Review: Underkarl – Second Brain

ENJA CD 9143–2

Schon die ersten Takte sind verräterisch. Das ist typisch „Underkarl”. Ein schneller stampfender Beat und eine kurze Melodielinie hinter dem Posaunenstakkato zerfasern, gehen in collagenhaften Vokaleinspielungen unter. „Party Pigs” ist der treffende Titel dieser Komposition. Dann taucht im Hintergrund das Thema wieder auf, das Kollektiv geht in freies Spiel über – und dies alles mit Druck, der plötzlich abbricht, das Stück mit ein paar fast unhörbaren Gitarrentönen ausklingen lässt. Klangcollagen, Kompositionen-Patchwork, satirisch verfremdete Zitate der Jazzgeschichte, Humor und Vitalität sind das Kennzeichen dieser Band mit Anführer Sebastian Gramss aus dem Kölner Raum. Schier grenzenlos ist die Kreativität. In jedem Stück, jeder Note, ist die Spielfreude hörbar, ist zu spüren, mit welcher Spitzbübigkeit die Musiker all das auf den Arm nehmen, was Jazz-Puristen heilig ist. So mag auch die Ringleuchte zu erklären sein, die in den Coverfotos wie ein Heiligenschein über jedem Musiker hängt.

Schönklang wie der Vokal-Part und die Saxophon-Stimme von Lömsch Lehmann in „Where Are The Fish?” ist nur vordergründig. Hymnische Stimmungen schlagen – inzwischen erwartet – plötzlich in frei pulsierende Jazzrock-Explosionen um. Zum Verlieben schön ist ein Duo von Saxophon und Nils Wograms Posaune, das in einem nahezu sicheren rhythmischen Rahmen des Schlagzeugers Dirk Peter Kölsch, des Gitarristen Frank Wingold und des Bassisten Sebastian Gramss, an Intensität und Tempo gewinnt. Geradezu balladesk wirkt „Ich kann Dich sehen” mit rundem Saxophonsound, fast klassischem Posaunenspiel und den Gitarreneinwürfen. In „Animal Farm” und „Paradox Chicken” schwenkt Underkarl dann wieder zu seinen pulsierenden Versatzstücken mit den schrägen Sounds zurück. Typisch das einleitende kurze Duo von Posaune und Saxophon in „Road Song”, das in röhrende Rock-Riffs auf der Gitarre mündet. Die Musiker vertrauen zu Recht auf Überraschungsmomente und darauf, dass des Funke ihres Humors auf den Zuhörer überspringt. „Second Brain” ist eine stilistisch und musikalisch offene Musik, die ebenso offene Ohren und Unvoreingenommenheit verlangen darf.

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