Eberhard Weber erhielt das Bundesverdienstkreuz im Rahmen des Jazzfestivals Esslingen

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat der Esslinger Jazzlegende Eberhard Weber für seine um Volk und Staat erworbenen besonderen Verdienste das Verdienstkreuz am Bunde des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Es ist mir eine große Ehre und Freude, Herrn Weber die hohe staatliche Auszeichnung, passend am „Abend für Eberhard Weber“ im Rahmen des Jazzfestivals Esslingen 2021, persönlich überreichen zu können und ihn zugleich auch mit der Bürgermedaille der Stadt Esslingen am Neckar zu ehren.

Die Veranstaltung war eingebettet in ein Konzert des Shai Maestro Trios mit Ralph Towner als Solist.

Die Rede von Esslingens Bürgermeister Dr. Jürgen Zieger

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

als Oberbürgermeister der Stadt Esslingen am Neckar heiße ich Sie zum Jazzfestival Esslingen unter der Schirmherrschaft des international renommierten Jazzmusikers Eberhard Weber herzlich willkommen.

Die heutige Veranstaltung trägt ja den Titel „ein Abend für Eberhard Weber“. Dazu gehört natürlich jede Menge Jazz – ein Ohrenschmaus, dessen Teil 1 wir mit dem Shai Maestro Trio und Ralph Towner als Solist bereits genießen durften und nachher im zweiten Teil des Konzerts noch weiter genießen dürfen. Darüber hinaus habe ich aber auch die große Ehre und Freude, Eberhard Weber an meinem letzten Arbeitstag als Esslinger Oberbürgermeister für sein herausragendes Lebenswerk zu ehren. Einen besseren Übergang in den Ruhestand kann ich mir nicht wünschen.

Unser Herr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Ihnen, lieber Herr Weber, in Anerkennung Ihrer um Volk und Staat erworbenen besonderen Verdienste das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Ich bin beauftragt, Ihnen die hohe staatliche Auszeichnung heute zu überreichen; in einem Rahmen, wie er geeigneter nicht sein könnte: am Abend für Eberhard Weber im Rahmen des Jazzfestivals Esslingen 2021.

Geboren am 22. Januar 1940 in Stuttgart, sind Sie, lieber Herr Weber, in Esslingen aufgewachsen. Als Sohn des promovierten Berliner Cellisten Hans Weber und seiner Stuttgarter Ehefrau Hildegard, war Ihnen die musikalische Ader sozusagen bereits in die Wiege gelegt; bestärkt auch dadurch, dass in Ihrem Elternhaus viel musiziert und Musik auch gehört wurde. Die eindringlichsten musikalischen Erlebnisse Ihrer Kindheit waren die monatlichen Kammermusikabende Ihres Vaters mit dessen Kollegen. Zu Ihrem großen Bedauern wurden sie regelmäßig vorzeitig von den Eltern ins Bett geschickt. Dennoch blieben Sie wach und hörten angestrengt mit einem Ohr an der Wand der Hausmusik zu. Die gefilterten tiefen Frequenzen, die Sie dadurch vorwiegend wahrnahmen, haben Ihr späteres Klangideal mitgeprägt. So steht es in Ihrer Autobiografie zu lesen.

Im Alter von 6 Jahren begannen Sie zunächst Cello zu spielen. Während Ihrer Schulzeit am Esslinger Georgii-Gymnasium wechselten Sie dann jedoch zum Kontrabass, durch den Sie neben der klassischen Musik auch den Jazz und dessen spezifische Spielweisen kennenlernten. Sie waren Mitglied des Schulorchesters und sangen als Jugendlicher im „Horst Jankowski-Chor“ des SDR. 1960 verließen Sie das Georgii-Gymnasium kurz vor dem Abitur, um Musiker zu werden.

Nach einer Fotografenlehre arbeiteten Sie neben Ihrer Musikertätigkeit in verschiedenen Bereichen von Rundfunk und Film, bevor Sie sich ausschließlich der Musik widmeten.
Ab 1962 waren Sie festes Mitglied des Wolfgang Dauner Trios und avancierten hier zu einem der gefragtesten deutschen Bassisten, der zahlreiche Schallplatten auch mit Größen wie Baden Powell oder Stéphane Grappelli einspielte. Mit der 1970 gegründeten Band Et Cetera (mit Wolfgang Dauner am Piano; Sigi Schwab an Gitarre, Sitar und Tarang; Fred Braceful, Schlagzeug und Gesang; Roland Wittich am Schlagzeug und Ihnen, Eberhard Weber, am Bass) näherten Sie sich einerseits dem Stil des Bill Evans Trios mit Scott La Faro und Paul Motian an, andererseits war Et Cetera aber auch der Beginn einer erfolgreichen Jazz-Rock-Formation.

1968 heirateten Sie, Herr Weber, die Malerin Maja Weber – 2011 leider verstorben – die ab 1973 die Umschlagbilder aller Ihrer Musikalben gestaltete. 1972 wurden Sie endgültig Profimusiker – in einer der damals erfolgreichsten europäischen Jazzbands: dem Dave Pike Set. Ein Jahr später folgten Sie dem Gitarristen der Gruppe – Volker Kriegel – in dessen eigenes Ensemble „Spectrum“. Seit dieser Zeit bestand der Kontakt zu Manfred Eicher, der gerade sein Jazz-Label ECM gegründet hatte. Eicher bot Ihnen eine Plattenaufnahme an. 1974 erschien das Album „The Colours of Chloë“ mit dem auch Ihr internationaler Durchbruch gelang. Mit „The Colours of Chloë“ gewannen Sie 1975 auch den „Großen Deutschen Schallplattenpreis“ und wurden im selben Jahr zum „Künstler des Jahres“ gekürt.

Zwölf weitere ECM-Einspielungen folgten; außerdem die Anthologien „Works“ und „Rarum“. Mehr als 200 Veröffentlichungen mit anderen Jazz-Musikern zeugen darüber hinaus von Ihrer Kreativität.

1975 gelang Ihnen auch der Sprung auch über den großen Teich, in das Mutterland des Jazz. Gary Burton holte Sie in seine Band, als Solist neben dem damaligen Bassisten der Formation Steve Swallow.

1976 gründeten Sie schließlich Ihre eigene Formation: „Colours“ mit Rainer Brüninghaus und Charlie Mariano sowie dem Schlagzeuger John Marshall: die damals erfolgreichste Jazz-Band Europas.

Zwischenzeitlich arbeiteten Sie aber auch mit Pat Metheny, Gary Burton und Ralph Towner (Solstice aus dem Jahr 1974) zusammen. Jazz-Gitarrist Ralph Towner ist heute Abend ja als Solist unter den Künstlern.

1977 wurden Sie, Herr Weber, Mitglied auch der Gründungsformation des „United Jazz and Rock Ensemble“, mit dem Sie zwölf Jahre lang große Erfolge feierten.

Anfang der 1980er Jahre begann auch Ihre Zusammenarbeit mit der britischen Sängerin und Komponistin Kate Bush. Auf vier ihrer Alben (u. a. The Dreaming) sind Sie bei einzelnen Stücken als Bassist zu hören.

Seit 1985 gaben Sie immer wieder auch Solokonzerte, bei denen Sie sich elektronischer Klangvervielfältiger bedienten, um Ihren Bass live aufzunehmen und – teilweise in veränderter Form – wiederzugeben. Auf diese Weise konnten Sie sich live selbst begleiten.

2000 nahmen Sie unter eigenem Namen das Album Endless Days auf, auf dem auch wieder Rainer Brüninghaus mitwirkte. Daneben sind Sie auf mehreren Alben des Gitarristen Andreas Georgiou zu hören.

1982, nach der Auflösung Ihrer eigenen Formation „Colours“, schlossen Sie sich als ständiges Mitglied der Band des norwegischen Saxophonisten Jan Garbarek an und arbeiteten bis zu Ihrem Schlaganfall kurz vor einem Konzert mit der Jan Garbarek Group in der Berliner Philharmonie im April 2007 mit ihm zusammen. Leider machte Ihnen dieser schwere Schicksalsschlag das eigene Spielen fortan unmöglich. Ihr Album Résumé beruht daher auf Bearbeitungen von Soli, die Sie früher im Quartett von Jan Garbarek spielten und die mitgeschnitten worden waren.

Unter gleichem Titel – mit dem Zusatz Eine deutsche Jazzgeschichte – veröffentlichten Sie im Januar 2015 Ihre Autobiografie.

Seit Ihrem Rückzug vom aktiven Musikerleben sind Sie vorwiegend in Ihrem Ferienhaus im südfranzösischen Vic Sainte-Anastasie zu Hause, kehren im Dienste des Jazz aber immer wieder an alte Wirkungsstätten zurück. Besonders gerne auch nach Esslingen, wo Ihre Wurzeln liegen.

Lieber Eberhard Weber,

mit Ihrem kongenialen Lebenswerk als Jazz-Bassist und –komponist gelten Sie völlig zurecht als eine herausragende Persönlichkeit der deutschen und internationalen Jazzszene und zählen neben Jaco Pastorius zu den wenigen Bassisten, die das Bassspiel im Jazz stark erweitert haben. Ihr einzigartiger Stil ist durch die Tongebung und Phrasierung sofort erkennbar und wird als lyrisch, schwebend und warm beschrieben; oftmals in melancholischem Ton mit einfachen Grundmustern (Ostinati), aber mit hochdifferenzierter Klangfärbung. Durch die Verwendung elektronischer Hilfsmittel hob sich Ihr Instrumentenklang von dem anderer Bassisten ab. Dazu muss man wissen, dass Sie sich bereits 1972 in einem Antiquitätenladen den Holzkörper eines alten Kontrabasses gekauft haben. Sie ließen diesen von einem Geigenbauer restaurieren und eine zusätzliche, hohe C-Saite sowie einen elektronischen Tonabnehmer installieren. Nach und nach beseitigten Sie die dabei auftretenden Eigenresonanzen des Basses, was den Klang des Instruments klarer machte und den Bass länger klingen ließ. Der Vorläufer des elektrischen Kontrabasses, den Sie in weiterentwickelter Form, die gegenüber einem klassischen Kontrabass einen reduzierten Massivholzkorpus hat, zuletzt spielten. Es war Ihnen ein Anliegen, den elektrischen Kontrabass als gleichwertiges Soloinstrument zu etablieren. Das ist Ihnen nach anfänglichem Widerstand bei Ihren Kollegen auch gelungen. Den berühmten Weber-Elektrobass haben Sie dem Deutschen Jazzmuseum in Esslingen vor einigen Jahren als Dauerleihgabe übergeben. Er ist aktuell in der Eberhard-Weber-Ausstellung, die noch bis 24. Oktober im Esslinger Stadtmuseum läuft, zu sehen. Einen Besuch der Ausstellung kann ich allen Jazzfreunden nur empfehlen.

Nicht von ungefähr wurde das herausragende Wirken von Eberhard Weber im Dienste des Jazz mit den unterschiedlichsten Auszeichnungen und Preisen gewürdigt. Darunter der Deutsche Jazzpreis im Jahre 2009, der Echo Jazz 2015 oder der Landesjazzpreis Ba-Wü, bei dessen Verleihung, ebenfalls im Jahre 2015, darauf abgehoben wurde, dass Sie, Herr Weber, ein Oeuvre geschaffen haben, das seinesgleichen sucht und das Ihnen – dem charismatischen Schwaben bescheinigt, Jazzgeschichte geschrieben und die internationale Jazzszene geprägt zu haben. Das sieht auch unser Herr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier so und hat Ihnen in Anerkennung Ihrer um Volk und Staat erworbenen besonderen Verdienste das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Für Ihre Heimatstadt Esslingen kann ich eine städtische Ehrung noch oben draufsetzen. Sie knüpft an Ihre Autobiografie an, in der Sie geschrieben haben – ich zitiere – „Ich wurde wohl in Esslingen gezeugt, bin aber in Stuttgart geboren worden. Da der Geburtsvorgang in der Rotkreuzklinik eines Stuttgarter Stadtteils stattfand, bin ich bis zum heutigen Tage bürokratisch damit gesegnet, Stuttgarter zu sein“ – Zitatende. Diesen unglücklichen Umstand für eine Persönlichkeit, die sich immer als Esslinger gefühlt hat und hier groß geworden ist, hat der Gemeinderat der Stadt Esslingen am Neckar jetzt geheilt und Ihnen, längst überfällig, die Esslinger Bürgermedaille verliehen.

Beide Auszeichnungen – das Bundesverdienstkreuz und die Esslinger Bürgermedaille darf ich Ihnen jetzt überreichen und bitte Sie dafür zu mir.