Ein Musiker von Welt: Klarinettist Tony Scott würde am 17. Juni hundert Jahre alt

In Stuttgart habe ich Tony Scott, geboren als Anthony Joseph Sciacca am 17. Juni 1921 im US-amerikanischen Bundesstaat New Jersey, mehrere Male in der zum Studio umfunktionierten Villa Berg des damaligen Süddeutschen Rundfunks aber auch in einem Jazzclub erlebt. Erstmals Mitte Mai 1977 kam es mit ihm im Außengelände vom SDR zu einem Foto-Shooting – für das November-Titelblatt des Magazins „Jazz Podium“. Auch zwölf Jahre später stand mein wegen seines kraftvollen Tons bewunderter Klarinetten-Kollege erneut am gleichen Ort bestens gelaunt vor der Kameralinse.

Im Internet entdeckte Tony Scott wenige Monate vor seinem Tod († 28. März 2007 in Rom) ein Foto aus diesen Zelluloid-Sessions und wollte dies in Papierform haben. Ich schickte ihm das Bildmaterial gerne nach Italien, dem Land seiner Vorfahren, zu – und er revanchierte sich mit einer raubkopiermäßig in eigener Sache gebrannten CD seiner 1964 eingespielten LP „Music for Zen Meditation“.

Als ich Tony Scott Mitte Februar 1978 im Stuttgarter Jazzkeller „Sudhaus“ hörte, schrieb ich dies in einem Zeitungsartikel:

Tony Scott, Jahrgang 1921, hat vielen Musikern in Afrika und Asien das Jazzen gelehrt. Und mit „Schülern“ aus Indonesien, den „Indonesian All Stars“, wollte er eine Deutschland-Tournee machen, doch die Instrumentalisten um den angesehenen Pianisten Bubi Chen bekamen keine Ausreiseerlaubnis aus Indonesien. Deshalb spielte Tony Scott bei der IG Jazz im Sudhaus mit einer ad hoc zusammengestellten Formation. Auch diese Gruppe hatte multinationalen Charakter: Der Pianist Michel Herr ist Belgier, Makaye Ntshoko (Schlagzeug) ist ein in der Schweiz lebender Afrikaner, die hierzulande weniger bekannten John Thomas (Gitarre) und Bert Thompson (Baß) kommen – wie Scott – aus den USA. Tony Scott selbst zählt zu den führenden Jazz-Klarinettisten überhaupt; im Sudhaus betätigte er sich zudem noch als Tenorsaxophonist und als Sänger.

Obgleich Tony Scott musikalisch sehr vielseitig ist, verliert er nie seine künstlerische Identität. Aufsehen erregten seine Schallplatten mit klingenden Zen-, Voodoo- und Yoga-Meditationen. Dagegen konzentrierte er sich im Gastspiel bei der IG Jazz auf bewährte Jazz-Standards wie Duke Ellingtons „Satin Doll“ und Sonny Rollins‘ „St. Thomas“.

In der von Scott geschätzten Jam-Session-Manier spielten die Musiker zwar zusammen, aber das strenge Dirigat Tony Scotts wurde immer wieder deutlich. Immerhin ließ Scott seinen Mitspielern viel Raum, um sich solistisch präsentieren zu können. Sie zeigten sich dabei alle als Könner und Meister ihres Fachs, obwohl ihr musikalisches Profil nicht übermäßig ausgeprägt ist. Makaye Ntshoko spielte rhythmisch sehr subtil und elegant, Bert Thompson ließ den „walking bass“ marschieren und zollte in einem Solo-Stück mit „Hänschen klein“ seinen Tribut an die deutsche Folklore, Michel Herr brachte in seinen Soli vorwiegend “horn line“-Melodien und kaum Akkorde; über einen plastischen Ton verfügte der Gitarrist John Thomas, der überaus melodiös agierte sowie kerniges Blues-Feeling bewies.

Konträre Tonbildungen setzte Tony Scott auf der Klarinette und auf dem Tenorsaxophon ein: Einerseits leise und „luftig“, andererseits scharf und schreiend, was von ihm große physische Energie abverlangte. Besonders differenziert arbeitete der Bläser mit Flageolett-„Pfeif“-Tönen. Als Vokalist erinnerte der Glatzköpfige mit dem langen silbergrauen Rauschebart an Leon Thomas, Clark Terry und Al Jarreau.

(Stuttgarter Nachrichten, 23.02.1978)

ERGÄNZUNG – Zwei Klarinettenkollegen haben Hans Kumpf zu diesem Beitrag geschrieben:

Ich lernte Tony bei seiner Tournee 1968 in Konstanz mit seinem Quartett im „Hades“  kennen. Er spielte mit einer jungen, farbigen Sängerin namens „Blanchette“, sowie dem Schlagzeuger Rafi Lüderitz, der kurz nach dieser Tour in Frankfurt gestorben ist. Der Bassist war ein junger Musiker namens Dieter Gewissler. Tony erzählte von seiner Platte „Music For Zen Meditation“, die er aufgenommen habe.  Allerdings bin mir nicht sicher, ob ich den Begriff „Zen“ damals verstanden habe. Aber dieses Wort „Zen“  hat mir Eindruck hinterlassen. Tony Scott war ein meinen Augen jahrelang mein heimliches Idol, trotzdem ich mir nicht vorstellen konnte,  in dieser Art zu spielen. Mit einer solchen Kraft und Vitalität, die ich vorher nie auf einer Klarinette gehört hatte.

Bernd Konrad

Der Tony, ein echter Charakter. Ich hatte das Glück, ihn zu treffen, als er 3 Monate im Ruhrgebiet gelebt hat.Er hat mir soviel über sich, seine Erlebnisse und Wünsche erzählt, so dass ich ein kleines Buch darüber schreiben könnte.
Vielleicht ist es Dir auch aufgefallen, Tony Scott hatte im Verhalten eine große Ähnlichkeit mit John Fischer.

Theo Jörgensmann

Hörtipp: Samstag, 19. Juni, 22:03 – 23:00 Uhr
SWR2 Jazztime – Pionier der Weltmusik – Zum 100. Geburtstag des Klarinettisten Tony Scott

Von Hans-Jürgen Schaal

Eigentlich war die Klarinette im Jazz der 1950er Jahre abgemeldet. Doch Tony Scott (1921-2007) gelang es, sich mit diesem Instrument im Bebop und Cool Jazz ganz nach vorne zu spielen. Früh erwachte bei ihm aber auch ein Interesse an anderen Musikkulturen. Zunehmend begann er, orientalische und Balkan-Elemente in sein Klarinettenspiel einzubauen. 1959 verließ er die USA und bereiste ausgiebig Afrika und Asien. In der Folgezeit kombinierte er seine Klarinette mit den „exotischen“ Klangfarben von Koto, Sitar, Oud, Shakuhachi oder Gamelan-Instrumenten und wurde zu einer Galionsfigur der „World Music“. (SWR, PM)

Fotos Tony Scott von Hans Kumpf

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