Larry Coryell-Trio in der Rüsselsheimer Jazzfabrik, 9. März 2006

Gut zwei Stunden lang spielt sich Larry Coryell den Jetlag des Fluges in der Rüsselsheimer Jazzfabrik aus dem Körper: funky und groovy sowie boppend und rockend die meisten Kompositionen, zwischendurch aber auch mal mit spanischem Flair und einem Schuss Flamenco solo auf der akustischen Konzertgitarre frei improvisierend. Bestimmend sind die treibenden und in der Dynamik weit gespannten Kompositionen, die aus immer wiederkehrenden Duetten und Duellen mit dem jungen Schlagzeuger Ernie Adams sowie aus dem melodisch abgestuften und solide straight stützenden Spiel des noch jüngeren Jonathan Wood auf dem sechssaitigen Bass Kraft schöpfen.

Mit einem Blues „Immer geradeaus“ steigt Coryell in den langen Abend ein, zeigt, dass der frühere Fusion-Elektriker nicht nur zum Jazz, sondern auch dessen Wurzeln zurückgefunden hat. „Tricyles“ ist bereits ein Beleg für die bestechende Spielauffassung des Gitarristen: ein beständiger Wechsel zwischen ostinaten, hart angerissenen Akkordclustern und melodischen Linien, klare Strukturen und Transparenz selbst in den Hochgeschwindigkeitsläufen sowie weite Spannungsbögen, die er durch vielfache Variationen kurzer auf- oder absteigender Single-Note-Passagen baut. 

Die Gitarre entspannt auf den Oberschenkel aufgelegt, greift Coryell seine Akkorde, wirft den Kopf zurück und lächelt breit, wenn er eine überraschende harmonische Wendung genießt, steht aber wie ein Torero mit leicht gespreizten Beinen und vorgeschobenem Instrument dem Schlagzeuger gegenüber, wenn er dessen Solo mit eingeworfenen Akkord-Blöcken akzentuiert. Dann wiederum lehnt sich Coryell zurück und überlässt dem Bassisten ein gitarrengleiches, swingendes und melodisches Solo, in das nur mit leisen Einzel-Noten-Kürzeln eingreift.  

Das Trio sei erst kurz zusammen, sagt der Bandleader. Er hoffe, dass möglichst wenig Missverständnisse, dafür umso bessere Kommunikation das Spiel beeinflussten. Die Zuhörer bestätigen ihm mit frenetischem Beifall, dass das Zusammenspiel keinen Anlass zur Kritik gibt. Das verdankt Coyell nicht zuletzt dem sensiblen Eingehen der Mitspieler Adams und Woods auf sein schier unerschöpfliches Ideenpotenzial. „Es gibt keine festgelegte Reihenfolge der Stücke“, versichert Coryell glaubhaft. So sitzt er da, reißt das Thema mit einigen Noten kurz an, Adams und Wood lauschen aufmerksam, fallen ein und führen die Komposition im Trio fort. Ob nun die elektrischen, treibenden Stücke wie „Dragon Gate“ und „Oléo“ oder das akustische „Black Orfeus“, die Kollektive sind dicht und komplex, aber zugleich auch klar strukturiert.

Weil Coryell an diesem Abend auch die Wirkung seiner neuen, in Europa noch nicht vertriebenen CD „Live at the Sky church“ testen will, holt er für „Gimme One Reason“ die Sängerin Tracey Diergross auf die Bühne und wagt mit ihr ein Duett. Eine gewiss reizvolle Abrundung des breit gefächerten Angebotes, aber rein instrumental ist er mir doch lieber. Spielfreudig, technisch ausgefeilt, wenn auch ohne Überraschungseffekte.

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