Drummer Pete York gastierte in Schwäbisch Hall

Wenn ein Alt-Rocker jazzend der Swing-Ära hul­digt

„Very Bri­tish“ ist der Humor des Schlag­zeu­gers Pete York in der Tat. Welt­wei­te Berühmt­heit erlang­te der mitt­ler­wei­le 76-Jäh­ri­ge durch die 1963 gegrün­de­te „Spen­cer Davis Group“ („Keep On Run­ning“), spä­ter sie­del­te der smar­te Eng­län­der der Lie­be wegen nach Bay­ern um. Und auch hier­zu­lan­de ist dem Welt­men­schen der Spaß nicht ver­gan­gen – trotz neu­er­li­cher Bre­x­it-Dro­hung.

Popu­lär in Deutsch­land wur­de Pete York spä­tes­tens vor drei Jahr­zehn­ten, als er in sei­ner vom dama­li­gen Süd­deut­schen Rund­funk pro­du­zier­ten Rei­he „Super Drum­ming“ stil­über­grei­fend mit Schlag­zeu­ger-Kol­le­gen koope­rier­te – vom galan­ten Swing-Hau­de­gen Lou­ie Bell­son bis zu Zak Star­key, dem Sohn des Beat­les Rin­go Starr. Bis heu­te genießt die auf DVDs wie­der­ver­öf­fent­lich­te Serie enor­men Kult­sta­tus. Mit­te der 1970er Jah­re stu­dier­te Pete York auf der indo­ne­si­schen Insel Bali an Ort und Stel­le die dor­ti­ge mehr oder weni­ger medi­ta­ti­ve Game­lan-Musik. Uni­ver­sell agiert der am 15. August 1942 in Midd­les­brough (Graf­schaft North York­shire) gebo­re­ne Schlag­wer­ker also für­wahr. Grund genug, ihn zum Auf­takt der Bri­ti­schen Kul­tur­wo­chen nach Schwä­bisch Hall ein­zu­la­den.

Der rüs­ti­ge Alt-Rocker hul­dig­te in der Hos­pi­tal­kir­che nun aus­gie­big der Swing-Ära und ließ beson­ders Duke Elling­ton und Count Basie auf­le­ben. Sein aktu­el­les Jazz­quar­tett nennt Pete York „Span­ga­long“ – eine klang­ma­le­ri­sche Ver­ba­li­sie­rung des Spiels auf den Schlag­zeug-Becken, wie er sei­nem begeis­ter­ten Publi­kum erklär­te.

Die Com­bo kam in Hall ohne groo­ven­des Bassin­stru­ment aus. Andre­as Kis­sen­beck wur­de eigent­lich als Ham­mond-Orga­nist ange­kün­digt, und da hät­te er mit den Peda­len die rhyth­misch-har­mo­ni­sche Tie­fen­ar­beit über­neh­men kön­nen. Doch nun beschränk­te sich der an der Musik­hoch­schu­le Mün­chen leh­ren­de Pro­fes­sor auf den in der Hos­pi­tal­kir­che vor­han­de­nen Stein­way-Flü­gel. Und hier ging der gewief­te Tas­ten­mann ger­ne blo­ck­ak­kor­disch vor, ohne aka­de­mi­sche Abs­trak­tio­nen zu ver­schmä­hen.

Ledig­lich mit sei­nem Tenor­sa­xo­phon war der aus dem Wes­ter­wald stam­men­de Claus Koch ange­reist. Er bewäl­tig­te sei­nen Part sehr rou­ti­niert, blies flüs­sig und gewandt. Von ihm gab es frei­lich kei­ne Kla­ri­net­ten­tö­ne, als in der fäl­li­gen Zuga­be Ben­ny Good­mans „Sing, Sing, Sing“ into­niert wur­de. Aber Pete York ori­en­tier­te sich bei dem Hit vom „King of Swing“ natür­lich an des­sen legen­dä­ren Drum­mer Gene Kru­pa, den der Bri­te als 12-Jäh­ri­ger noch „live“ hören konn­te, und ließ wie sein Vor­bild beredt die „tal­king drums“ spre­chen. Pete York erin­ner­te sich in sei­nem eng­lisch-deut­schen Kau­der­welsch genau­es­tens: „He was schwit­zing a lot!“

Nicht nur einen opti­schen Farb­tup­fer gab die beherz­te Voka­lis­tin Nina Michel­le ab. Die längst in der baye­ri­schen Lan­des­haupt­stadt ansäs­si­ge Kana­die­rin ver­fügt mit ihrem Mez­zo­so­pran ein ange­neh­mes Tim­bre, klingt zuwei­len dezent rau­keh­lig, dosiert das Vibra­to ele­gant und ver­mag nach den text­li­chen The­men­vor­trä­gen auch impro­vi­sa­to­risch in aller Seman­tik­freie zu „scat­ten“ – in Erin­ne­rung an die unüber­treff­li­che Ella Fitz­ge­rald.

„How High The Moon“ könn­te letzt­end­lich nur eine Schnul­zen­num­mer sein, doch Tra­di­ti­on ist bereits, dass Jaz­zer die auf den glei­chen Har­mo­ni­en basie­ren­de Kom­po­si­ti­on „Orni­tho­lo­gy“ des Bebop-Revo­lu­tio­närs Char­lie Par­ker in das Stück inte­grie­ren. So bewerk­stel­lig­ten es auch die Sän­ge­rin und der Ten­orist, wobei sie uni­so­no im aber­wit­zi­gen Tem­po fein phra­sier­ten.

Je spä­ter der Abend, des­to zahl­rei­cher prä­sen­tier­te sich Pete York als bestechen­der Solist. Auf sei­nem kon­ven­tio­nel­len Drum­set zau­ber­te er gera­de­zu akro­ba­tisch kom­ple­xe Poly­rhyth­men – ohne dass er zu einer dröh­nen­den Schieß­bu­den­fi­gur ver­kam. Nicht jeder Schlag­zeu­ger kann mit der Laut­stär­ke haus­hal­ten.

In sei­ner Mul­ti­funk­tio­na­li­tät betä­tig­te sich der erfah­re­ne Enter­tai­ner noch gesang­lich, nicht nur als veri­ta­bler Blues-Shou­ter. Die 140 Besu­cher quit­tier­ten die Impro­vi­sa­ti­ons­bei­trä­ge der Quar­tett­mit­glie­der immer wie­der mit joh­len­dem Zwi­schen­ap­plaus. Auf rühr­se­li­ge Bal­la­den wur­de ver­zich­tet, die vie­len Uptem­po-Stü­cke besa­ßen „dri­ve“ und „swing“ (Adjek­tiv, im Deut­schen klein geschrie­ben). Schließ­lich befin­det sich auch Elling­tons „It Don’t Mean A Thing, If It Ain’t Got That Swing” im Reper­toire.

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Text und Foto­gra­fie von Hans KumpfKumpfs Kolum­nen

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