Der Innovator bleibt unvergessen: Charles Mingus wurde vor 100 Jahren geboren

Nach über einjähriger Krankheit verstarb am 5. Januar 1979 der Bassist und Komponist Charles Mingus im Alter von 56 Jahren in Mexiko, wo er eigentlich sein heimtückisches ALS-Leiden auskurieren wollte.

Mingus, der schon mit Louis Armstrong, Art Tatum und Charlie Parker zusammen musizierte, gilt als ein Wegbereiter des Free Jazz. So löste er den Bass aus seiner Rolle des bloßen „time keepers“ und brachte ei­genständige und das Spiel der Mitmusiker kontrapunktierende Linien ein. Schließlich praktizierte Mingus mit seinen „Workshop“-Formationen ausgedehnte Kollektivimprovisationen und ließ einer offenen Form weitgehend freien Lauf. Charles Mingus darüber: „So lange sie anfangen, wann ich anfange, und aufhören, wann ich aufhöre, können die Musiker die Kompositionen än­dern so viel sie wollen. Während wir spielen, fügen sie sich selbst und ihre eigenen Ge­fühle hinzu.“

Und dies war das Faszinierende an dem immer in Schwarz gekleideten Jaz­zer: Mit seinem volltönigen und behäbig swingenden Bass sowie mit Gesten animierte er seine Bands zu enormer Spontaneität, Spielfreude und Kreativität.

Mir bleiben von verschiedenen Mingus­-Konzerten drei besonders in guter Erinne­rung. 1972 war beim südfranzösischen Cha­teauvallon Jazz Festival seine Zugabe des Beste – ein deftiger Blues, bei dem der Pia­nist John Foster mit singender Stimme und Schlagzeuger Roy Brooks mit singender Säge für die Gaudi sorgten. Drei Jahre spä­ter gab er in Antibes-Juan-Les-Pins bei einer Session gutgelaunt, mit einer dicken Zigarre im Mundwinkel, einen kurzen Einstand als Pianist und riss Dizzy Gillespie aus der Re­serve. 1977 beim Northsea Jazz Festival in Den Haag, kurz bevor er krank und an den Rollstuhl gefesselt wurde, war er noch so agil wie eh und je. Seine Musiker spornte er wieder zum gelockerten und humorvollen Spiel an, während er bei einem Stück im spanischen Flair auf sein Bass-Ostinato kompositorisch einen raffinierten Bläsersatz setzte.

Andererseits galt Charles Mingus als der „zornige alte Mann des Jazz“ (Michael Naura) – er sei streit­bar und unverträglich. Tatsächlich wandte sich Mingus, in dessen Adern auch chinesisches Blut floss, engagiert gegen die Diskriminierung der schwarzen Rasse, wovon sein Buch „Beneath the Underdog“ Zeugnis ablegte. Geboren wurde Charles Mingus Jr. vor 100 Jahren, nämlich am 22. April 1922 in Nogales (Arizona).

Photos: Hans Kumpf

Radiotipp
Fr 22.04. 20:05 – 24:00 Uhr
SWR2 Musik
Better Git It In Your Soul
Zum 100. Geburtstag von Charles Mingus
Von Günther Huesmann Wutnickel, sanft-liebender Virtuose, Visionär – Charles Mingus. Der Impetus seiner Musik ist bis heute im Jazz spürbar – und weit darüber hinaus. Wir feiern in dieser vierstündigen Themensendung den virtuosen Kontrabassisten und einflussreichen Bandleader und Komponisten, der mit der Sinnlichkeit und Maßlosigkeit seiner Sounds begeistert. Er hat Musikerinnen und Musiker aller Gattungen inspiriert – vom Rock bis zur Neuen Musik. Roger Willemsen sagte: „Charles Mingus klang schon „fett“, als es den Ausdruck noch nicht gab.“
Eine SWR2 Produktion in Kooperation mit hr, NDR, rbb und SR

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