Leszek Mozdzer – Kommunikation als Lebenslust

Hans Kumpf: Auf Deiner neuen in Deutschland editierten ACT-CD „Pasodoble“ mit dem schwedischen Kontrabassisten Lars Danielsson als Duo-Partner gibt es viele kontrapunktierende Linien wie in der Barockmusik. Was für ein Verhältnis hast Du zu Johann Sebastian Bach?

Leszek Mozdzer: Schon während meiner Ausbildung spielte ich eine viel Bach-Musik. Auch als Profi führte ich oft Bach auf. Ich bewundere seinen Sinn für den Phrasenaufbau und die Art und Weise, wie er musikalische Strukturen bildet. Diese Musik ist unglaublich transparent und erfordert vom ausübenden Musiker eine perfekte Artikulation und Timing. Dies ist wirklich eine ganz exakte Musikliteratur.

Ist der Auftritt im Juni 2007 beim Bach-Festival in Leipzig ein Zufall?

Genau, da Lars Danielsson und ich ja keine Bach-Kompositionen präsentieren. Aber um ehrlich zu sein, die Nähe zu Bach, die Lars und ich in unseren Kompositionen haben, trifft perfekt die Intention des Festivals.

Spielst Du immer noch Chopin-Kompositionen samt Jazzimprovisationen?

Ich mache dies nicht mehr so häufig wie früher. Aber von Zeit zu Zeit werde ich gebeten, derartige Improvisationen zu gestalten.

Welche anderen “klassischen” Komponisten bevorzugst Du?

In der Schule faszinierten mich Chopin, Debussy, Prokofiiew, Rachmaninow. Sie alle schufen perfekte Kompositionen für Klavier. Bis heute erfreue ich mich daran. Erst geraume Zeit später begriff ich solche Komponisten wie György Ligeti und Witold Lutoslawski.

Kannst Du mir mehr über Lutoslawski sagen?

Er ist eines meiner Idole. Dieser große Mann kreierte seine eigene musikalische Sprache. Er verfasste großartige, bedeutungsvolle sinfonische Werke, welche die Musikgeschichte aufrüttelten. Daneben schrieb er sozusagen „Hits“, damit er seine Rechnungen bezahlen konnte. Ist das nicht wunderbar?

Wie war die Zusammenarbeit mit Lars Daniellsson?

Nun, das ist eine Geschichte für ein weiteres Interview. Lange nicht mehr habe ich einen Musiker getroffen mit solch einem Gespür für Sound und mit einer solch eleganten Phrasierung. Am allerwichtigsten erscheint mir, dass in sein Spiel ganz genau auf seine Umgebung reagiert. Er ist ein exzellenter Bassist und ein überragender Komponist.

Akzeptierst Du, dass man die ACT-CD in die Schublade “easy listening” einordnet?

Warum nicht. Generell ist Musik, die man leicht hören kann, schwer zu spielen. Es ist eher leicht, im Studio eine Stunde lang Avantgardemusik aufzunehmen, wenn wir nicht gestresst sind von Akkordfolgen, präziser Rhythmusarbeit, schwierigen dynamischen Abstimmungen der Instrumente und dem geschickten Reagieren auf das Tun des Partners. Das ist so diffizil wie ein Wettrennen, bei dem man noch mit einem Löffel im Mund ein rohes Ei ausbalancieren muss. Eine gedankenlose Geste, ein unangebrachter Ton kann die mühevoll bewerkstelligte Komposition kaputt machen. Und dann muss alles wieder von vorne begonnen werden.

Vergleiche Lars Danielsson mit dem amerikanischen Bassisten Dave Friesen, mit dem Du ebenfalls eine Duo-Platte vorgelegt hast!

Zunächst einmal: Sie sind total verschiedene Leute. Ich spielte mit Friesen schon vor sehr langer Zeit, und meine musikalische Einstellung war damals eine ganz andere als heute. Auch er hat sich im Lauf der Jahre verändert. Aber derartige Bassisten sind Weltklassemusiker, da gibt es nichts zu vergleichen. Derzeit spiele ich mit Lars, und ich will mit ihm auch in Zukunft kooperieren.

Warum hast Du bei Deiner “Pasodoble”-CD eine Celesta und ein Harmonium eingesetzt?

Celesta kommt von dem lateinischen Wort „celestis“, was bedeutet, dass der Klang des Instruments „himmlisch“ ist. Als ich ein Teenager war, spielte ich ein paar Stücke auf einer Celesta, die im Probenraum der Danziger Philharmonie stand, und deren Sound machte mich irre. Seit dieser Zeit suchte ich eine Möglichkeit, dieses Instrument zu verwenden. Meiner Meinung nach wird dieses Instrument viel zu sehr unterschätzt. – wie das Harmonium, das glücklicherweise im Nilento Studio in Göteborg stand, wo wir unser Album aufnahmen.

Was hältst Du von elektronischen Keyboards?

Keyboards zu bedienen erfordert total andere Fähigkeiten. Ich habe noch einige Keyboards zu Hause, die ich häufig bei Produktionen benutze. Aber ich glaube nicht, dass ich jemals ein richtiger Keyboarder sein werde. Dies erfordert eine Menge technischen Sachverstands, „software operating“ sowie die Fähigkeit, verschiedenartige Geräte zu vernetzen. Ich bevorzuge das gute, alte Piano aus Holz. Ich weiß, wie das funktioniert. Einfaches Holz, und mit Filz bezogene Hämmerchen schlagen auf die Saiten.

Bevorzugst Du Flügel einer besonderen Firma?

Jahrelang war Steinway das beste Fabrikat, aber derzeit kann ich überall auf der Welt gute Pianos verschiedener Firmen finden. Am wichtigsten ist, dass das Instrument stets gut behandelt wird – dann ist seine Herkunft weniger von Bedeutung.

Wo kannst Du in Polen auftreten?

Ich spiele meist in großen Konzerthallen. Rund tausend Karten können in Polen pro Konzert verkauft werden. Aber dies ist nicht die Regel. Es passierte mal, dass ich in Wroclaw/Breslau vor zwei betrunkenen Barkeepern spielte, aber ich spielte auch zusammen mit David Gilmour (Pink Floyd) in der Danziger Werft vor 60 000 Leuten. Der Musiker macht halt seine Musik, das ist alles.

Was das wichtigste Festival dort?

Keine Ahnung. Ein Festival ist so gut wie die Künstler, die dort auftreten. Jahrelang gastierten auf vielen Festivals in Polen die besten Musiker aus der ganzen Welt. Da gibt es Dutzende von Festivals, ich kann nicht alle aufzählen.

Was ist der beste Club in Polen?

Jeder Platz, wo die Musiker jammen können, ist spitze, und es gibt viele Konzerte in vielen Clubs in Polen. Bedauerlicherweise spiele ich nicht mehr in Clublokalen, deshalb habe ich keine Übersicht mehr. Persönlich mag ich „Sfinks“ und „Spatiff“, beide in Sopot.

Wie geht es der Jazzszene in der Dreistadt Danzig/Sopot/Gdynia?

Die Jazzszene dieser drei Ostseestädte wird repräsentiert von einer weiten Bandbreite von Musikern, viele Generationen, von Teenagern bis über 70jährigen Jazzern. Da geschehen großartige Sachen, da gibt es Rundfunk- und Plattenaufnahmen, Konzerte und Tourneen von Przemek Dyakowski, Maciej Sikala, Mikolaj Trzaska, Wojtek Staroniewicz, Maciej Grzywacz, Slawek Jaskulke, Wojtek Mazolewski, Dominik Bukowski, Tymon Tymanski, Olo Walicki, Kuba Staruszkiewicz, Tomek Sowiński, Irek Wojtczak, Janusz Mackiewicz, Adam Czerwiński und Emil Kowalski. Sie alle sind Künstler, mit denen ich ab und zu zusammenarbeite.

Du warst der Musikalische Direktor vom Musiktheater in Gdynia. Kannst Du Deine Erfahrungen daraus jetzt in Deine Musik übertragen – vielleicht „dramatische Effekte“?

Mit polnischen Theatern kooperiere ich fortwährend. Ich mag sehr, im Theater zu arbeiten, am meisten schätze ich die Chance, andere Kunstmenschen mit unterschiedlichen Backgrounds zu treffen, wobei eine Vielzahl von Empfindungen hervorkommt. Musik ist in dem Mechanismus nur ein Teil, wenn Dutzende oder Hunderte von Leuten zusammenwirken, um eine zweieinhalbstündige Vorstellung zu gestalten, um die Besucher auf eine Art Reise mitzunehmen. Wenn nur eine Garderobiere fehlt, kann die ganze Vorstellung ruiniert werden. Im Theater lernt man Verantwortungsbewusstsein. Wenn alles funktioniert, bin ich überwältigt von den Leuten, Räumen, Worten, Kulissen. Ich liebe es, im Theater tun zu haben.

Wo kann man in Polen am besten Jazz studieren?

Auf der ganzen Welt ist es den eigenen Geist, wo man am besten Jazz lernen kann.

Gibt es neue Talente in Polen?

Natürlich. Da gibt e seine Masse junger fleißiger Musiker, die an Idole glauben und willens sind, mit ihrer Musik die Welt zu erobern.

Kann man in Polen allein mit Jazz genügend Geld verdienen – oder muss man noch unterrichten, komponieren oder simple Unterhaltungsmusik machen? 

Ich bin nicht sicher, ob man in Polen nur mit Jazz genug Geld machen kann. Aber ich bin sicher, dass man es schafft, wenn man sein Ding macht. Die Fähigkeit Prosperität zu erlangen, hat meines Erachtens nichts mit der Musikart zu tun, sondern nur damit, wie man diese betreibt.

Wie war die Kooperation mit dem verstorbenen Trompeter Lester Bowie?

Das ist ein unvergesslicher Mann, ein wahrer Meister. Ich werde niemals vergessen, mit welcher Warmherzigkeit und Wohlwollen er der Welt und anderen Leuten begegnet ist. Eines Tages werde ich wie er sein.

Benötigst Du Kommunikation und Interaktion mit anderen Musikern oder liebst Du auch Soloauftritte?
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Das Gefühl, mit einem anderen zu kommunizieren, ist der vergnüglichste Teil meines Berufs. Ich brauche die Zusammenarbeit mit anderen Musikern, einfach Freude haben, mit anderen auf diesem Planeten zusammen zu existieren. Zusammenzuspielen ist für mich die allergrößte Freude. Solo zu spielen ist mehr eine große Verantwortung.

Wie verlief die Zusammenarbeit mit dem Pianisten Adam Makowicz?

Adam Makowicz zwang mir seine Regeln auf, er bestimmte das Repertoire und behandelte mich wie einen Lehrbuben. Ich bin ihm trotzdem dankbar für seine Lektionen, sie waren nicht vergeblich, da von unserem gemeinsamen Album 30 000 Stück verkauft wurden.

Wie lautet die Botschaft Deiner Musik?

Meine Musik birgt keine Botschaft.

Wie sehen Deine zukünftigen CD-Pläne aus?

Ich habe eine Menge Musik, die aufgenommen werden kann. Ich weiß nicht, was als erstes dran kommt. Mein Album mit Lars wurde gerade veröffentlicht. In Polen brachte ich eine von Przymek Dykowski produzierte CD heraus, „Melisa“. Ich muss erst mal darüber schlafen und dann entscheiden.

Welche Festivals und Tourneen liegen an?

Ich checke meinen Plan auf meiner Homepage www.mozdzer.com. Es scheint, als ob es in diesem Jahr ziemlich hektisch zugehen wird.

Wie waren Deine Erfahrungen in Deutschland? Wie denkst Du über das Publikum und die Musiker hierzulande?

Ich habe mit vielen deutschen Musikern zusammengearbeitet. Die Musiker sind wie eine riesige Familie, wir haben eine glänzende Kommunikation miteinander. Ich mag die Art und Weise, wie Musik in Deutschland organisiert wird. Es stehen ziemlich gute Pianos zur Verfügung, es gibt grandiose Konzerthallen. Ich freue mich auf das deutsche Publikum, das mich besser kennen lernen kann. Das Label ACT leistet wirklich gute Arbeit. Danke sehr!  

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