Ensemble Orient Express lief im Bahnhof Schwäbisch Hall ein


Text und Photos: Hans Kumpf 

Schon oft erlebte man am „Gleis 1“ im württembergischen Waldenburg ein „Indisches Bahnhofsfest“, nun inszenierte der nimmermüde Hans. A. Graef auch in seinem Haller „Stadtbahnhof21“ ein derartiges Event der exotischen Art. Die Akteure jeweils: Das bereits 1999 gegründete „Ensemble Orient Express“ von Ronju Sharkar und vor allem dessen Ehefrau Petra Florence geborene Schürrle.

Basar, Essen, Diavortrag, Musik – alles sollte einem Sozialprojekt in der Touristenstadt Pushkar zugutekommen. Dort, im nordwestindischen Bundesstaat Rajasthan, trafen Ronju und Petra Sharkar 2005 erstmals auf armselige „Musiknomaden“. Diese Vokalisten und Instrumentalisten hatten einst bei den Maharadschas eine feste Anstellung und ein erträgliches Auskommen. Damals erfüllten diese Künstler sozusagen eine Chronistenpflicht – so wie bei uns die Bänkelsänger und in Westafrika die Griots. In den 70er Jahren wurden sie aber aus Einsparmaßnahmen auf die Straße gesetzt. Nun versuchen die so genannten „Bopa Jatis“ als muszierende Musikvagabunden, bei den kapitalkräftigen Touristen ein paar Rupien zu verdienen.

Als das dort typische Instrument Ravanahatha gilt eine Geige mit nur einer Melodiesaite und mehreren Resonanzsaiten. Der Langhals ist aus Bambusholz, der Korpus aus einer mit Fell überzogenen halben Kokosnussschale gefertigt. Am Bogen hängen noch kleine Schellen, die automatisch für perkussives Beiwerk sorgen.

Musikerkollege Papu Ram Bopa beherrscht dieses grazile Ding, und zusammen mit dem Haller „Ensemble Orient Express“ hat er gerne zusammen gespielt. Aber den Gästen aus Hohenlohe blieb nicht das soziale Elend des Künstlerfreundes und seiner Familie, die unter primitiven Plastkplanen „wohnten“, verborgen.

Da griff nun die Hallerin Petra Schürrle-Sharkar beherzt ein. Zunächst beschaffte sie vergleichsweise komfortable Zelte, dann doch stabilere Häuser, die zunächst eigentlich nur „bessere Hühnerstalle“ waren, wie sie bei ihrem couragierten Diavortrag meinte. Bedingung für die Immobilienwohltat: Mindestens ein Mädchen der Familie wird auf eine Schule geschickt. Eine eigene Wasserstelle war zudem eine besondere zivilisatorische Errungenschaft.

Das nötige Geld auch für zukünftige Projekte treibt Petra Florence Schürrle-Sharkar bei Landfrauenvereinen und Privatpersonen, mit Vorträgen und Performances, mit Basarverkäufen (beispielsweise mit in Indien gefertigten Beutel, Schals und Schmuck) und landestypischen Speisen auf. Im vormaligen Kiosk des aus seinem Dornröschenschlaf geschüttelten Haller Stadtbahnhofes zauberte die Multi-Kulti-Köchin schmackhafte Kichererbsen, Lammhackfleischbällchen in Ingwer, Gemüsereis und indischen Würztee.

Als musikalische Nachspeise war der trioharte Kern vom „Ensemble Orient Express“ zu goutieren. Der aus Bangladesch stammende Ronju Sharkar profilierte sich da in Anbetracht „Bollywoods“ indisch-filmmusikhaft sogar als veritabler Jodler und führte – neben seinem Miniharmonium, dem Hackbrett Santur und einer Rahmentrommel – auch eine Mundharmonika vor. Elektrogitarrist Björn Münz griff ganz hochklassisch zur Sitar, während Ralf Snurawa am Keyboard das rhythmisch-harmonische Kontinuum lieferte. Eine vitales und amüsantes Konzert, zu dem der studierte Musikwissenschaftler Snurawa noch hilfreiche Erklärungen abgab. Da bereitete das Spenden für eine gute Sache wirklich Freude. Die begeisterten Besucher hatten ihren Spaß daran.