Louis Sclavis in Hall: Musikalische Gemälde aus Frankreich

Das Quartett des Klarinettisten Louis Sclavis nahm in der Haller Hospitalkirche fulminant seinen Nachholtermin vom Jazz-Art-Festival wahr.

Der 1953 in Lyon geborene Louis Sclavis konzentriert sich instrumental auf Bassklarinette sowie “normale” B‑Klarinette und genießt damit globale Reputation. Sein aktueller auf dem süddeutschen ECM-Label erschienener Tonträger nennt sich englischsprachig „Characters on a Wall“ und zeichnet oft gesellschaftskritische Mauerwandgemälde von einem französischen „Banksy“ nach, nämlich von dem namentlich bekannten Ernest Pignon-Ernest (Jahrgang 1942). „L’Heure Pasolini”, “Shadows and Lines” oder “La Dame de Martigues” beispielsweise heißen da die tönenden Titel.

Musikalisch klingt es nun allenthalben zuweilen ziemlich arabisch, und man fühlt sich stellenweise auch an „South Indian Line“ des Amerikaners Charlie Mariano erinnert. Aber schöne swingende Phrasen artikuliert Sclavis immer wieder, wobei er bassklarinettentypisch knorrige und knarzende Melodielinien bläst, raunzt und röhrt.. Auf der sogenannten „Schwarzwurzel“, der „geraden“ schwarzen B‑Klarinette also, entwickelt der Virtuose gerne wohlig-weiche Kantilenen und schafft dank Zirkularatmung nicht enden wollende „sheets of sounds“ (Klangströme).

Doch der akribisch komponierende Bandleader dominierte keinesfalls total das Geschehen auf der Bühne der Hospitalkirche. Das aus der Hotspot-Metropole Paris per TGV nach Deutschland angereiste und auf Corona zum Glück negativ getestete Quartett offenbarte miteinander verschiedentliche Beziehungsgeflechte. So fanden sich immer wieder reizvolle Paarungen, welche subtil miteinander kommunizierten. Das revolutionäre Motto „Liberté, Égalité, Fraternité“ bestimmte das freie Improvisieren.

Pianist Benjamin Moussay griff beherzt in die Tasten und ins Flügelinnere und hatte bei seinem Festival-Auftritt mitunter bei musikalischen Minimalismen eine atemberaubende Rasanz drauf wie weiland Cecil Taylor, erinnerte aber auch an liebliche Impressionismen von Claude Debussy. Die Anfang 1976 in Boulogne-Billancourt geborene Sarah Murcia beherrscht den voluminösen Kontrabass perfekt und kostet dessen enormen Obertonreichtum sattsam aus. Spannungsgeladen (nicht nur in optischer Hinsicht) als auch feinnervig filigran gab sich Christophe Lavergne am vom Jazzclub zur Verfügung gestellten Drumset: Keine lautstarke Dauerdresche, sondern geduldig-beharrliches Warten auf den richtigen Moment, auf den es punktgenau ankommt. Im Kontrast dazu Reminiszenzen an ohrengefällige balinesische Gamelanmusik. Als Zugabe zelebrierte das stimmige Quartett einen bedächtigen Trauermarsch, wobei die ansonsten zupfende Sarah Murcia streichend den Bogen zur Hand nahm.

Präzises Notenspiel, eine ausgetüftelte Konzeption und stilübergreifende improvisatorische Aktionen – im Ensemble von Louis Sclavis ergibt dies eine harmonische Einheit. Ein Konzerterfolg auch für die beiden speziellen Veranstalter Jazzclub und Kulturbüro. Im noch gut temperierten Hospitalhof signierten die mit geziemenden Mund-Nasen-Masken ausgestatteten Künstler bereitwillig die von alten und soeben dazugewonnenen Fans dargereichten CDs und Vinyls.

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Text und Fotografie von Hans KumpfKumpfs Kolumnen

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