Die allererste Improvisation – von den Meistern lernen

Das baden-württembergische Repräsentationsoktett „Jazz & More Collective“ konzertierte in Michelbach/Bilz nicht nur, es unterrichtete auch am Evangelischen Schulzentrum.

Vor einem halben Jahrhundert geriet es zu „unerhörten“ Sensationen, als auf Initiative von mutigen Schülern die Bands von Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner und Manfred Schoof im Aufbaugymnasium jazzten. Und bundesweit existierte für den Nachwuchs damals nur ein einziger (zweiwöchiger) Jazzkurs, nämlich während der Sommerferien in der Akademie Remscheid.

Inzwischen nimmt der Jazz im allgemeinen Musikunterricht keine Außenseiterposition mehr ein, und im Evangelischen Schulzentrum  sorgte der vielfach engagierte Posaunist Roland Herter-Flöß schon für etliche Weiterbildungsmöglichkeiten in Sachen Jazz. Jetzt der vorläufige Höhepunkt: Das „Jazz & More Collective“ gastierte in der geräumigen Schulturnhalle der Bilzgemeinde, nicht ohne zuvor einen eintägigen Workshop bewerkstelligt zu haben.

Das Projektensemble „Jazz & More Collective“ hält alljährlich im feudalen Klosterkomplex Ochsenhausen einen Jazzlehrgang ab und besucht dozierend und spielend jeweils zehn Schulen im Land. Zwischen Ulm und Ludwigsburg war heuer Michelbach an der Bilz im Landkreis Schwäbisch Hall platziert. Prominentester Macher ist dabei eigentlich der Ulmer Trompeter Joo Kraus, der aber in Michelbach aus familiären Gründen leider passen musste. Für ihn sprang der aus Köln stammende Bastian Stein ein, den man in Hall schon Mitte September 2016 im Quintett des Pianisten Volker Engelberth erleben konnte. Außerdem agierten aktuell in der blasenden „front line“ der (ursprünglich in Nagold beheimatete)  Altsaxofonist Markus Harm, der 2002 beim Wettbewerb „Jugend jazzt“ entdeckt wurde, und der Erwin-Lehn-erfahrene Posaunist Eberhard Budziat. 

Konstant geblieben sind die Sängerin Fola Dada, der Keyboarder Martin Schrack, der Bassist Veit Hübner, der in Göteborg gebürtige Gitarrist Göran Klinghagen sowie der Schlagzeuger Torsten Krill.

Um 11 Uhr stellte sich das Profi-Oktett den über vierzig Schülern vom Michelbacher „Musik-Profil“ und einigen Gästen aus Hall mit drei Stücken vor, um dann nach dem Mittagessen parallele „Satzproben“ durchzuführen. Holz- und Blechbläser wurden hierbei vereint, auch die Rhythmiker hatten gleich drei Lehrmeister zur Verfügung. Eine Spezialität war der zuvor von Annika Völk bestens „eingestimmte“ Chor, wie Fola Doda konstatieren durfte, und erst recht ein von Veit Hübner betreutes riesiges Streicher-Ensemble. Der auch organisatorisch aktive Kontrabassist resümierte: „Die Schüler waren so wissbegierig. Alle haben am Schluss improvisiert, für viele war dies das erste Mal.“

Und der bei „Jugend musiziert“ bestens bewährte Gitarrist Jona Aaron Steinmeyer (16) vom Erasmus-Widmann-Gymnasium bemerkte:  „Man hat einiges dazugelernt. Ich wurde einer Streichergruppe zugeteilt, wo ich die Aufgabe hatte, die Streicher beim Improvisieren zu begleiten, durfte aber selbst auch mal improvisieren“. Und schon bei der Generalprobe erhielt die ebenfalls wettbewerbsversierte Geigerin Mia Pözelbauer (13) für ihr souverän swingendes Kurzsolo einen begeisterten Zwischenapplaus..

Am Abend fand man die Turnhalle bei der örtlichen Grundschule schließlich voll besetzt. In der ersten Konzerthälfte wurden die beeindruckenden Ergebnisse der Workshops präsentiert. Es begann mit dem 15-köpfigen A‑cappella-Chor und dem Gershwin-Evergreen „J Got Rhythm“, lediglich ein wenig instrumental unterstützt durch Fola Dada am E‑Piano.  Aus dem Kollektiv heraus schälten sich individuelle Solisten, die jeweils eine Phrase vor-singen durften, welche dann vom aufmerksamen „Tutti“ wiederholt wurde. Bei dem jiddischen Ohrwurm „Bei mir bist du schön“ kamen noch Streichinstrumente und Schlagwerk hinzu.

Der komponierende Pianist Martin Schrack freute sich, mal eine wahrhaftige „Mammut Big Band“ leiten zu können (dies ist ja ansonsten hierzuländle ja nur möglich, wenn der SWR seine radioeigenen Symphoniker, Jazzer und Vokalisten genreüberschreitend auf die Bühne und vor die Mikrofone bringt). Im Gepäck hatte er sein 2017 geschriebenes „Funky Groovy“-Stück „The Party – Spätzle und Soss“. „Streicher – das ist einfach ein Geschenk“, frohlockte der Nürnberger Jazzprofessor. Und ihren musikkulinarischen Spaß hatten dabei auch die Kids.

Südamerikanisches Feuer wurde auf der Bühne mit Tito Puentes „Oye Como Va“, großorchestral arrangiert von Paul Lavender, entfacht. Die Instrumentalisten durften nacheinander die Santana-Erfolgsnummer mit eigenen achttaktigen Soloimprovisationen anreichern, welche vom Publikum jeweils mit aufmunterndem Anerkennungsapplaus honoriert wurden. Schlagzeuger Krill und Gitarrist Klinghagen, wurden nie müde, im Hintergrund die Youngsters rhythmisch-metrisch mitzureißen. „Toll“ fanden diese konzertierte Aktion alle im Saal – die Workshop-Teilnehmer, die Berufsjazzmusiker und die Zuhörer.

Nach der Pause demonstrierte die achtköpfige Formation „Jazz & More Collective“ ihr handwerkliches und kreatives Können. Wie auf der CD „not too late“ begann es hardbopig mit Martin Schracks „kollateral“. Sebastian Stein blies eine scharfkantige Trompete, Eberhard Budziat eine hoch-wendige Posaune und Markus Harm ein flüssiges Altsax. E‑Gitarrist Klinghagen faszinierte mit „single notes“, Schrack griff kontrapunktisch in die Tastatur, und Veit Hübner legte auf seinem fünfsaitigen Korpusbass ein knackiges Solo hin. 

Bei „Never Will I Marry“ gesellte sich Fola Dada zu den sieben Instrumentalmannen hinzu und brachte sängerisch eine tragische und seelenvolle Komponente ein. Mit Irving Berlins Ballade „Let’s Face The Music And Dance“ verabschiedete sich die muntere Gruppierung in geradezu brasilianischer Anmut. Herzlicher Beifall von den jungen Kollegen und dem Auditorium insgesamt. 

Stimmen zum Workshop

Da ist unglaublich viel Potenzial, Neugier und Spielbedürfnis in Richtung Jazz vorhanden. Toll, dass dies in Michelbach an der Schule auch bei den unterschiedlichen Ensembles festzustellen war. Insofern waren für mich die gemeinsamen  Stücke mit Bigband, Streichergruppe und der Blechbläsergruppe sowie dem Chor die Highlights.

Martin Schrack

Spielerisch wurde ein Ansatz für das Ensemblespiel und vor allem auch für die Improvisation vermittelt und in den Satz und Ensembleproben erfolgreich umgesetzt. Es war eine große Freude von allen Teilnehmern, während der Workshops zu spüren. 

Eberhard Budziat

Es gab begeisterte Publikumsstimmen (aber auch von den Schülern) zu der hervorragenden Band, die auch bei den nicht so eingefleischten Jazzfans einen tiefen Eindruck hinterlassen hat. Zum Workshop kamen durchweg positive Rückmeldungen von den Schülern, was die Arbeit mit den Dozenten, aber auch den ganzen Tag als solchen betrifft. Dabei konnte ich Stimmen von erfahrenen Musikern einholen (Jakob Stähle), als auch von relativen Anfängern, die an diesem Abend zum ersten Mal in einer Band aktiv waren und auch von eher klassisch gesinnten Streichern, die diesen Tag als wertvolle (wenn auch nicht wegweisende) Erfahrung verbuchen konnten. Was meine Musikkollegen und mich betrifft, so ist es für uns immer wieder erstaunlich, welches Potential in den Jugendlichen zum Vorschein kommt, wenn so intensiv und konzentriert mit fachkundiger Anleitung gearbeitet wird – in kürzester Zeit entsteht (bei zum Teil anspruchsvollen Stücken) etwas Anhörbares. Schön ist es auch, dass sich so viele aus der Reserve locken ließen und Improvisationen gewagt haben. Natürlich ist es für die Schüler ein Erlebnis, in einer solch großen Formation auftreten zu können. So geriet das Ganze auch zu einer Begegnung von Profis, Musiklehrern, Schülern verschiedener Stufen und sehr verschiedener musikalischer Hintergründe und sogar Gästen aus dem EWG. So hat sich einmal mehr die Eigenschaft der Musik gezeigt, zumal des Jazz, unterschiedlichste Menschen miteinander zu verbinden (das Publikum, das ebenso gemischt war – von Jazzfans über Schüler zu alteingesessenen Michelbachern, nicht zu vergessen).

Roland Herter-Flöß

Text und Fotografie von Hans KumpfKumpfs Kolumnen

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