Rückschau mit Bildern: Just Music Beyond Jazz Festival 2016

Eve Risser - Photo Schindelbeck

Wacher Blick auf improvisierte Musik

Just Music ist erfreulich konsequent. Konsequent in der Programmplanung – kein Mainstream, die Klassiker der Jazzgeschichte verirren sich bestenfalls in musikalische Zitate und Jazz als Hintergrundmusik für den Smalltalk findet eh nicht statt. Stattdessen: ein mit wachem Blick auf die aktuelle Szene der improvisierten Musik zusammengestelltes Programm, fröhlich auf dem schmalen Grat zwischen Jazz und Neuer Musik daher tanzend. Und dann doch Smalltalk, der reichlich stattfindet, in den längeren Pausen zwischen den drei Bands pro Abend.

Es gehört oft zu den Regeln der Festivalplanung: der Versuch, einen Spannungsbogen zum finalen Top Act aufzubauen. Bei „Just Music Beyond Jazz“ war diese Regel noch nie so deutlich zu erkennen und bei der diesjährigen Ausgabe des Festivals – die 11. – war von einem solchen Gedanken rein gar nichts zu bemerken, denn eröffnet wurde das Festival von Silke Eberhard, Saxophon + Klarinette, Uwe Oberg, Piano und Gerry Hemingway am Schlagzeug. Auf dem Papier das bekannte Duo Eberhard – Oberg, das auch bereits eine CD eingespielt hat, plus eben Schlagzeug. Vom Duo kennt man die frei und eigenwillig bearbeiteten Titel von Carla Bley, Annette Peacock und Eigenkompositionen, mit dem formidablen Gerry Hemingway ließen sie den interpretatorischen Ansatz an Bord und sprangen ins Meer der freien Improvisation. Und das funktionierte grandios. Das dichte Trio Zusammenspiel wurde immer wieder von intensiven Duo-Zwiegesprächen aufgebrochen. Glänzend das ineinander Verschachteln und wieder auseinander Driften der Musiker und im Zentrum stets die ebenso einfallsreich wie mit Verve improvisierende Silke Eberhard. Die einzige Band des Festivals, die tatsächlich eine Zugabe spielte. Die meisten anderen hätten es nach dem Willen des Publikums gedurft, wollten aber nicht…

Der Kontrast zum folgenden Konzertes von Eve Risser hätte kaum stärker ausfallen können. Die Pianistin trat solo auf und ihr Festivalbeitrag war von fast schon rituellem Charakter. Begonnen mit einer halbminütigen Konzentrationsphase am Klavier und gefolgt von einem ununterbrochenen Set, das phasenweise eine akustische Zeremonie in einem Tempel evozierte. Es gibt mittlerweile viele Pianisten aus dem Jazzbereich die in den Bauch ihres Instruments greifen, um die Saiten zu zupfen oder sie mit allerlei Dingen zu belegen, die den Klang der angeschlagenen Töne beeinflussen. Eve Risser treibt dieses Spiel aber gekonnt auf die Spitze. Für sie scheinen die Klangmöglichkeiten außerhalb des gewöhnlichen Tastenspiels wesentlich interessanter zu sein, wenn Sie im Inneren des Instruments auf den tiefen Saiten mit den Schlegeln hallende Basstrommeln imitiert oder Klänge initiiert, die wie akustische Elektronika wirken. Das Spiel mit Pausen, Stille und dann eben doch ganz sparsam eingesetzten konventionellen Klängen des Flügels schuf eine magische Atmosphäre im Kulturforum.

Waren die ersten beiden Bands des Abends jeweils auf ihre Art geprägt von Leidenschaft und Seele, präsentierte das Alexander Hawkins Trio eher Jazz für den Kopf. Hawkins ist ein brillanter Pianist, ein virtuoser Techniker und mit Mitte 30 noch ein vergleichsweise junger Musiker, der allerdings bereits mit Größen wie Evan Parker oder Joe McPhee gespielt hat.

Auch der zweite Festivalabend sah noch einmal den Flügel auf der Bühne in der ersten Band des Abends „Ticho“, ein Projekt des Berliner Pianisten Marc Schmolling der mit der Sängerin Almut Kühne und dem Trompeter Tom Arthurs das Publikum in einen stillen Bann zog. „Ticho“ ist ein Wort aus dem tschechischen und bedeutet irgendetwas zwischen „leise“ und „Stille“. Aus der Stille heraus entwickelt sich auch das Konzert. Mit sanften Pianolinien und der sich in die Musik hinein schleichenden Stimme von Almut Kühne. Klare Töne nur, kein verständlicher Text, gelegentlich krächzende Laute mit vor dem Mund modulierenden Händen. Und manchmal dann tatsächlich praktisch unhörbare Musik – der Mund imitiert Gesang, die Hände modulieren unsichtbare Klangwellen. Und Tom Arthurs bläst dazu nicht die Trompete, er haucht sie.

Ruhig lässt auch der Schlagzeuger Martin Brandlmayr sein Solo Konzert angehen. Vorn ein konventionelles Schlagzeug, rechts ein Tischlein mit allerlei Schlag- und Geräuschwerkzeugen und links leuchtet das Apfel-Logo des Notebooks. Auch er spielt ein durchgängiges Set und baut es behutsam auf: Ein paar Schläge auf die Felle hier, ein Streichen mit dem Besen über das Instrumentarium rechts dort. Die rhythmischen Strukturen verdichten sich, die Elektronik mischt sich organisch in den zunehmend furiosen Schlagzeugtsunami, finales Powerplay. Stille. Vielleicht wird Schlagzeug solo – nach dem bejubelten Konzert von Erwin Ditzner vor zwei Jahren – in Zukunft eine der Konstanten des Festivals.

Schlagwerkzeug von der Bühne tragen für das finale Festival-Konzert. Der Österreicher Brandlmayr war der Vorbote für acht Wiener, zumindest allesamt in der Jazzwerkstatt engagierte Musiker. Das „Jazzwerkstatt Wien New Ensemble“ ist der neutönerische Exponent des volatilen Kollektivs mit hartem Kern aus der österreichischen Hauptstadt. „Sympathikus – Parasympathikus“, wie ihre gleichnamige CD, so auch der Name von Programm und Komposition. Und sie machen diese Gegensätze zwischen Spannung und Entspannung sinnlich fassbar. Vom Computer vorgegebene Patterns und Klangstrukturen werden von den abenteuerlustigen Solisten aufgebrochen, die strengen kompositorischen Vorgaben scheinen sich im Verlauf des Konzerts aufzulösen und das Finale jammt soweit, wie das in der Neuen Musik nur möglich ist. Wie passend für ein Festival, das sich den Untertitel „Beyond Jazz“ vor ein paar Jahren zulegte und konsequent – zudem erfreulich erfolgreich – diesen Anspruch umsetzt.

www.justmusic-festival.de