Erik Truffaz in der Rüsselsheimer Jazzfabrik 4.November 2002

Eine seiner Kompositionen nennt er beziehungsreich und doppeldeutig „La Mémoire du Silence“. Kühle Ruhe ist der Ausgangspunkt, die freie, elektronische Explosion, in die das coole Spiel einmündet, lässt nur noch die Erinnerung an den Ursprung zu. Diese kreative Überwindung innerer Zerrissenheit ist es, was die Seelenverwandtschaft zwischen dem jungen französischen Trompeter Erik Truffaz und Miles Davis, dem verstorbenen Innovator des amerikanischen Jazz, offenbart. Bei seinem Konzert in der Rüsselsheimer „Jazz-Fabrik“ belegte Truffaz gemeinsam mit dem Gitarristen Manu Codjia, dem Bassisten Michel Benita und dem Schlagzeuger Philipe Garcia wie souverän Tradition und Avantgarde bruchlos zusammengefügt werden können. Dieses musikalische Konzept findet sich auch im stilüberschreitenden Spiel der Solisten wieder. Gitarrist Codjia zupft fingerfertig melodiöse Läufe ebenso wie kreischende Glissandi, Bassist Benita zaubert aus vielschichtig sich überlagernden Linien simple Motivfiguren, Schlagzeuger Garcia trommelt in festen Metren ebenso wie im freien Pulse und Truffaz selbst pendelt zwischen coolen, schwebenden Melodiebögen und elektronisch verfremdeten, flatternden Stakkati.

So steht der Trompeter auf er Bühne, den Rücken zum Publikum in konzentriertem Duo-Spiel mit dem Drummer. Der brüchige, vibratolose und schwebende Ton der Trompete erhält Antwort in einer in einer frei pulsierenden Percussionsfigur. Der Hall bewegt sich noch im Raum der betonarmierten ehemaligen Opel-Fabrikhalle, da setzt Benita mit einer Walking-Bass-Linie ein. Schlagzeug und Kontrabass wechseln mit elektronischer Hilfe in eine ostinate Bass & Drum-Figur, die Trompete steigt hinauf zu expressiven, überblasenen High-Note-Floskeln. Der Stakkato-Linie von Truffaz folgt Garcia mit einem auf Fellen und Trommelrändern geklopften Solo, das von einem immanenten „Pulse“ bestimmt wird. Dann explodiert das inzwischen verfremdete Thema in einem schreienden Crescento, um sofort wieder zu einer ruhigen Wellebewegung zurückzukehren. Im Grundsatz ähneln sich die Kompositionen des französischen Komponisten im Aufbau und präsentieren doch immer wieder Überraschungen.

„Parlophon“ nennt Truffaz eine andere seiner typischen Kompositionen, die für die Verbindung von Akustik und Elektronik steht. Vokalisen mischen sich in einer balladesken Intro unter die vibratoreichen, melodischen Läufe der Gitarre von Codija und den gestrichenen Bass sowie die schwebenden Trompeten-Linien zu einer aufregend kontrastreichen Sound-Collagen. Bassist Benita spielt über elektronische Schleifen und Hall mit sich selbst im Duo, bevor die vier Instrumente in einem vielstimmigen und polyrhythmischen Kollektiv zusammenkommen, das schließlich in einen einzigen finalen Akkord der Gitarre einmündet.

Truffaz Projekt „Ladyland“ weckt Assoziationen an Jimi Hendrix´ „Electric Ladyland“, geht aber darüber hinaus. Drum&Bass verbindet sich mit dem urban-nervösen freien Jazz aus den New Yorker Lofts. Der Cool-Jazz mit französischer Folklore imaginaire. Nordafrikanische Gesänge steuert mit hymnischer Intensität a capella und in „Magrouni“ Mounir Troudi bei, während die vier Musiker den Soundteppich auslegen.

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