Der Österreicher David Helbock performte in Schwäbisch Hall außergewöhnlich

Nicht nur Schneeeule und E.T.: Zwischen Blues und präpariertem Piano

Nach dem allgemeinen Corona-Lockdown starteten der Jazzclub und das Kulturbüro in der Haller Hospitalkirche wieder ihren gemeinsamen Konzertreigen, sozusagen filmmusikalisch. Bei dem alpenländischen Pianisten David Helbock hieß es „Playing John Williams“

Vor zwanzig Jahren widmete der Hannoveraner Pianist Jens Thomas ein Spezial-Programm dem italienischen Filmkomponisten Ennio Morricone und ließ da nicht nur „Das Lied vom Tod“ jazzend erklingen. Nun hat sich der Vorarlberger David Helbock den weltberühmten Soundtracks des 1932 geborenen Amerikaners John Towner Williams angenommen. Nach der letztjährigen Tonträger-Einspielung beim Münchener ACT-Label mit „Schindlers Liste“, „Jurassic Park“, „Der Soldat James Ryan“ & Co. (mit wochenlanger Unterbrechung) durch die Lande. „Playing John Williams“ präsentierte er in leidigen Corona-Zeiten immerhin noch im Live-Stream.

Der mittlerweile 36-jährige Helbock ist in Schwäbisch Hall kein Unbekannter. Mitte März 2013 adaptierte er in seinem Solo-Recital beim 7. Jazz-Art-Festival wichtige Songs der Pop-Ikone Prince und vertiefte sich dabei stilistisch in die weitläufige Jazz-Historie. Da klang es harmonisch schon nach New Orleans; Blues und Boogies wurden bemüht, das Stride-Piano der Swing-Ära hämmerte frohgelaunt.

Dass er sich gerne im Inneren des Flügels zu schaffen macht, gehört bei David Helbock zur gefestigten Normalität und zu seinem untrüglichen Markenzeichen. Auch jetzt dämpfte der gewiefte Allrounder in der Hospitalkirche die Saiten des Steinways mittels Händedruck, einem CD-Case, Papier und eines schwarzen Frotteetuches oder er traktierte diese mit dem Filzschlegel eines Schlagzeugers. Außerdem ritzte er die edlen Metallstränge mit den Fingern gerne quasi gitarristisch an. Schließlich ertönte immer wieder ein bedrohliches Donnergrollen in der allertiefsten Basslage.

Begonnen hatte der Abend – wie die Platteneinspielung – mit der ersten Variation von „Hedwig’s Theme“: Ein gemütlicher Dreivierteltakter mit der Satzbezeichnung „Misterioso“ für die Schneeeule von „Harry Potter“. Unmittelbar danach lebte galaktisch-vital „E. T.“ auf und wurde bluesig geerdet als auch (Ludwig van Beethoven sei’s gedankt!) schicksalsmotivisch bedauert. Dieses spannende Märchen vom schnuckeligen Außerirdischen sei der Lieblingsfilm seiner Kindheit gewesen, bekennt der stets auswendig agierende Tastenmeister heute.

„Erkennen Sie die Melodie?“ hieß es oftmals in der Hospitalkirche, in der nach einem konsequenten Corona-konformen Konzertkonzept die 56 zahlenden Zuhörer mit geziemendem Abstand zueinander platziert worden waren (extra angeschaffte schwarze runde Beistelltischchen sorgten bei all der Trennung für eine relaxte Atmosphäre). David Helbock erklärt: „Ich habe Melodien reharmonisiert, manchmal wird es ganz abstrakt. Man hört nur noch die Melodie und darunter was ganz anderes.“ Zudem ändert der Pianist nach eigener Aussage vielmals Rhythmen und Taktarten. Eine Konstante bleibt bei dem virtuosen Flügel-Mann freilich sein rundes Wollkäppi mit einer Klaviertastatur als markantem Design.

Dass es nur ein einziges (zwar langes) Set der abwechslungsreichen Musik gab, war allgemein behördlich bestimmt worden. Wenigstens ein bisschen Normalität ist in das Jazzleben zurückgekehrt, nicht nur in Schwäbisch Hall. Im Konzertanschluss verkaufte David Helbock CDs und LPs an mundnasenmaskierte Fans – hinter einer mobilen Plexiglasscheibe.

Das nächste Konzert unter dem aktuellen Motto „Sommerjazz statt Coronablues“ findet am 25. Juli um 19.30 Uhr mit dem Trio der Pianistin Clara Vetter statt. Das Newcomer-Ensemble hätte eigentlich im Frühling beim sann abgesagten Jazz-Art-Festival auftreten sollen.

Stimmen zum ersten Jazzkonzert in der Hospitalkirche nach dem Corona-Lockdown

Dietmar Winter (Jazzclub-Vorsitzender): „Wir als Vorstandsteam waren natürlich sehr gespannt, wie die neue Sitzordnung angenommen wird. Dabei hat es uns natürlich auch sehr viel Spaß gemacht, dem Ambiente eines Jazzclubs näher zu kommen. Den Besucher*innen hat es sehr gut gefallen und wir freuen uns jetzt schon auf das nächste Konzert im Juli mit dem Clara Vetter Trio – wieder mit 60 Plätzen.“

Irene und Michael Dick (Ärztin und Journalist i.R.): „Nach der erzwungenen monatelangen Konzertvakanz waren wir richtig heiß auf den Pianoabend. Er war bezaubernd. Mit der neuen Art der Club-Bestuhlung hat die Hospitalkirche gezeigt, wie jung sie ist. Wir sind dankbar, in einer Stadt mit so einem engagierten Jazzclub zu leben.“

Ute-Christine Berger (Kulturbeauftragte). „Am 13. Februar war unser letztes Jazzkonzert. Wir haben die Künstler und das Publikum sehr vermisst. Als wir erfuhren, dass ‚kleine Formate’ bis 100 Personen wieder möglich sind, haben wir die Chance ergriffen: Mit der reduzierten Platzzahl und kleinen Tischen entsteht in der Hospitalkirche eine besondere Clubatmosphäre. David Helbocks Interpretationen von Klassikern der Filmmusik wie „Der weiße Hai“ oder „Star Wars“ waren brillant – insgesamt ein unvergesslicher Konzertabend.“ 

Kurt Hohenstein (Konzertkreis Triangel): „Nach einer gefühlten Ewigkeit seit dem letzten Jazz-Event in der Hospitalkirche war ich froh, diesem ersten Event nach dem Lockdown beiwohnen zu dürfen. Einerseits habe ich mich sehr gefreut, alte Bekannte wieder zu treffen, andererseits freute ich mich über die aufgelockerte „Corona-Bestuhlung“ und den dadurch wesentlich luftigeren Musikgenuss. Schön, dass wieder Hoffnung auf Kultur in all ihren Ausprägungen Wirklichkeit wird!“

Text und Fotografie von Hans KumpfKumpfs Kolumnen

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