Mythos Woodstock ist mittlerweile von archäologischem Interesse

1979, zehn Jah­re nach dem schlam­mi­gen Kon­zert­ma­ra­thon, besuch­te Hans Kumpf das Fes­ti­val­ge­län­de und den namens­ge­ben­den Ort

WOODSTOCK/BETHEL. Beim Wood­stock-Fes­ti­val 1969 schien der Höhe­punkt der Pop-Kul­tur und der Peace-Bewe­gung zu kul­mi­nie­ren. Ein Fes­ti­val wäh­rend des Viet­nam-Deba­kels und ein paar Mona­te nach dem Mai 1968 – dies stand unter ganz beson­de­ren gesell­schafts­po­li­ti­schen Vor­zei­chen. Mitt­ler­wei­le spricht man von der »Wood­stock-Genera­ti­on« und vom »Wood­stock-Mythos«. Jetzt ist wie­der Anlass, die durch die „3 Days of Peace & Music“, wie das Ereig­nis damals schon auf den Pla­ka­ten ange­kün­digt wur­de, ein­ge­lei­te­ten Ent­wick­lun­gen kri­tisch zu wür­di­gen.

In der im nörd­li­chen Teil des Bun­des­staa­tes New York dahin­träu­men­den Stadt Bethel, die am Sab­bat – vie­le ortho­do­xe Juden woh­nen dort – noch ruhi­ger als sonst ist, suchen wir im August 1979 (sozu­sa­gen „ten years after“) nach „Yasgur’s Farm“. Auf deren Are­al wur­de näm­lich Pop­ge­schich­te geschrie­ben. An dem Bau­ern­haus fragt dann mein Jour­na­lis­ten­kol­le­ge und mein hilfs­be­rei­ter Chauf­feur Ver­non Shi­b­la, der auf dem Fes­ti­val für eine New Yor­ker Zei­tung foto­gra­fiert hat­te, nach dem genau­en Weg zum Gelän­de, er kön­ne sich nicht mehr so rich­tig erin­nern. „Es wäre bes­ser, wenn sich nie­mand mehr dar­an erin­nern wür­de“, erhält er von einem Alt­ein­ge­ses­se­nen miss­mu­tig zur Ant­wort, „in mei­nem gan­zen Leben zuvor hat­te ich nie so vie­le Leu­te gese­hen“. Die ein­hei­mi­sche Bevöl­ke­rung scheint „Wood­stock“ und die hal­be Mil­li­on Jugend­li­che nicht ver­kraf­tet zu haben. Zumin­dest  zehn Jah­re danach.

Über ein schma­les Sträß­chen gelan­gen wir schließ­lich auf das pop­ge­weih­te Ter­ri­to­ri­um: Feld, Wald und Wie­sen, unge­stör­te Natur­idyl­le. Den Gegen­satz von einst und jetzt möch­te auch ein gera­de ein­ge­trof­fe­nes Fern­seh­team in Bild und Ton deut­lich machen. Da wo ab dem 17. August 1969 auf einer Qua­drat­mei­le die durch eini­ge Regen­güs­se durch­näss­ten und ver­dreck­ten Fans beschallt wur­den, herrscht nur noch Stil­le, kaum ein Vogel singt sogar. An der Stel­le des pro­vi­so­ri­schen Hub­schrau­ber­lan­de­plat­zes (weil alle Stra­ßen im Umkreis meh­re­rer Kilo­me­ter ver­stopft waren, konn­ten die Musi­ker nur mit Flug­ge­rät zur Spiel­stät­te gebracht und Ver­letz­te nur mit sol­chem abtrans­por­tiert wer­den), des Pres­se­zel­tes und der pri­mi­ti­ven Künst­ler­un­ter­künf­te, befin­det sich nun­mehr eine Pfer­de­kop­pel. Über die legen­dä­ren Kon­zer­te von Joe Cocker & Co. ist – nur ört­lich.- buch­stäb­lich Gras gewach­sen.

Der Fah­rer – offen­sicht­lich ein Land­wirt – eines vor­bei­kom­men­den Mer­ce­des macht uns auf das ein­zig noch erhal­te­ne Über­bleib­sel des Fes­ti­vals auf­merk­sam. Auf einer Anhö­he steht, inzwi­schen natür­lich ver­wit­tert, ein kunst­voll aus Stäm­men gefer­tig­tes Baum­haus. Hip­pies hat­ten dies errich­tet und so einen exklu­si­ven Aus­guck zur Büh­ne, auf der Jimi Hen­drix, Joan Baez, Richie Havens, John B. Sebas­ti­an, San­ta­na, Crosby, Stills, Nash & Young, Ten Years After (mit dem Front­sän­ger Alvin Lee), Joe Cocker, Janis Jop­lin und vie­le ande­re Stars die Mas­sen begeis­ter­ten.

Die­se Leu­te hat­ten einen „küh­nen Traum“, resü­mier­te spä­ter Udo Lin­den­berg, „vie­le dach­ten, man kön­ne auf die Schnel­le welt­weit etwas ändern“. Man glaub­te zu die­ser Zeit, genau einen Monat nach der geglück­ten Mond­lan­dung, an den tech­ni­schen Fort­schritt, aber auch an eine Ver­bes­se­rung der Lebens­si­tua­ti­on, wenn man dies nur tat­kräf­tig anpa­cke. Aber die „Woodstock“-Freaks logen sich in die eige­ne Tasche: Einen „Joint“ durch­zu­zie­hen, das zeug­te nicht von Welt­of­fen­heit, son­dern nur davon, dass man sich durch Selbst­täu­schung der Rea­li­tät ent­zog, anstatt die­se posi­tiv zu ver­än­dern. Die Jugend­li­chen von einst, die in Wood­stock gelob­ten, „alter­na­tiv“ und „pro­gres­siv“ und mit dem Mot­to „Make love, not war“ durchs Leben zu wan­deln, sind in der Zwi­schen­zeit zu bra­ven Bür­gern gewor­den, die regel­mä­ßig ihr Gehalt bezie­hen und zum funk­tio­nie­ren­den Räd­chen im Getrie­be gerei­chen. Aus Revolz­zern wur­den Rent­ner, Pro­sta­ta anstatt Pro­test.

Erst spä­ter merk­ten es die Wood­stock-Pil­ger, dass sie mas­sen­wei­se zu mer­kan­ti­len Zwe­cken miss­braucht wur­den. Sie dien­ten als kos­ten­lo­se Kom­par­se­rie und ein­drucks­vol­le Staf­fa­ge für den längst geplan­ten Kino­film über die Mons­ter­show unter frei­em Him­mel. Doch das „Wood­stock-Fes­ti­val“ am ori­gi­na­len Schau­platz wie­der­erste­hen zu las­sen, blieb bis heu­te weit­ge­hend ein Wunsch­traum. Immer­hin fand bei­spiels­wei­se im Som­mer 1998 auf der alten Farm von Max Yas­gur eine Nost­al­gie-Fete statt. Mit dabei: Der far­bi­ge Vete­ran Richie Havens, nur etwa zwölf­tau­send Besu­cher, vier­hun­dert trans­por­ta­ble Toi­let­ten und der obli­ga­to­ri­sche Regen. 1999, am 30. Jah­res­tag, soll­te es bes­ser klap­pen – nach­dem ein paar Wochen zuvor ein auf dem vor­ma­li­gen Luft­waf­fen-Stütz­punkt Rome durch­ge­führ­tes Frisch­luft-Mee­ting in üblen Schlä­ge­rei­en und unsin­ni­gen Brand­stif­tun­gen geen­det hat­te.

Und 2019? Ein hal­bes Jahr­hun­dert nach der his­to­ri­schen Fes­ti­vi­tät erscheint eine rie­si­ge CD-Box mit tech­nisch auf­be­rei­te­ten Ton­do­ku­men­ten, in Deutsch­land wür­di­gen bei­spiels­wei­se die öffent­lich-recht­li­chen Kul­tur­sen­der beim gemein­sa­men „ARD Radio­fes­ti­val“ die welt­be­we­gen­de Tagen anno 1969 – und aktu­ell bud­deln sogar an Ort und Stel­le neu­gie­ri­ge Archäo­lo­gen nach alter­na­ti­vem Wohl­stand­müll von einst.

Zwei Auto­stun­den ent­fernt vom his­to­ri­schen Fes­ti­val­ge­län­de, auf dem inzwi­schen immer­hin ein schmu­ckes Wood­stock-Muse­um steht, liegt die Gemein­de Wood­stock (übri­gens: in zwan­zig ame­ri­ka­ni­schen Bun­des­staa­ten gibt es eine Ort­schaft namens Wood­stock). Ein paar tau­send Ein­woh­ner, etli­che Künst­ler von der malen­den, hand­wer­ken­den und tönen­den Zunft haben hier ihr Domi­zil auf­ge­schla­gen. Vor dem dor­ti­gen auf­ge­schlos­se­nen Publi­kum konn­te der Kom­po­nist John Cage sei­ne „ver­wei­gern­de“ avant­gar­dis­ti­sche Musik urauf­füh­ren las­sen. Der Lied­po­et Bob Dyl­an und der deut­sche Vibra­pho­nist Karl­hanns Ber­ger bei­spiels­wei­se erko­ren das schmu­cke Städt­chen zeit­wei­lig zu ihrer Wahl­hei­mat. In Wood­stock also keim­te die Idee einer „Aqua­ri­an Expo­si­ti­on“ mit einer Gemäl­de­aus­stel­lung, einem Basar für Kunst­hand­werk, mit Work­shops zur krea­ti­ven Selbst­ent­fal­tung – und mit Pop­mu­sik. Drei Wochen vor dem geplan­ten Fes­ti­val-Start zog die Gemein­de­ver­wal­tung die Geneh­mi­gung zurück, das Unter­neh­men auf eige­ner Gemar­kung ablau­fen zu las­sen. Die unzäh­li­gen Vor­anmel­dun­gen lie­ßen bei den Behör­den beträcht­li­chen Auf­ruhr vor­ah­nen. Kur­zer­hand wur­den die „3 Days of Peace & Music“, ver­an­stal­tet von der „Wood­stock Music & Art Fair“, an den rund sieb­zig Mei­len ent­fern­ten „White Lake“ ver­legt – sozu­sa­gen auf den Bau­ern­hof von Max Yas­gur.

Aber Fes­ti­val-Memo­ra­bi­lia wer­den in dem Städt­chen, das durch das „exter­ri­to­ria­le“ Fes­ti­val Welt­be­rühmt­heit erlang­te, ger­ne ange­bo­ten. 1979 erwarb ich dort noch für schlap­pe zehn Dol­lars ein ori­gi­na­les Fes­ti­val­pla­kat, heut­zu­ta­ge wird das Kar­ton­pos­ter für Tau­sen­de von Dol­lars im Inter­net ange­bo­ten – und gekauft.

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