Leszek Możdżer über seinen Klavier-Kollegen


 John Cage  / Interview und alle Fotografien: Hans Kumpf

Am 8. November 2008 spielte der amerikanische Pianist Walter Norris zusammen mit seinem polnischen Kollegen Leszek Możdżer im Berliner Jazzclub „A-Trane“. Als „The Last Set – Live at the A-Trane“ ist der damals gefertigte Mitschnitt bei dem Münchner Label ACT erschienen. Eine letzte Erinnerung an Walter Norris (geboren am 27. Dezember 1931 in Little Rock, Arkansas, gestorben am 29. Oktober 2011 in Berlin). Hans Kumpf befragte Leszek Możdżer nach seinen Eindrücken und Erlebnissen.

Kumpf: Wann hast Du erstmals die Musik von Walter Norris gehört? Warst Du sofort begeistert davon?

Możdżer: Als Teenager nahm ich an einem polnisch-deutschen Jugendaustausch teil. Da war ich überhaupt das erste Mal im Ausland. Mein neuer Freund in Berlin spielte mir eine CD vor. Sofort überwältigte mich die enorme Qualität von Walters Sound. Das war eine richtige Entdeckung für mich. Als Pianist erkennt man einen guten Kollegen sofort, der muss nur einige wenige Töne spielen. Walters Anschlagskultur war phänomenal. Ich hörte da einen Pianisten, der wie ein absoluter Weltklassemeister klang. Aber ich hatte nie zuvor von ihm gehört! Diesen Namen habe ich mir natürlich gemerkt.

Wann hast Du ihn „in persona“ getroffen?

Etwa zehn Jahre später kam er nach meinem Konzert im Polnischen Institut Berlin zu mir. Er war sehr freundlich, unheimlich nett – dies faszinierte mich. Wir hatten ein interessantes Gespräch. In seiner Gegenwart habe ich mich wirklich wohl gefühlt. Das nächste Treffen fand in meiner polnischen Heimatstadt Sopot statt. Wir hatten da eine schöne Zeit zusammen, jamten und spielten wie Kinder. Dann entwickelte sich der Plan für eine Kooperation. Wir legten ein Termin im „A-Trane“ fest und begannen mit den Proben.

Wo und wie lange probtet Ihr für das Konzert im „A-Trane“?

Wir trafen uns mehrmals. Zunächst diskutierten wir über die Konzeption, machten einige Pläne, und dann kamen wir zusammen, um in seiner Wohnung gemeinsam zu üben. Zum Glück hatte er daheim zwei Pianos stehen – ziemlich alt, aber solide. Er beschwerte sich nie über sein Klavier. Er war fähig, aus jedem Instrument etwas Schönes heraus zu kitzeln. Es war für ihn einfach ein Werkzeug. Ich erinnere mich an eine Jam Session in Sopot. „Wie war das Piano?“, fragte ich ihn danach. „Horeeepel! – Fuurrrrchtbar!“, antwortete er und begann, herzhaft zu lachen. Die miese Qualität eines Instruments war für ihn Grund, Witze darüber zu reißen, anstatt verärgert zu sein. Walter lebte zusammen mit seiner Frau Kirsten, und sie bedeutete für ihn eine Inspiration, da sie ihn gerne spielen hörte. Wir probten drei Tage lang. Aber wir durften nicht in der Mittagspause musizieren, weil einer seiner Nachbarn sein Spiel hasste. Der war total taub für den wunderbaren Sound, den Walter mit seinen magischen Fingern zauberte. Der Nachbar terrorisierte Walter und forderte in den frühen Nachmittagsstunden strikte Ruhe ein. Einer der besten Pianisten der Jazzgeschichte zu sein – und einen derartigen Wohnungsnachbarn zu haben – ist dies nicht ein Witz des Schicksals?

Ich weiß, im „A-Trane“ steht stets einen Steinway-Flügel zur Verfügung. War das zweite Instrument ebenfalls ein Steinway?



Ja. Dank Sedal Sardan, dem Eigentümer vom „A-Trane“-Club, konnten wir auf zwei hochklassigen Steinways spielen. Die Flügel wurden genau gleich gestimmt und waren von ähnlichem Klang und gleichwertiger Qualität. Eigentlich war das Konzert nur als Test-Gig für uns gedacht, um unser Repertoire zu checken. Es war unser allererster gemeinsamer Auftritt, und es sollte unser letzter bleiben. Glücklicherweise waren die Tonaufnahmen, die gemacht worden sind, für eine CD-Veröffentlichung gut genug. Trotzdem: Die Aufnahmen sind eher von dokumentarischem Wert als ein total ausgereiftes Produkt.

Hattest Du zusammen mit Walter weitere Konzerte geplant?

Ja, wir entwickelten weitere Pläne. Aber plötzlich verbot Walters Arzt zukünftige Auftritte. Er warnte seinen Patienten, das Herz könne die Anspannung bei Auftritten nicht mehr aushalten. Der Doktor hatte wohl Recht. Weil sein Körper beim Spielen so angespannt war, hat Walter beim Spielen von komplizierten Strukturen nicht geatmet. Er ging beim Musizieren jedes Mal ein Risiko ein – dies schätzte ich an ihm. Seine Botschaft war: „Der Körper ist nicht das Problem!“. Für mich bedeutete er eine ungeheure Inspiration.

Hatten Ihr noch vor, gemeinsam ins Tonstudio zu gehen?

Natürlich sprachen wir auch darüber, Studioaufnahmen zu machen – aber Walter starb. Und er starb mit einem Lächeln auf den Lippen!

Beim Abhören der CD stellte ich fest, dass sich das Publikum in dem Berliner Jazzclub sehr leise verhielt – im Gegensatz zum „Tygmont“ in Warschau… Wie hast Du die Atmosphäre im „A-Trane“ bei Eurem Konzert empfunden?



Walter war ein sehr spontaner und freundlicher fast 80-jähriger Teenager. Sobald er aber am Klavier saß, schuf er eine meisterhafte Aura. Die Leute fühlten das. Das Publikum lauschte konzentriert, und an diesem Abend war die Musik für die Zuhörer sehr wichtig. Ich muss betonen, dass dem „A-Trane“-Betreiber Sedal die Musik sehr wichtig ist. Sie bedeutet alles für ihn. Dies erfühlt jeder Musiker – deshalb ist der „A-Trane“-Jazzclub seit Jahren auch so erfolgreich. Jeder, der einmal dort gespielt hat, kommt gerne für einen weiteren Auftritt. „Tygmont“ ist eine andere Sache. Die Hälfte der Zuhörerschaft hat keinen direkten Blickkontakt zu den Musikern auf der Bühne, weil die riesige Bar mitten im Lokal platziert ist – und dies führt eben zu diesen Konsequenzen.

Was ist Dein Lieblingsstück auf der CD „The Last Set“?

Mein Lieblingstitel ist der „Postscript Blues“ – eine abstrakte und intelligente Komposition von Walter, die uns animiert hat, bei dem Improvisieren in unendliche Weiten auszuschweifen.

Die neue CD beinhaltet nur einen einzigen Jazz-Standard – „Nefertiti“ von Wayne Shorter. Spieltet Ihr damals noch andere Klassiker?

Nein, „Nefertiti“ war tatsächlich der einzige Standard-Song, den wir übernommen hatten. Ich empfinde dieses Jazz-Stück als eines der besten aller Zeiten. Wir beide wollten ein Programm gestalten, das von Eigenkompositionen geprägt war.

Ich traf Walter Norris letztmalig, als er Anfang Januar 1988 in Bonn-Bad Godesberg der Klavier-Dozent bei der allerersten Ausgabe vom „BuJazzO“ war. Ich erinnere mich an einen ruhigen und freundlichen Menschen – er gab den Eindruck eines „elder piano states man“ ab. Deshalb war ich einigermaßen überrascht, wie avantgardistisch er zuweilen zusammen mit Dir spielte. Wie denkst Du darüber?

Nun, seine Welt war voller Imagination und Abstraktion. Er konnte sich in alles Mögliche hineinversetzen und dies interpretieren. Ich habe einige seiner Dokumente gesehen und Papiere aus seinem Nachlass überflogen – ich begriff dann, dass er in die Musik immens vertieft war. Ein Außenstehender konnte dies gar nicht begreifen. Er konnte als Übung so einfach ein Bach-Präludium oder eine Chopin-Etüde rückwärts umschreiben oder auf einen Tisch drei verschiedene Metren klopfen. Er war ein Wissenschaftler. Die Musik vereinnahmte ihn so sehr, dass er nicht einmal Zeit hatte, die deutsche Sprache zu erlernen, obwohl er in Berlin von 1977 bis zu seinem Tode 2011, also 34 Jahre lang, lebte.

Was hast Du von ihm gelernt, und hat er auch etwas von Dir übernommen?

Ich hatte das Gefühl, dass er die ganze Zeit lernte. Ich erfuhr eine Sache – er lebt ganz und gar in der Musik. Ich möchte gerne den gleichen Bewusstheitsgrad erreichen. Andauernd im Show-Business tätig zu sein führt früher oder später dazu, dass man korrumpierbar wird. Walter war nicht von dieser Art. Er war ein wirklicher Künstler pur. Ich möchte so sein wie er.

Auch mit Deinem polnischen Landsmann Adam Makowicz hast Du eine Platte mit Klavier-Duos eingespielt. Wie ist da der Unterschied zu Walter Norris?

Adam Makowicz ist ein erfahrener Meister mit einer starken Piano-Konzeption, Das, was er am Klavier hinbringt, ist einfach erstaunlich – er hat sein Ziel erreicht. Von Anfang an setzte er bei unserer musikalischen Kooperation klare Regeln, was für mich eine fantastische Lektion war. Walter war immer mit etwas beschäftigt, sein Hirn arbeitete ständig – und nichts war fertig und abgeschlossen. Jeder Wendung, jeder Wechsel war möglich. Während wir spielten, konnte die Musik in total unerwarteten Gefilden landen. Dieses Vorgehen nahm mir das Gefühl von angeblicher Sicherheit, ließ mich aber die Freiheit mit all ihren Risiken spüren.

Willst Du zukünftig noch mit einem anderen Pianisten zusammen musizieren?

Das weiß ich nicht.

Wir war Deine Mexiko-Tour mit dem Chopin-Programm Anfang Oktober 2012?


Der Name des Landes ist zweitrangig, wenn ich auf der Bühne bin. Die Situation ist ja immer die gleiche – rechts das Publikum und vor mir eine schwarz-weiße Tastatur. Nachdem ich einige Tage in Guanajuato verbracht habe, muss ich doch sagen, dass dieser Ort außergewöhnlich ist – faszinierend mit seiner tiefen und einfachen Schönheit.