Franz Hautzinger im Gespräch mit Frank Schindelbeck

Franz Hautzinger - Foto: Schindelbeck

Franz Hautz­in­ger – Foto: Schin­del­beck

Den Auf­takt zum Haupt­pro­gramm des Jazz­fes­ti­val Saal­fel­den 2010 bestritt der öster­rei­chi­sche Trom­pe­ter Franz Hautz­in­ger mit sei­ner For­ma­ti­on „Third Eye“. Die Fes­ti­val­lei­tung ver­trau­te ihm eine Auf­trags­kom­po­si­ti­on an und ermög­lich­te ihm die Zusam­men­stel­lung einer Wunsch­for­ma­ti­on mit Hay­den Chis­holm (sax), Hil­ary Jef­frey (tb), Wil­liam Buck (dr), Wil­liam Par­ker (b) und Franz Hautz­in­ger selbst, an der Vier­tel­ton­trom­pe­te. Ich konn­te am Ran­de des Fes­ti­vals mit Franz Hautz­in­ger am Tag nach der Auf­füh­rung sei­nes Pro­jek­tes spre­chen.

Du hast das offi­zi­el­le Haupt­pro­gramm in Saal­fel­den beim Jazz­fes­ti­val­er­öff­net, mit einer Auf­trags­kom­po­si­ti­on, kannst du dazu ein paar Wor­te sagen?

Es war eine Ein­la­dung von Michae­la May­er und Mario Stei­del, den künst­le­ri­schen Kura­to­ren des Saal­fel­de­ner Jazz­fes­ti­vals im März, und ich habe mich sehr, sehr, sehr gefreut. Auch gewun­dert, weil ich zwar in den letz­ten Jah­ren eini­ge mal hier gespielt habe – eigent­lich rela­tiv oft – da ich mich aber grund­sätz­lich eher nicht zur Jazz-Sze­ne zäh­le, war das für mich wirk­lich eine sehr gro­ße Über­ra­schung, eine Posi­ti­ve!

Da ich hier beim Fes­ti­val in ver­schie­de­nen Berei­chen, in elek­tro­ni­schen, in avant­gar­dis­ti­schen, abs­trak­ten Geschich­ten ver­tre­ten war, aber nie eigent­lich als Jazz­trom­pe­ter, war die Ein­la­dung, sozu­sa­gen auf dem „ers­ten Platz“, für mich eine sehr Wun­der­ba­re. Die bei­den hat mich auch irgend­wie in eine Fra­ge­stel­lung gebracht. Alle mei­ne Sachen, die ich auch in Saal­fel­den immer wie­der unter­nom­men habe, die waren immer ein Blick von außer­halb des Jazz in den Jazz hin­ein. Und nach zwei Wochen Über­le­gen dach­te ich mir: so, jetzt muss ich das mal umge­kehrt machen.

Der Gedan­ke war: „Ich fan­ge das noch ein­mal genau an“. Und bin ja sehr glück­lich, dass es You­Tube gibt. Man kann wirk­lich alle gro­ßen Trom­pe­ter sehen und hören. Also, ich habe ange­fan­gen von vor­ne mit Lou­is Arm­strong, Bix Bei­der­be­cke, Dizzy Gil­le­spie, Miles Davis, Woo­dy Shaw, Bill Dixon, die gan­zen Euro­pä­er …Pal­le Mikkel­borg (FS: spiel­te auch in Saal­fel­den) mei­ne gan­zen ver­ehr­ten „Mas­ters“: Han­ni­bal Mar­vin Peter­son, Clif­ford Brown…Ach, es gibt so viele…Ich über­le­ge gera­de wer fehlt…Lee Mor­gan, Ken­ny Dor­ham, Leo Smith

Don Cher­ry…

Don Cher­ry, natür­lich! Oh, es feh­len noch sehr vie­le.

…und ich woll­te ein ech­tes Jazz-Pro­jekt machen. Wie es halt bei mir so ist – ich bin schon ein schrä­ger Typ – dann eher ein Abs­trak­tes, von mei­ner Musik her. Ich habe Jazz stu­diert, ich habe Kom­po­si­ti­on stu­diert , ich habe ganz vie­le Arten von Musi­ken geschrie­ben und auch gespielt und so habe ich mir gedacht, das neh­me ich mir jetzt, aus mei­nem Leben und gehe noch ein­mal ganz tief in die­se Musik, die ich so sehr lie­be. Und der Titel von dem Pro­jekt war dann für mich „Third Eye“

Ich hat­te ein biss­chen ein Pro­blem ab den 80ern mit Jazz. Es kam auf ein­mal zu – so wie auch in der Gesell­schaft ins­ge­samt – einem Wan­del zur „Image-Gesell­schaft“, des Busi­ness, des Manage­ments, des Mar­ke­tings; und die Musik, fin­de ich, hat nicht mehr „das“ gehabt – jetzt ver­än­dert es sich wie­der – also, „das“ nicht mehr gehabt, was wir frü­her so gut dar­an fan­den. Die­ses Inspi­ra­ti­ve, das Inno­va­ti­ve, das Sich-Ver­sen­ken, die­ses „Col­tra­ne“, die­ses „Miles Davis“, die­ses „Ding“, die­ses wirk­lich Tie­fe.

Darf ich hier ein­mal ein­ha­ken? Auf der ande­ren Sei­te gab es doch par­al­lel immer Leu­te wie – ich nen­ne jetzt mal bewusst dei­nen Mit­spie­ler beim„Third Eye Pro­jekt“, Wil­liam Par­ker – groß­ar­ti­ge Musi­ker…

…sowie­so.

Natür­lich gab es einen Ornet­te Cole­man, immer, und hof­fent­lich noch ganz lan­ge – das heißt, es hat nicht auf­ge­hört. Aber was in den 80er Jah­ren doch pas­siert ist: Der Free Jazz war noch gar nicht weg und alle haben sozu­sa­gen aus der eige­nen Musik her­aus auf die­se Musik geschimpft.

Es war die eige­ne Tra­di­ti­on! Ich habe das bis heu­te nicht ver­stan­den, dass das Gro­ße aus den eige­nen Rei­hen nicht geschätzt wird. Die eige­nen Leu­te schimp­fen und machen das schlecht. So war das nun ein­mal, und ja, das habe ich nie rich­tig ver­stan­den. Ich habe den Pat Methe­ny und die Yel­low Jackets auch geliebt aber das war dann „woan­ders“.

Im Nach­hin­ein habe ich mir gedacht: jetzt weiß ich, war­um ich da aus­ge­stie­gen bin. Es war vor­her eine ande­re Tie­fe – nein – es war eher eine Höhe. Es ging mir dar­um, die­sen beson­de­ren „Spi­rit“ für mich zu bele­ben und ich glau­be auch, das ist ein sehr sozia­ler Geist. Der ent­wi­ckelt sich im Moment wie­der etwas, fin­de ich. Wir haben gese­hen, was uns die 80er Jah­re, an Ent­wick­lung in wirt­schaft­li­cher und geis­ti­ger Hin­sicht gebracht haben. Es brennt über­all, ja? Die Welt ist am Ende…

…ich woll­te es gera­de sagen: Im Moment haben wir kei­ne posi­ti­ve Ent­wick­lung…

Das ist mei­ner Mei­nung nach alles in den 80er Jah­ren ent­stan­den. Natür­lich im bes­ten Wil­len, klar. Aber es ändert sich. Ich glaub‘ es wird sich total ändern; dass das Sozia­le wie­der eine grö­ße­re Rol­le spielt. Davor hör­te ich seit Jah­ren immer nur : „Hast du eine Band?“, „Hast du ein Pro­jekt?“ Es waren dau­ernd fünf Solis­ten auf der Büh­ne…

Im Prin­zip siehst du also jetzt eine posi­ti­ve Ent­wick­lung im Jazz­be­reich. Dass der Zusam­men­halt eher wie­der wächst und man wie­der mehr auf Qua­li­tät und Koope­ra­ti­on ach­tet?

Ich kann‘s nicht sagen, ob das bereits wirk­lich so ist. Mir ist es immer wie­der pas­siert, dass ich so etwas für mich gesagt habe und dann habe ich gese­hen – aha – ich bin da zwei Jah­re vor die­ser all­ge­mei­nen Ent­wick­lung. Ich füh­le es in mir…nein, man sieht es tat­säch­lich rund­her­um…

Wir haben es gese­hen, 2002, bei der Über­schwem­mung, wie die Leu­te zusam­men­kom­men, ja, in Deutsch­land, Öster­reich – über­all: Oder jetzt, heu­er in Polen – das macht sozi­al. Wenn es noch so schlimm ist, dass es am Ende nicht über den Kopf geht son­dern über den Tod…

Viel­leicht liegt es auch an die­sem gan­zen Wirt­schafts­cha­os – von dem man mehr oder weni­ger mit­be­kommt – dass sich da eine ande­re Ein­stel­lung ent­wi­ckelt? Dass man gewis­se Sachen mehr Wert schätzt, dass es weni­ger um Hoch­glanz geht, son­dern eher um den Kern auch von Musik oder Jazz.

Ja, das fin­de ich. Ich glau­be, dass es so ist und dass es so sein wird, in den nächs­ten Jah­ren, es wird so anders wer­den. Ich bin mir sicher! Ich habe so gern die­se Musik gehabt, die­sen Col­tra­ne Geist, Albert Ayler, die­ses Tie­fe, die­se Inspi­ra­ti­on, „the Spi­rit“.

Dein Pro­jekt „Third Eye“ hier in Saal­fel­den fand ich groß­ar­tig. Ein ech­tes High­light des Fes­ti­vals. Es war leben­dig, es war kom­po­niert aber vol­ler Impro­vi­sa­ti­on und du hat­test tol­le Mit­spie­ler. Viel­leicht könn­test du ein paar Wor­te zu denen sagen. Eine groß­ar­ti­ge Beset­zung mit Wil­liam Par­ker, Hil­ary Jef­frey, Tony Buck und Hay­den Chis­holm – ein enor­mer Saxo­pho­nist, der sich in den letz­ten Jah­ren unglaub­lich ent­wi­ckelt hat…

Ich habe zu mei­nem 40. Geburts­tag vor 7 oder 8 Jah­ren beschlos­sen – es war natür­lich frü­her schon immer ein biss­chen so – aber ich habe damals end­gül­tig beschlos­sen: Ich spie­le nur mehr mit Leu­ten, die ich ver­eh­re. Die ich schät­ze, die ich lie­be, deren Musik und deren Fähig­kei­ten ich ein­fach groß fin­de. Hay­den – wir lie­ben uns seit vie­len Jah­ren – ja, alle zwei Jah­re haben wir die Chan­ce ein­mal zusam­men zu spie­len.

Das glei­che mit Hil­ary. Wir sind ein­fach „two bro­thers“ im Sound, im Füh­len und ich woll­te immer mit im spie­len – aber ver­dammt noch­mal – wer gibt uns die Mög­lich­keit – den Hay­den und den Hil­ary zusam­men zu brin­gen und ich darf dabei sein. Und dann mein alter Freund Tony Buck, mit dem ich musi­ka­lisch durch – man sagt, durch dick und dünn, nein, immer fett gegan­gen bin (lacht) – also jetzt mensch­lich und musi­ka­lisch…

…und nun hat­te ich die Gele­gen­heit!

Dann war ich in New York und es gab ein Trum­pet Sum­mit, das font music – Fes­ti­val for New Trum­pet, mit unter ande­rem Dave Dou­glas und Joe McPhee, Herb Robert­son und vie­len ande­ren und ich war noch ein­ge­la­den, und John Betsch und Wil­lam Par­ker haben gespielt und da hat es bei mir mal wie­der gefunkt.

Da bin ich so erwacht, die­ser Musik bezüg­lich, und ich habe gedacht: „Nein, das gibt’s gar nicht! Es lebt wei­ter, es ist total da und es ist so stark“. Und so habe ich mir gedacht, ich fra­ge Wil­liam Par­ker ein­fach. Er ist rela­tiv jung, dafür, dass er ech­te „Jazz-Geschich­te” ist. Und er ist ein wirk­li­cher Wäch­ter und Trä­ger von die­sem „Gold“ und ich habe mich wahn­sin­nig gefreut, wie er ja gesagt hat. Und wir hat­ten hier auch wahn­sin­nig schö­ne Kon­di­tio­nen, näm­lich eine Woche lang in den son­ni­gen Ber­gen zu üben und zu dis­ku­tie­ren. Nie­mand sonst war hier, wir hat­ten wirk­lich eine tol­le Woche und so war das wahn­sin­nig schön.

Da drängt sich natür­lich die Fra­ge auf, ob „Third Eye“ ein ein­ma­li­ges Pro­jekt bleibt.

Es hängt damit zusam­men, dass ich kein Mit­glied der „Image-Gesell­schaft“ wer­den will: Ich rufe nie­man­den an. Ich habe auch kei­ne Agen­ten oder so… Ich spie­le trotz­dem sehr vie­le Kon­zer­te und des­we­gen war das immer in den letz­ten Jah­ren ein­fach so: Ein Pro­jekt und dann das Nächs­te. Aber ich wür­de es mir wün­schen, dass wir das wie­der machen kön­nen. Und ich glau­be auch, dass wür­den alle gern…

Mein Satz war eigent­lich zur Musik: Ich möch­te auf­hö­ren mit die­sem Wett­be­werb. Ich möch­te nicht an die­sem Wett­be­werb teil­neh­men, den Fes­ti­vals bie­ten. Den sehe ich auch gar nicht so: das ist eine Werk­schau, es ist alles Mög­li­che, es gehört zum Gan­zen. Aber ich woll­te her­kom­men mit dem „drit­ten Auge“ und dem „offe­nen Her­zen“, das war mein Wunsch und das ist gelun­gen. Das war wahn­sin­nig schön.

Es ist wirk­lich gelun­gen und es ist ja trotz­dem auch ein öko­no­mi­sches The­ma und es gibt die Not­wen­dig­keit für Musi­ker „ver­brei­tet zu wer­den” oder sich „aus­zu­brei­ten“, im aller­bes­ten Sin­ne. Wie kommt man über die Run­den? Ganz tri­vi­al gefragt: wie funk­tio­niert das bei dir?

Ich spie­le immer sehr viel. Nor­ma­ler­wei­se spie­le ich im Jahr min­des­tens hun­dert Kon­zer­te, das heißt, jeden drit­ten Tag und in Wien ist es so, dass ich alles Mög­li­che mache. Das ist mei­ne ech­te Übe-Bau­stel­le…

Jetzt bin ich gera­de mit Lie­der­ma­chern unter­wegs, das spielt sich nur in Wien ab, dann hat­te ich ein paar Jah­re ara­bi­sche Musik, dann – in Wien gibt‘s ja gute Elek­tro­ni­ker – sehr viel elek­tro­ni­sche Musik und all die Misch­for­men – außer Jazz. Ich habe da nie­man­den gefun­den, der das so exis­ten­zi­ell sieht wie ich.

Es gibt viel­leicht ein paar, aber.. …naja für mich gilt ein­fach „gut spie­len“. Ich glau­be, dass das wich­tig ist – das machen eh alle… (lacht). Auch das Sozia­le. Ich mer­ke oft – ja, jetzt kom­men wir wie­der auf die­ses Image-The­ma – da kom­men Kol­le­gen und sind ein­fach „bes­ser“ oder sind „mehr“ als die ande­ren.

Das geht nicht, ja? Ich mei­ne, das geht viel­leicht bei Miles Davis, wenn es dann völ­lig „Fan­ta­sy“ ist, dann ist es etwas ande­res – aber ich fin­de der Respekt zu den eige­nen Leu­ten, der muss da sein.

„Bes­ser“ oder „schlech­ter“ ist ja auch ein unglaub­lich blö­des Kri­te­ri­um. Wenn wir über einen Trom­pe­ter wie Don Cher­ry spre­chen, das war tech­nisch sicher kein gran­dio­ser Instru­men­ta­list, dar­um geht es ja eigent­lich auch nicht. Und auch Miles Davis – jeder klas­si­sche Trom­pe­ter oder ein Wyn­ton Mar­sa­lis wür­de sagen, wenn er nicht ein wenig Respekt hät­te…

…ja zum Glück ist das so, weißt Du, das fin­de ich so schön: Eine Trom­pe­te ist nur ein Metall­ding, das ist gar nichts, das hat nichts mit Kunst, nicht mit Musik eigent­lich zu tun. Das ist ein Ding. Und wenn man da her­ein blast, kommt halt etwas raus. Beim einen ist es Kunst, beim ande­ren ist es Musik, beim ande­ren sind’s Töne. Ich fin­de es gut, dass es so bleibt. Und ob der Herr Don Cher­ry mit dem Arsch oder mit dem Ohr oder dem Mund rein­blast – es war immer geni­al.

Ich durf­te auch noch ein paar sei­ner Kon­zer­te erle­ben. Es war ein­fach toll, wobei vie­le Leu­te nur den Kopf schüt­tel­ten. Aber das ist immer so und bei beson­ders guter Musik schein­bar beson­ders so…

Ja, aber wenn wir uns ein­mal ein Sym­pho­nie­or­ches­ter mit deren Diri­gent anschau­en schüt­telt man auch den Kopf und das macht auch nichts… Ich fin­de das gut (lacht) – das macht Bewe­gung…

Eine tech­ni­sche Fra­ge: Du spielst eine Vier­tel­ton­trom­pe­te und auch Hay­den Chis­holm ist ja ein Vier­tel­ton­künst­ler. Viel­leicht ein paar Wor­te zu die­sem Kon­zept? Ist das mehr als eine Mode­er­schei­nung?

Kei­ne Ahnung.

Dum­me Fra­ge?

Nein, nein gute Fra­ge. Ich weiß nicht, ich ste­cke ja immer in etwas drin und sehe nicht so sehr, was um mich her­um pas­siert. Ich hat­te die­ses Instru­ment gekriegt. Das hat­te der Franz Weber aus Inzell am Chiem­see gebaut, für einen Freund von ihm mit einer ara­bi­schen Freun­din mit der er arbei­ten woll­te. Dann hat es so lan­ge gedau­ert bis das Instru­ment fer­tig war, dass sich die bei­den bereits getrennt hat­ten und dann woll­te er die­ses Instru­ment am Arsch nicht mehr haben. Ich habe das zufäl­lig gehört, von einem Kol­le­gen, und habe ange­ru­fen und er hat sie mir ver­kauft. Ich glau­be er hat­te sie dann damals in eine Plas­tik­tü­te gepackt und geschickt, und ich hat­te den Ein­druck, dass er woll­te, dass die kaputt geht. Nein, sie kam an und so kam ich zu die­sem Instru­ment. Ich habe dann lan­ge Zeit her­um pro­biert.

Ich habe kei­nen rich­ti­gen Ansatz gefun­den wie ich Vier­tel­tö­ne spie­len konn­te. Ich war damals sehr mit neu­er Musik beschäf­tigt, der abs­trak­ten Musik, ich dach­te so im Fre­quenz­den­ken aber es ist mir nicht gelun­gen, weil ich doch mein Herz für die Musik brau­che. Den Kopf schon aber zuerst das Herz und dann den Kopf. Und dann habe ich mit den Ara­bern, mit ein paar Freun­den, paläs­ti­nen­si­sche und ara­bi­sche Musik gemacht und habe lang­sam begon­nen zu hören. Ich woll­te zuerst nicht in den eth­ni­schen Bereich gehen, weil, wenn man so etwas macht, das bleibt dann hän­gen. Ich woll­te die­sen Ein­fluss nicht, son­dern woll­te sozu­sa­gen das Intel­lek­tu­el­le aus der neu­en Musik – so hat­te ich mir das gedacht. Das hat dann nicht funk­tio­niert und ich bin in die Eth­no­mu­sik gegan­gen und habe dann ein paar Töne gelernt, die ich wirk­lich höre.

Im Vier­tel­ton­be­reich… mit Hay­den, so alle paar Jah­re haben wir uns getrof­fen, Hay­den und der Nils Wogram. Mit denen habe ich gespielt, vor ein paar Jah­ren, der Frank Grat­kow­ski hat mich damals ein­ge­la­den – das sind alles ehren­wer­te Kol­le­gen, das sind echt Super­ty­pen – tja, so hat es sich erge­ben. Hay­den ist ja eine ganz ande­re Genera­ti­on und Nils, die sind da ein­fach so rein­ge­gan­gen. Und dem Hay­den zuzu­hö­ren, wie er das so macht, das ist echt außer­ge­wöhn­lich. Der Hay­den, der kommt noch ein­mal ganz groß raus, das hof­fe ich zumin­dest für ihn.

Man hat den Ein­druck, obwohl man­che Leu­te ja lan­ge in die­sem Zustand ver­har­ren. Es ist auch schwie­rig…

…außer­dem: Was heißt schon „groß raus­kom­men“… sein jet­zi­ges Leben ist schon groß raus…

Wohl wahr. Ges­tern Abend hat er ein Solo gespielt, das habe ich gedacht „Char­lie Par­ker, zieh dich warm an“…

Ja – wow – also jetzt in die­sen fünf Tagen Pro­ben er hat es wirk­lich – hmmmm – super gemacht, und er war bei der Auf­füh­rung am bes­ten von all den Tagen – er hat so gut gespielt. Am liebs­ten wäre es mir ich könn­te über­haupt nur zuhö­ren.

Eine ande­re Fra­ge – weg von Saal­fel­den. In Wien gibt es ja seit eini­ger Zeit die Jazz­werk­statt Wien. Hast Du dazu auch einen Bezug?

Ja, ja ich habe 20 Jah­re unter­rich­tet in der frü­he­ren Musik­hoch­schu­le, danach an der Uni­ver­si­tät für Musik und Dar­stel­len­de Küns­te. Da waren ganz vie­le: Ich habe 20 Jah­re gear­bei­tet und ich glau­be die Hälf­te war bei mir zu irgend­wel­chen Arran­ge­ment- oder Impro­vi­sa­ti­ons­kur­sen: Ja, die sind super. Welt­klas­se. Es ist eine total gute Chan­ce.

Man weiß nie, was zehn Jah­re spä­ter ist. Es gibt Genera­tio­nen, da gibt es über­haupt kei­ne Bil­dung; wie es war bei Pusch­nig in die­ser Genera­ti­on – da sind nur vier, fünf übrig geblie­ben. Der Wolf­gang Rei­sin­ger, Wolf­gang Mit­te­rer natür­lich und ein paar mehr noch, aber das sind die „Heights“. Und in mei­ner Genera­ti­on fast nie­mand, Wolf­gang Muth­spiel, Chris­ti­an Muth­spiel, mei­ne alten Schul­freun­de und so…

Bei denen (FS: Jazz­werk­statt) ist es so, die sind jetzt etwa 50 Leu­te. Ich ken­ne sie alle – nein, von den 50 ken­ne ich wahr­schein­lich 40 sehr, sehr genau. Die machen das wahn­sin­nig gut und ich hof­fe, dass da mehr als fünf übrig blei­ben, weißt du. Irgend­wann wird es dann echt eng, wenn es um das „Eige­ne“ geht. In den Kol­lek­ti­ven ist es immer sehr nett aber was dann echt über bleibt, an Essenz im Kom­po­si­to­ri­schen, im Klang, in der Musik, im Kön­nen, im Spi­rit, da hof­fe ich doch sehr für alle. Weil: das wäre für Wien wahn­sin­nig gut.

Mei­ne Genera­ti­on waren seit den 80ern die ers­te „Aus­ge­bil­de­ten“ – mit ganz schlech­ten Lehr­be­din­gun­gen. In Graz ist eine Schu­le gewe­sen, die haben ja alles selbst erfun­den, das waren zwei, drei Leu­te und die meis­ten haben ihre Lehr­me­tho­den selbst erfun­den. Da wäre es geschei­ter gewe­sen, ein Buch zu lesen, das muss ich ehr­lich sagen. Also, was an mei­ner Lip­pe ver­bro­chen wur­de – …das waren ech­te Dilet­tan­ten.

Mei­ne Genera­ti­on, die haben das dann gelernt und ich habe selbst 20 Jah­re unter­rich­tet und das genau mit ver­folgt. Auch im päd­ago­gi­schen Aus­tausch – ich bin immer sehr viel getourt – das heißt wir haben nichts selbst erfun­den son­dern auf­ge­nom­men, was wir echt gese­hen haben. Das war ja auch nicht nur bei uns so, son­dern seit den 80ern all­ge­mein.

1981 gab es in Hil­ver­sum eine Schu­le und in Graz. Und dann kam Köln und jetzt gibt es in jedem Bezirks­dorf eine Jazz-Schu­le. Es gibt ja kei­ne Jobs, kei­ne Clubs, es gibt kein Publi­kum eigent­lich. Ja, das heißt sie müss­ten alle irgend­wie zuhau­se spie­len – das ist ja kei­ne Musik!

Inso­fern fin­de ich die­se Bewe­gung OK. Wenn wir alle zuhau­se sit­zen, ein jeder da, ist‘s blöd aber wenn wir gemein­sam zuhau­se sit­zen und einen Schritt wei­ter gehen, dann hat man die Jazz­werk­statt. Dann gehen wir alle raus und jeder bringt zwei Freun­de mit und dann sind wir hun­dert und hun­dert ist voll.

Ich bin froh, dass die etwas machen und so wun­de­re ich mich nicht, das fin­de ich ganz nor­mal. Wenn’s nicht wäre – wir wür­den es nicht ver­mis­sen, wir wür­den uns nicht wun­dern, aber wie es so ist, emp­fin­de ich das total logisch und so kann man end­lich mal etwas Posi­ti­ves sagen.

Zu dem „posi­tiv sagen“, zur Jaz­zaus­bil­dung. Das kam ja jetzt so rüber, dass es letzt­lich eine gute Sache ist. Aber wie sieht es mit dem „Spi­rit“ aus, denn du ange­spro­chen hast – den lernt man dort doch nicht. Wie fin­de der „Out­put” der Jazz­stu­di­en­gän­ge denn zu die­sem Spi­rit?

Für die Hasen­fü­ße ist das sowie­so nichts, die gehen in die Schu­le und üben alles und haben am Ende ihren Schein. Miles Davis, übri­gens, hat auch stu­diert. Ganz vie­le, Dave Lieb­man, alle, alle, nein, nicht alle aber ganz vie­le und fast alle Maler haben stu­diert, weißt du – und dann gibt’s dann die, die zuhau­se malen und alle anpis­sen und dann gibt es die „Ech­ten“.

Ich fin­de es so: Je mehr es gibt, des­to mehr Chan­cen hat das Gan­ze. Und die, die dann nur mit „ihrem Schein“ her­um­lau­fen, na ja, die waren immer schon egal. Ich fin­de je mehr es gibt, des­to bes­ser. Es ist ja so: Nie­man­dem bleibt es erspart, die Ent­schei­dung, nein, es gibt nicht mal eine Ent­schei­dung fin­de ich, son­dern: „ist” man, wächst in einem was, was ich wie­der gehen las­se oder nicht?

Je mehr Bil­dung, des­to mehr wird ver­stan­den, des­to mehr über­sieht man kei­ne Talen­te mehr. An jeder Ecke gibt’s jetzt einen Trom­pe­ten­leh­rer. Und wenn ich das bei einem nicht gut fin­de, dann kann ich den Nächs­ten pro­bie­ren und nicht nur einen gibt’s – und das ist ein Wapp­ler*, wie wir bei uns sagen, son­dern es gibt dann hun­der­te und die Mög­lich­keit den Rich­ti­gen zu fin­den, die rich­ti­ge Beglei­tung für ein paar Jah­re, das sehe ich total posi­tiv. Als Ex-Päd­ago­ge ich habe mir natür­lich die­se Fra­gen über 20 Jah­re gestellt… Nein, letzt­end­lich ist es super. Und die Wapp­ler, die braucht man manch­mal, um zu sagen „Aaah – so geht’s nicht“. Das ist total geil, ja (lacht).

Wir zäh­len eigent­lich nur die, „die an der Wand hän­gen“ und das sind lau­ter Indi­vi­du­el­le, die haben alle sehr viel gelernt, wie der Char­lie Par­ker. Wir wis­sen wie sehr er den Schön­berg und das alles geliebt hat. Das heißt: die­se Bil­dung! Und wenn man jedem alles erklärt, naja, dann hat er alles im Kopf.

Aber wir wis­sen auch: die Kunst und die Musik und die Tie­fe und den Spi­rit, das kann man nicht ler­nen. „Cool“ kann man nicht ler­nen.“

*Öster­rei­chi­sches Schimpf­wort für Per­so­nen, die vor­ge­ben kom­pe­tent und fähig zu sein, in Wirk­lich­keit aber kom­plett unfä­hig sind

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