te Opus nennt sich „Remstals­in­fo­nie“. Da sin­niert er über die His­to­rie der öst­lich von Stutt­gart gele­ge­nen acht­zig Kilo­me­ter lan­gen Wein­kul­tur­land­schaft, berich­tet über Erleb­nis­se aus sei­ner „Jugend­stadt“ Schwä­bisch Gmünd und knüpft kri­ti­sche Ver­bin­dun­gen zu Tages­ak­tua­li­tä­ten. Sti­lis­tisch viel­fäl­tig insze­nier­te Bud­zi­at die Musik dazu, ohne das cho­ral­haf­te Volks­lied „Im schöns­ten Wie­sen­grun­de“ zu ver­schmä­hen.

Klink - Foto: Kumpf

Mit unkon­ven­tio­nel­len Groß­for­ma­tio­nen lie­ßen zwei jun­ge Frau­en auf­hor­chen. Die Kla­ri­net­tis­tin Rebec­ca Tre­scher und die Gitar­ris­tin Moni­ka Roscher stu­dier­ten einst bei Gre­gor Hüb­ner in Mün­chen und orga­ni­sie­ren nun Gen­re­gren­zen über­schrei­ten­de Orches­ter­mu­sik, Har­fe und Vio­lon­cel­lo inklu­si­ve.

Auch die Schweiz kam zum Zuge – mit dem mys­ti­schen Key­boar­der Nik Bärtsch und dem zünf­ti­gen Oktett „Alpen­jazz“, bei dem u.a. der fan­tas­ti­sche Stimm­a­kro­bat Andre­as Schae­rer mit­misch­te, der zuvor mit eige­nem Quar­tett zu erle­ben war.

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Text und Foto­gra­fie von Hans KumpfKumpfs Kolum­nen

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