32. Theaterhaus Jazztage Stuttgart 2019

Geburts­ta­ge, Frau­en, Visu­el­les

Als typi­sches Cha­rak­te­ris­ti­kum der öster­li­chen Jazz­ta­ge in Stutt­gart bleibt, dass ver­trau­te Künst­ler-Freun­de des renom­mier­ten Thea­ter­hau­ses eine kon­zer­tan­te Geburts­tags­fe­te abfei­ern dür­fen. Bei der niveau­vol­len Eröff­nungs­ver­an­stal­tung war wie­der Joa­chim Kühn der Glück­li­che. Hat­te der zwi­schen zar­ten Impres­sio­nis­men und vehe­men­ter Eksta­se agie­ren­de Pia­nist vor fünf Jah­ren bei sei­nem 70ten noch die Alt­meis­ter Archie Shepp und Michel Por­tal im Schlepp­tau, so schar­te der am 15. März 1944 in Leip­zig Gebo­re­ne arri­vier­te New­co­mer um sich. Aber sein bald 90-jäh­ri­ger Bru­der Rolf Kühn (* 29.09.1929) gehör­te bei­des Mal zu den beherz­ten Gra­tu­lan­ten – bewun­derns­wert, wie kraft­voll und kon­zen­triert der Kla­ri­net­tist nach wie vor sei­ne beb­o­par­ti­gen Lini­en prä­zi­se phra­siert und arti­ku­liert.

Nicht von his­to­ri­sie­ren­der Nost­al­gie, son­dern von zeit­lo­ser Aktua­li­tät war das Ständ­chen in eige­ner Sache geprägt. Neben ein paar Fremd­kom­po­si­tio­nen (bei­spiels­wei­se von Ornet­te Cole­man und „The Doors“) wur­den bewähr­te Stü­cke von Joa­chim Kühn auf­ge­frischt. Trom­pe­ter Till Brön­ner gefiel, ganz unpo­pu­lis­tisch, durch sei­ne zupa­cken­de Wei­se, und auch das fran­zö­si­sche Erfolgs­duo mit dem wen­di­gen Knopf­ak­kor­deo­nis­ten Vin­cent Pei­ra­ni und dem vir­tuo­sen Sopran­sa­xo­pho­nis­ten Emi­le Pari­si­en, der zuwei­len Zir­ku­lar­at­mung prak­ti­zier­te und einen Sid­ney-Bechet-Sound nicht ver­schmäh­te, beein­druck­te durch eine immense Inten­si­tät. Über eine varia­ble Aus­druck­brei­te ver­fügt der jun­ge luxem­bur­gi­sche Tenor­sa­xo­pho­nist Maxi­me Ben­der. Joa­chim Kühn (75) ver­sprach am Ende der pau­sen­lo­sen inter­ak­ti­ons­freu­di­gen Drei­stun­den­per­for­mance ver­schmitzt, auch sei­nen 80. Geburts­tag im Stutt­gar­ter Thea­ter­haus fei­ern zu wol­len.

2014 gehör­te Majid Bek­kas zu Kühns gra­tu­lie­ren­den Mit­spie­lern, jetzt trat der Marok­ka­ner bei einer par­al­lel ablau­fen­den Ver­an­stal­tung in einer klei­ne­ren Hal­le des Thea­ter­hau­ses an. Mit sei­ner drei­sai­ti­gen Bass­lau­te Guem­bri war er will­kom­me­ner Gast bei dem hoch­en­er­gie­vol­len Quar­tett „Web Web“ um den kom­mu­ni­ka­ti­ven Key­boar­der Rober­to Di Gio­ia und den ver­sier­ten Saxo­pho­nis­ten Tony Laka­tos (Sopran, Tenor).

Jubel­stim­mung auch bei dem Bas­sis­ten Veit Hüb­ner und dem Pia­nis­ten Ralf Schmid – die bei­den Baden-Würt­tem­ber­ger begin­gen auf der Büh­ne jeweils ihren 50. Geburts­tag. Eine wür­di­ge Trau­er­fei­er wur­de aller­dings für den eng­li­schen Drum­mer Jon Hise­man (1944–2018) abge­hal­ten. Vom „United Jazz + Rock Ensem­ble“ ehr­ten ihn als lang­jäh­ri­ge Kol­le­gen der Trom­pe­ter Ack van Rooy­en (89) und der Pia­nist Wolf­gang Dau­ner (83).

Hise­m­ans Wit­we, die vor über einem Jahr­zehnt schlimm an Par­kin­son erkrank­te Saxo­pho­nis­tin Bar­ba­ra Thomp­son, ließ es sich tags zuvor nicht neh­men, dem Auf­tritt der New Yor­ker Frau­en­band „She­roes“ bei­zu­woh­nen. Unter der Lei­tung der kom­po­nie­ren­den Kla­vier­spie­le­rin Moni­ka Her­zig, wie ihre Sex­tett-Genos­sin Leni Stern aus Deutsch­land stam­mend, voll­führ­te die „femi­nin-hel­den­haf­te“ Grup­pie­rung mit­un­ter auf Gos­pel und Zah­len­spie­le­rei­en basie­ren­de ful­mi­nan­te Musik, wobei vor allem die gebür­ti­ge Israe­lin Reut Regev mit einer tief­grün­dig fet­zen­den Posau­ne her­aus­stach.

Schon 1987 hieß das Mot­to vom Oster­jazz, damals noch im Stutt­gar­ter Stadt­teil Wan­gen, „reich­lich weib­lich“. Damen-Domi­nanz herrsch­te jetzt zudem mit der Big Band der Gitar­ris­tin Moni­ka Roscher und den Ensem­bles von Tama­ra Lukas­he­va (Gesang) und Julia Hüls­mann (Pia­no). Zudem war bei der inzwi­schen tra­di­tio­nel­len „Lon­don Jazz Night“ das weib­li­che Geschlecht reich­lich ver­tre­ten – Respekt!

Die bewuss­te Ein­be­zie­hung von visu­el­len Kom­po­nen­ten gerät zuneh­mend zu einem wei­te­ren Mar­ken­zei­chen des von Wer­ner Schretz­mei­er und Wolf­gang Mar­mul­la kom­pe­tent kura­tier­ten Fes­ti­vals. Da wur­de der mit knit­zen Zei­chen­trick-Sequen­zen ergänz­te Film „It Must Schwing“ über das Blue-Note-Label prä­sen­tiert, und ein sechs­köp­fi­ges Ensem­ble um den fran­zö­si­schen Kon­tra­bas­sis­ten Ren­aud Gar­cia-Fons gestal­te­te noten­ge­treu die Musik „live“ zu dem mär­chen­haf­ten Sil­hou­et­ten­strei­fen „Die Aben­teu­er des Prin­zen Ach­med“ von Lot­te Rei­ni­ger. Zu dem „action pain­ting“ des Ira­ners Mehr­dad Zae­ri musi­zier­te der „elek­tro­ni­fi­zier­te“ Bas­sist Kurt Holz­käm­per.

Neben inter­es­san­ten Eigen­pro­duk­tio­nen über­nah­men die Jazz­ta­ge oben auf dem Prag­sat­tel, wo übri­gens in fer­ner Ver­gan­gen­heit ein Trump-Tower errich­tet wer­den soll­te, auch fer­ti­ge Tour­nee-Pro­gram­me. Wie zwei Tage zuvor in der Ber­li­ner Phil­har­mo­nie (mit Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter Stein­mei­er und Bass­ba­ri­ton Tho­mas Quast­hoff als pro­mi­nen­ten Zuhö­rern), ent­pupp­te sich das schwe­disch-deut­sche Quar­tett „4WD“ als Knal­ler. Der Act des auch sin­gen­den Posau­nis­ten Nils Land­gren, des Bas­sis­ten Lars Dani­els­son, des Pia­nis­ten Micha­el Woll­ny und des Schlag­zeu­gers Wolf­gang Haff­ner stieß bei der schwä­bi­schen Jazz­ge­mein­de auf begeis­ter­te Reso­nanz. Eben­so erging es zum Fina­le dem Trio des Pia­nis­ten Mar­tin Ting­vall.

Der Nord­deut­sche Rund­funk war im tie­fen Süden mit sei­ner Big Band prä­sent – und zoll­te Tri­but an das berühm­te Car­ne­gie-Hall-Kon­zert von Ben­ny Good­man am legen­dä­ren 16. Janu­ar 1938. Den Kla­ri­net­ten­part über­nahm dabei zuver­läs­sig Fie­te Felsch, der wie Till Brön­ner und sei­ne Orches­ter­mit­strei­ter Chris­to­pher Dell (Vibra­phon), Ing­mar Hel­ler (Bass) und Ingolf Burk­hardt (Trom­pe­te) 1987/88 beim aller­ers­ten „BuJaz­zO“ unter Peter Her­bolz­hei­mer betei­ligt war. Diri­gent Jörg Achim Kel­ler erin­ner­te mit knap­pen Wor­ten an die­se rühm­li­che Jazz-Epi­so­de und kre­ierte eher ein moder­nes als ein alter­tüm­li­ches Klang­bild.

Unbän­di­ge Lebens­freu­de ent­fach­ten auf zwei edlen Bösen­dor­fer-Flü­geln die bei­den Kuba-Emi­gran­ten Omar Sosa und Maria­ly Pacheco, der spa­ni­sche Alt­sa­xo­pho­nist Anto­nio Liz­ana bewähr­te sich als emo­tio­na­ler Fla­men­co-Voka­list – und ließ einen nicht vor­han­de­nen spe­zi­el­len Gitar­ris­ten in sei­nem Quin­tett ver­ges­sen.

Begrü­ßens­wert, dass bei all der glo­ba­len Kul­tur mit ihren Welt-Stars die ein­hei­mi­sche Sze­ne mehr­fach berück­sich­tigt wur­de. Jür­gen Wal­ter hat als (ehe­ma­li­ger) Staats­se­kre­tär im baden-würt­tem­ber­gi­schen Kunst­mi­nis­te­ri­um initi­iert, dass Jazz­fes­ti­vals einen staat­li­chen Zuschuss von 8 000 Euro erhal­ten, wenn eige­ne Künst­ler des Lan­des enga­giert wer­den. Und der zuver­läs­si­ge Haupt­spon­sor, die Mer­ce­des-Benz Bank, war­te­te gar mit einer ein­tritts­frei­en Mati­nee mit dem von Posau­nist Eber­hard Bud­zi­at ange­führ­ten „Daim­ler Clas­sic Jazz Orches­tra“ auf.

Unter dem Sam­mel­be­griff „Local Heroes“ stell­ten sich am Oster­sonn­tag­abend drei for­mi­da­ble For­ma­tio­nen vor, näm­lich ein Ensem­ble von dem Kon­tra­bas­sis­ten Axel Kühn („AK Ambi­ence“), ein Trio mit Beck/Bebelaar/Janke und die Com­bo des jun­gen Bas­sis­ten Jakob Oble­ser (Mar­bach am Neckar). Ins­ge­samt 16 Events von Grün­don­ners­tag bis Oster­mon­tag, und die ins­ge­samt 6600 Besu­cher las­te­ten die Kon­zer­te zu 85 Pro­zent aus, rech­ne­te schluss­end­lich Wer­ner Schretz­mei­er beglückt vor.

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Text und Foto­gra­fie von Hans KumpfKumpfs Kolum­nen

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