It’s Moers – Eindrücke vom Moers Festival 2026

Der Umzug mitten in die Stadt, in die Asphaltwüste, der Campingplatz pickepacke voll, Zelt an Zelt und ohne schattenspendende Bäume. Ganz früher war’s im Veranstaltungszelt besser, heute trägt der Festivalchef ein T-Shirt mit der Aufschrift „Früher in der Halle, war alles besser!“ und man möchte sich tätowieren lassen: „Unter den Bäumen war’s auch besser.“ Das Moers Festival ist 2026 mitten in der Stadt auf dem gepflasterten Kastellplatz gelandet. Und ja: Die Bäume fehlen, das Grün im Freibad, der Freiraum zwischen den Zelten für die Camper. War wirklich besser. Aber: früher eh alles besser, sogar die guten alten Zeiten. Und wenn wir schon so schön beim Lamentieren sind: Im Vorfeld war der Blick aufs diesjährige Moersprogramm eher so lala. Nduduzo Makhatini mit der WDR Bigband oder Lakecia Benjamin sind zwar hochkarätige und für Jazzverhältnisse sogar ziemlich angesagte Künstler – aber müssen ausgerechnet die in Moers als Headliner herhalten?

Die Antwort lautet: Ja. Schlicht, weil ein Festival, das ohrenbetäubenden E-Gitarrenlärm über einen zentralen Platz der Stadt stülpt, ebenso zugänglichere Klänge präsentieren darf. Vielleicht sogar muss. Und so prasseln, ganz moerstypisch, die gegensätzlichsten Varianten von Musik auf ein Publikum ein, das genau diese wilde Mischung liebt. Natürlich gab es auch dieses Jahr eine Art Drehbuch fürs Festival, eine Storyline fürs Drumherum und die Stories waren Märchen. Und ein riesiges Smartphone über dem Festplatz, auf dem ein Alter Ego des schlimmsten Märchenerzählers aus dem Weißen Haus gruselige Statements über den Platz plärrte. Gewohnt eigen und eigensinnig war die Programmgestaltung.

Der Jazz tatsächlich mit einigen recht massenkompatiblen Auftritten – die bereits Genannten, aber auch das Trio von Skylar Tang: Die blutjunge Trompeterin – als Sidewoman von Joshua Redman geadelt – spielte hochkarätigen Mainstreamjazz und traf damit den Geschmack des Publikums ebenso wie die Frauenband „Black Earth Sway“ um die Flötistin Nicole Mitchell, die sich auf die „Great Black Music“ aus dem Umfeld des AACM bezieht. Diese Konzerte auf der Hauptbühne fingen einen großen Teil des ansonsten durchaus heterogenen Publikums ein. Natürlich lebt Moers nach wie vor auch aus seiner Tradition heraus, das „Internationale New Jazz Festival“ zu sein, eine Spielwiese für Avantgarde und Experimentelles. Avantgarde und Jazz bringt man heutzutage gar nicht mehr so leicht unter einen Hut – und die Experimente bewegen sich zu einem guten Teil in eine eh grenzenlose Richtung: wo fast schon stille Musik von Morton Feldman in der Kirche ebenso ihren Raum findet wie das Burned Roads of Myanmar Trio in einer der von Jan Klare kuratierten Sessions im Schlosshof bis zum ohrenbetäubenden E-Gitarrengewitter vom Hubsteiger über dem Kastellplatz.

Moers Festival 2026 – Fotos: Frank Schindelbeck Jazzfotografie

Live ist alles anders

Ins Moers Festival muss man eintauchen. Die bewusst skurrile Öffentlichkeitsarbeit im Vorfeld, die Papierform der Beteiligten, Erwartungen und Abneigungen im Vorfeld schön und gut – am Ende: „entscheidend is‘ auf’m Platz“ (A. Preissler). Oder in der Röhre, im Park, in der Kirche und im Schlosshof bei den Sessions. Hier als persönliche Neuentdeckungen: Sophie Cooper (tb) und die Violinistin Myrsini Oneirikos.

Wenn aus einer Besetzungsliste Klang wird. Musikerinnen, die man in den Vorjahren eher am Rande wahrgenommen hat, ein unerwartet mitreißendes Set spielen (Bruna Cabral und Bella Comsom), wenn alte Bekannte im Moerser Umfeld wieder einmal mit ganz neuen Facetten auftauchen. Und wenn wir bei Facetten gelandet sind: Mit Evi Filippou haben die Moerser eine großartige Wahl als Improviser in Residence getroffen. Nicht unerwartet, wenn man die Künstlerin in den vergangenen Jahren – auch in Moers – schon erlebt hat. Beim Moers Festival 2026 überzeugte sie in den Sessions, als Leiterin einer Kindernachwuchsformation und vor allem mit ihrem hin- und mitreißenden Konzert auf der Hauptbühne, wo sie mit „inEvitable extended“ als Vibraphonistin, Schlagzeugerin und zudem noch als Sängerin glänzte – mit Folk-Reminiszenzen an ihre griechische Heimat. Die fröhliche Energie, die Filippou schon außerhalb der Bühne ausstrahlt, potenzierte sich am Sonntagabend und machte ihren Auftritt zu meinem persönlichen Highlight beim diesjährigen Festival.

In diesem Jahr war mein Besuch in Moers verkürzt. Genug verpasst – aber zwei intensive Tage impfen einen mit ausreichend Vorfreude auf Pfingsten 2027, natürlich in Moers.

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© 1997 – today | ISSN 2751-4099

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