Jazz-Konzert, Konzert Review, Kumpfs Kolumnen

Vokalist Andreas Schaerer konzertierte mit Quartett in Schwäbisch Hall

Interaktives Improvisieren, verblüffende Variabilität

Fast alle waren schon einmal da: Der finnische Gitarrist Kalle Kalima spielte Mitte Januar 2017 mit eigenem Trio bei der Jazztime-Reihe, der italienische Akkordeonist Luciano Biondini trat als Sideman des libanesischen Oud-Spielers Rabih Abou-Khalil 2016 in der Hospitalkirche auf,

und der Vokalakrobat Andreas Schaerer beehrte vor über einem Jahr mit seinem preisgekrönten Ensemble „Hildegard lernt fliegen“ das Jazz-Art-Festival – nur dessen eidgenössischer Landsmann Lucas Niggli (Schlagzeug) konnte man in Schwäbisch Hall bislang noch nicht „live“ hören. Fürwahr ein internationales All-Star-Quartett (ohne deutsche Beteiligung also), welches unter der englischen Bezeichnung „A Novel of Anomaly“ (Ein Roman des Abnormalen) firmiert. Auf Einladung vom Jazzclub und des Kulturbüros konzertierten die vier europäische Top-Instrumentalisten gemeinsam unter den diversen Barockengeln und Aposteln im vormaligen Altarraum des profanierten Gotteshauses.

Musikalische Qualität hat ja nicht unbedingt etwas mit der Besucher-Quantität zu tun – nur etwa sechzig Zuhörer kamen zu diesem hochinteressanten Event der Reihe „Jazztime“. Gleich das erste Stück wies eine spannende Variabilität auf. Hohe jaulende Töne, zuweilen klingend wie ein chinesischer Tempelgong, der E-Gitarre finden in Gebrummel des Knopfakkordeons der Marke Victoria einen stimmigen Kontrast. Nach englischsprachigen Textpartikeln kommt eine fernöstliche Klangmalerei in agogisch langsamem Tempo auf, weiche Filzschlägel bewirken auf Fellen und Becken sanfte Akzente.

Bandleader Andreas Schaerer, mitunter auf einem hölzernen Barhocker sitzend, singt wortlos intonationsreinst im feinen Falsett, erinnert an einen klassisch geschulten Countertenor und führt aber auch rhythmisch präzise Perkussionsvokalisen wie so manche indische Tablatrommler auf. Der 1976 geborene Schweizer, vormals zeitweiliger Student von Bobby McFerrin, der ja viel mehr als nur „Don’t Worry, Be Happy“ drauf hat, lehrt mittlerweile an der Hochschule der Künste in Bern traditionellen und avantgardistischen Jazzgesang. Und wie McFerrin wird Schaerer später am Abend mit solovokaler Polyphonie, ganz ohne elektronisches Zusatzgerät, verblüffen – mit musikalischem Sinn und Sinnlichkeit. Und beide imitieren gerne gestenreich Musikinstrumente, seien es eine Trompete oder ein elektronisches Theremin.

Luciano Biondini funktioniert bei zunächst phrygischen Flamenco-Phrasen sein gewichtiges Akkordeon quasi um in ein leichtgängiges Bandoneon des Tango-Virtuosen Astor Piazzolla. Voller intensiver Spielfreude reißt es den Italiener immer wieder vom bequemen Klavierpolsterschemel, um räumlich näher beim finnischen Kollegen Kalle Kalima zu sein, mit dem er dann improvisatorisch bestens interagiert und kommuniziert. Das entzückte Publikum quittiert die Aktionen oft mit johlend-jubelndem Zwischenapplaus und zückt vereinzelt das Smartphone, um das aufregende Geschehen filmisch zu verewigen.

In Donaueschingen war Schlagwerker Lucas Niggli mal primitiv punkhaft (2006), mal schön soundsensibel (2016) zu erleben. Bei seinem Debüt in Schwäbisch Hall überzeugte der Schweizer durch seine Vielseitigkeit – sowohl durch Klangakkuratesse als auch durch rockiges Zupacken. Nicht weniger variabel bedient der in der deutschen Hauptstadt wohnende Kalima sein Gitarrenbrett der Berliner Firma Deimel und beherrscht fußmäßig mit Pedalen und Knöpfen diverse Technik-Tricks. Er orientiert sich mehr an Jimi Hendrix als an Charlie Christian oder Jim Hall.

Als fällige Zugabe wurde die folkloristisch anmutende Komposition „Getalateria“ von Andreas genommen: Der veritable Vokalartist lieferte sich hierbei erneut ein inniges Improvisationsduo mit dem Akkordeonisten Biondini, welcher sich noch die französische „valse musette“ zitierte.

 

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Text und Fotografie von Hans KumpfKumpfs Kolumnen