Betuliches unter Barockengeln

Als am 14. Januar 1968 Posaunenweltmeister Albert Mangelsdorff mit seinem legendären Quintett bei einem Konzert des aufmüpfigen Jugendclubs „alpha 60“ in der Haller Hospitalkirche auftrat, brauchte nur der Kontrabass von Günter Lenz etwas elektronische Lautstärkehilfe. Heutzutage sind die Mikrofone auf der Bühne des längst nicht mehr zu Gottesdiensten gebrauchten Sakralbaues unübersehbar. Unter Barockengeln und Aposteln wurde zwei Wochen nach Ostern das „1. Internationale JazzArtFestival Schwäbisch Hall“ durchgezogen. Örtliche Veranstalter hatten ihr Kulturangebot kollektiv nun auf vier Tage konzentriert.

Dank Sponsoren wie dem Schraubenfabrikanten Würth und dem weniger weltweit agierenden „Olivenstand am Markt“ konnte man es wagen, aus nah und fern mehr oder weniger bekannte Künstler einzuladen. Keine Experimente, Betulichkeit herrschte vor. Ein paar atonale Einsprengsel störten die allgemeine Wohltönigkeit nicht. Zumeist war alles streng durchkonzipiert.

Besonders gefällig in der Sparte „easy listening“ zeigte sich erwartungsgemäß die Hamburger Sängerin Ulita Knaus, eine Blondine mit dunklem Timbre. Anspruchvoller duettierten da schon Posaunist Nil Wogram und Pianist Simon Nabatov: Fließende Übergange von vertrackten Kompositionen zu den obligatorischen Improvisationen. Der Ungar Zoltan Lantos wartete mit sechsaitigen und vielseitigen Geigen auf, die er noch gerne elektronisch transformierte, während sein Duopartner Kornel Korvath auf diversen Perkussionsinstrumenten harte Handarbeit leistete.

Noch weiter östlich klang das Trio „Indira“ mit der Vokalistin und Tänzerin Fauzia Maria Beg und zwei jazzenden Schwaben. Sehr melodiös der Schlagwerker Uwe Kühner, und (Bassklarinettist) Frank Kroll ließ sich auf dem Sopransaxophon in diesem Umfeld vom näselnden Sound der indischen Shanai inspirieren.

Homogenen und filigranen Modern Jazz lieferte auch Saxophonist Jochen Feucht zusammen mit dem Pianisten Ull Möck und dem Bassisten Thomas Krisch, der in den 60er Jahren zu einer jazzenden Wunderkinderfamilie gehörte. Profihaft aufspielende Teenager aus dem Großraum Köln ließen bereits vor ein paar Jahren aufhorchen. Trompeter Julian Wasserfuhr, 19, eifert auf dem Flügelhorn Chet Baker nach, und sein zwei Jahre älterer Bruder Roman am Piano kommuniziert mit ihm intensiv.

Das Wasserfuhr-Quartett konzertierte nicht in der Hospitalkirche, sondern in der Kunsthalle Würth, in der danach das Quintett Bratsch aufspielte: S(ch)wingende Musik der Roma und Sinti, kombiniert mit französischer Volksmusik samt Akkordeon und Chanson-Feeling. Dieser Event war als einzige Veranstaltung des JazzArtFestivals ausverkauft.

Zum Festival-Finale eine Solo-Performance von Stefano Bollani, geboren 1972 in Mailand. Klassisches Knowhow und Virtuosität allemal, verbunden mit einer Stilvielfalt, die – ähnlich wie bei dem russischen Pianisten Leonid Chizhik – in eine Stillosigkeit auszuufern vermag. Vom Ragtime bis zu freejazzigen Unterarm-Clusters, Blockakkorde gemischt mit Minimal-Musik, Störrisches wie von Bartok oder Schostakowitsch, handgemachtes Saitenspiel im Inneren des Flügels und Percussion auf dem schwarzen Edelholz, Zitatenkramerei von Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ über Duke Ellingstons „Caravan“ bis zu Bert Kaempferts „Strangers in the Night“, allzu triviale Harmoniefolgen bei einer eigenkomponierten Ballade. Verzichtbar war Stefano Bollanis intonationsgetrübter Gesang zu brasilianischen Bossanova-Weisen. Ein Entertainer fürwahr in der Tradition des dänischen Tastenkomikers Victor Borge und des universellen Belgiers Francois Glorieux, der sich gleichfalls vom amüsierten Publikum die Titel von Songs und Instrumentalkompositionen zuriefen ließ, über die er dann spontan improvisierte.

Ergänzt wurde das Festival noch durch die Präsentation regionaler Big Bands, Jazz für Kinder, einer Jazzfotoausstellung, Filme über Plattenlabels und ein Vortrag von Wolfram Knauer über Jazz in Deutschland.


Ulita Knaus


Nils Wogram / Simon Nabatov


Zoltan Lantos


Fauzia Maria Beg


Frank Kroll


Wasserfuhr Quartett


Bratsch


Stefano Bollani