Pianistin Anke Helfrich im Gespräch mit Klaus Mümpfer (Juni 2017)

Anke Helfrich - Foto: Klaus MümpferDie Wein­hei­mer Jazz­pia­nis­tin Anke Helfrich erhielt 2003 als Ers­te den „Jazz­preis der Stadt Worms“. Sie gilt als eines der gro­ßen Talen­te des deut­schen Jazz. Mit ihrem unver­wech­sel­ba­ren, vita­len Stil, der teil­wei­se an ihr gro­ßes Vor­bild The­lo­nious Monk erin­nert, aber auch mit ihren zahl­rei­chen Eigen­kom­po­si­tio­nen und ihrem Enga­ge­ment für den Jazz über­zeug­te die 50-Jäh­ri­ge die Juro­ren unter­schied­li­cher Gre­mi­en. 2016 erhielt sie als Bes­te in der Kate­go­rie natio­na­le Instru­men­ta­lis­tin Piano/Keyboards den „Jazz-Echo“, zuvor gewann sie bereits mit ihrem Trio die „European Jazz Com­pe­ti­ti­on“ sowie den „Hen­nes­sy Jazz Rese­arch“ und im Mai die­ses Jah­res zeich­ne­te sie Boris Rhein, der Kul­tus­mi­nis­ter des Lan­des, mit dem „Hes­si­schen Jazz­preis“ aus. Das Preis­trä­ger­kon­zert ist für den 27. Okto­ber im Staats­thea­ter in Kas­sel vor­ge­se­hen

Der mit 10.000 Euro dotier­te Preis wird seit 1990 an Per­sön­lich­kei­ten oder Ensem­bles ver­lie­hen, die beson­de­re Ver­diens­te um die Ent­wick­lung der hes­si­schen Jazz­sze­ne erwor­ben haben. Rhein lob­te die in Horb am Neckar gebo­re­ne Künst­le­rin als „eine her­aus­ra­gen­de Jazz­mu­si­ke­rin Euro­pas und als wich­ti­ge Bot­schaf­te­rin für die Jazz­stadt Frank­furt“.

Mit dem Jour­na­lis­ten Klaus Mümp­fer sprach Anke Helfrich auf dem Bal­kon ihrer Woh­nung in Wein­heim (unter dem zustim­men­den Gezwit­scher der Vögel) über die zahl­rei­chen Aus­zeich­nun­gen, die ihr krea­ti­ves Schaf­fen als Musi­ke­rin, Kom­po­nis­tin und Päd­ago­gin her­vor­he­ben. Schließ­lich enga­giert sich Anke Helfrich mit Lei­den­schaft in Work­shops, wie im pfäl­zi­schen Freins­heim, und mit vol­ler Kraft als Dozen­tin im Frank­fur­ter Dr. Hoch´s Kon­ser­va­to­ri­um.

Fra­ge: Was bedeu­ten Ehrun­gen wie zuletzt der Hes­si­sche Jazz­preis für Dich? Schließ­lich hat der Minis­ter Dich nicht nur als „umtrie­bi­ge und krea­ti­ve Pia­nis­tin“, son­dern auch als „enga­giert und ener­gisch in der Ver­mitt­lung der Jazz­mu­sik“ gelobt.

Anke Helfrich: Ich bin glück­lich über die Aner­ken­nung mei­ner Arbeit und die Wert­schät­zung als Musi­ke­rin. Gleich­zei­tig ist es ein Ansporn. Nach der Pia­nis­tin Elvi­ra Ple­nar, die 1993 aus­ge­zeich­net wur­de, bin ich die erst die zwei­te Frau, der eine sol­che Ehrung im Land wider­fährt.

Fra­ge: Mit wel­chen Musi­kern spielst Du beim Preis­trä­ger­kon­zert in Kas­sel?

Anke Helfrich: In der Beset­zung mit Adri­an Mears an der Posau­ne, Diet­mar Fuhr am Bass und Jens Düp­pe am Schlag­zeug. Ich selbst wer­de natür­lich am Flü­gel sit­zen.

Fra­ge: Wirst Du für die­ses Kon­zert ein eigens kom­po­nier­tes Stück spie­len?

Anke Helfrich: Genau, das habe ich mir bereits vor­ge­nom­men.

Fra­ge: Dei­ne Ver­diens­te als Musi­ke­rin und Kom­po­nis­tin bele­gen auch die zahl­rei­chen CDs und Kon­zer­te mit dem eige­nen Trio sowie in ver­schie­de­nen Ensem­bles. Es begann 2000 mit der viel beach­te­ten Debut-Ein­spie­lung „You´ll see“ über die CDs „Bet­ter times ahead“ und „Storm pro­of“ im Jahr 2009 und ende­te bis­lang bei der außer­ge­wöhn­li­chen und Auf­se­hen erre­gen­de Auf­nah­me „Dedi­ca­ti­on“. Wie steht es mit der Lehr­tä­tig­keit?

Anke Helfrich:  Vie­le Jah­re war ich als Dozen­tin an der Hoch­schu­le für Musik in Mann­heim tätig und seit 2011 habe ich mich sehr beim Auf­bau einer Jazz-Abtei­lung des Dr. Hoch´s- Kon­ser­va­to­ri­ums in Frank­furt enga­giert. Heu­te leh­ren dort nam­haf­te Künst­ler wie Eva May­er­ho­fer für Jazz­ge­sang, Heinz-Die­ter Sauer­born für Saxo­phon, Rhyth­mik und Big Bands, Axel Pape für Schlag­zeug, Diet­mar Fuhr für Bass und Ensem­ble, Jür­gen Schwab für His­to­rie und Gitar­re und Peter Feil für Posau­ne – um nur eini­ge zu nen­nen. Ich selbst bin für Jazz­pia­no, Gehör­bil­dung und Theo­rie und für die Lei­tung der Jazz-Abtei­lung zustän­dig.

Fra­ge: Wofür willst Du die 10.000 Euro Preis­geld ver­wen­den?

Anke Helfrich: Ich habe bereits Ide­en für eine neue CD, und dafür kann ich das Preis­geld natür­lich sehr gut gebrau­chen. Außer­dem benö­ti­ge ich ein neu­es Key­board, das ich an den Com­pu­ter anschlie­ßen kann – zu spä­ter Stun­de bin ich am krea­tivs­ten. Dafür ist das gute, alte Fen­der-Rho­des lei­der nicht geeig­net.

Fra­ge: „Dedi­ca­ti­on“ ist eine außer­ge­wöhn­li­che, Auf­se­hen erre­gen­de Ein­spie­lung. Hast Du lan­ge dar­an gear­bei­tet?

Anke Helfrich: Ja, in die­ser CD steckt sehr viel Zeit, Ener­gie und Lei­den­schaft. Allein die Idee und die Beschäf­ti­gung mit Mar­tin Luther Kings Leben und die Tran­skrip­ti­on sei­ner „I have a dream“-Rede, als auch die Kon­takt­auf­nah­me mit dem ML King-Cen­ter wegen der Ver­wen­dungs­rech­te haben fast zwei Jah­re gedau­ert. Ich wur­de von der Initia­ti­ve Musik geför­dert, wofür ich sehr dank­bar bin. Aber den Antrag zu stel­len, der Pro­jekt­ab­schluss und alles, was damit zusam­men­hing, waren natür­lich eben­falls sehr zeit­auf­wen­dig und Ner­ven rau­bend. Natür­lich hat­te ich glück­li­cher­wei­se sehr vie­le Unter­stüt­zer und Hel­fer wie den Bas­sis­ten der CD – Mar­tin Wind – mei­ne Schwes­ter Wib­ke, die die CD-Auf­nah­me in New York doku­men­tier­te und die Fotos für das Book­let mach­te, Mat­thi­as Winckel­mann von der Plat­ten­fir­ma ENJA, die wun­der­ba­ren Musi­ker, Ton­tech­ni­ker, die Gra­fik­de­si­gne­rin, mei­ne Fami­lie und Freun­de – aber  vie­les habe ich selbst gemacht und das war sehr viel Arbeit. Umso grö­ßer ist die Freu­de, dass die CD so gut ange­nom­men und mit einem ECHO aus­ge­zeich­net wur­de.

Fra­ge: Dei­ne nor­ma­le Beset­zung – wenn auch in den Part­nern wech­selnd (so im Früh­jahr mit dem Bas­sis­ten Mar­tin Wind) – ist das Trio mit Diet­mar Fuhr am Bass und Jens Düp­pe oder Jonas Burg­win­kel am Schlag­zeug. Manch­mal wird es durch wei­te­re Solis­ten erwei­tert. In die­sem Jahr soll es der Posau­nist Adri­an Mears sein. Bei „Dedi­ca­ti­on“ war es Tim Hagans. In der Pla­nung sind für die­ses Jahr Duo-Auf­nah­men mit der Saxo­pho­nis­tin Ange­li­ka Nie­scier. Was reizt Dich beson­ders an den Duos?

Anke Helfrich: Mich reizt das Spiel im Trio, Trio mit Gast­so­lis­ten oder auch ande­re Beset­zun­gen, wie Solo und Duo. Das Spie­len im Duo ist ein Dia­log von zwei musi­ka­li­schen Part­nern, die mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren. Man kann fle­xi­bel auf­ein­an­der ein­ge­hen, hat in vie­ler Hin­sicht mehr Frei­hei­ten, aber auch eine beson­de­re Ver­ant­wor­tung. Mit Ange­li­ka bin ich bereits in meh­re­ren Kon­zer­ten auf­ge­tre­ten. Sie spielt super und wir haben immer sehr viel Freu­de auf der Büh­ne.

Fra­ge: Um auf „Dedi­ca­ti­on“ zurück­zu­kom­men. Neben dem ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­recht­ler Mar­tin Luther King ist die Musik auch dem süd­afri­ka­ni­schen Akti­vis­ten und Poli­ti­ker Nel­son Man­de­la und sei­nem Jahr­zehn­te andau­ern­den Wider­stand gegen die Apart­heid gewid­met. Du zitierst sein Lieb­lings­ge­dicht „Invic­tus“. Die Bewun­de­rung für den ers­ten far­bi­gen Prä­si­den­ten erin­nert Dich an Dei­ne Kind­heit im Nach­bar­staat Nami­bia, wo Dei­ne Eltern mit Dir als Kind ein paar Jah­re leb­ten. 2009, als die CD „Storm pro­of“ erschien, hat­test Du die Gele­gen­heit die alte Schu­le in Wind­huk zu besu­chen.

Anke Helfrich: Ja, das war eine sehr berüh­ren­de Rei­se in mei­ne Ver­gan­gen­heit. Neben zwei Kon­zer­ten in Kap­stadt haben wir auch in Wind­huk in mei­ner ehe­ma­li­gen Schu­le und in Swa­kop­mund gespielt. Ich habe eini­ge Men­schen aus mei­ne Jugend wie­der getrof­fen, war seit Jahr­zehn­ten wie­der im Eto­scha-Natio­nal­park und habe sogar mein Eltern­haus in Wind­huk besucht.

Fra­ge: Wel­che Plä­ne haben die­ses Jahr bereits kon­kre­te Inhal­te?

Anke Helfrich: Im Okto­ber wer­de ich mit mei­nem Trio wie­der in Ita­li­en auf Tour sein und dann Ende des Monats das Preis­trä­ger­kon­zert in Kas­sel spie­len. Anfang Novem­ber bin ich im Rah­men der Rei­he „Jazz at Ber­lin Phil­har­mo­nic“ in die Haupt­stadt ein­ge­la­den, zusam­men mit inter­es­san­ten, inter­na­tio­na­len Jazz­mu­si­ke­rin­nen und unter der musi­ka­li­schen Lei­tung der ame­ri­ka­ni­schen Schlag­zeu­ge­rin Ter­ri Lyne Car­ring­ton. Danach wer­den wir mit mei­nem Trio in Russ­land spie­len. Das Gan­ze ist neben der künst­le­ri­schen auch eine logis­ti­sche Her­aus­for­de­rung. Schließ­lich muss ich bei­spiel­wei­se vie­le For­mu­la­re aus­fül­len, die Visa bean­tra­gen und sämt­li­che Flü­ge buchen. Das nimmt natür­lich sehr viel Zeit in Anspruch.

Fra­ge: Für eine Jazz­pia­nis­tin, die inter­na­tio­nal agiert, sind so genann­te Mul­ti-Kul­ti-Pro­jek­te beson­ders inter­es­sant. Du schwärmst in die­sem Zusam­men­hang von der European Jazz School, einem Pro­jekt des Mar­bur­gers Gero Braach.

Anke Helfrich: Das Pro­jekt „European Jazz School“, an dem nam­haf­te Jazz-Musi­ker und jun­ge Talen­te der hes­si­schen Part­ner­re­gio­nen gemein­sam musi­zie­ren, wur­de von Gero Braach im Jahr 2007 ins Leben geru­fen. Das Kon­zept: Je fünf Jugend­li­che aus Hes­sen und den Part­ner­re­gio­nen Aqui­tai­ne, Emi­lia-Roma­gna und Wie­l­ko­pol­s­ka, tref­fen sich jähr­lich zu einem vier­tä­gi­gen Jazz-Work­shop in Mar­burg und spie­len zum Abschluss ein Kon­zert beim Hes­sen­tag. Die Ensem­bles wer­den dann so zusam­men­ge­stellt, dass jeweils ein Stu­dent jeder Regi­on ver­tre­ten ist und gelei­tet wer­den sie von renom­mier­ten euro­päi­schen Jazz­mu­si­kern. Als Dozent ist es manch­mal eine Her­aus­for­de­rung, die unter­schied­li­chen – auch ori­en­ta­li­schen – Instru­men­te ein­zu­be­zie­hen. Aber es ist eine sehr erfül­len­de Arbeit. Das gemein­sa­me Musi­zie­ren und die Begeg­nung der Stu­den­ten aus den ver­schie­de­nen Kul­tur­krei­sen sind nicht nur musi­ka­lisch befruch­tend, son­dern auch völ­ker­ver­bin­dend.

Wei­te­re Infos: www.anke-helfrich.de

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