Jazznews, Kumpfs Kolumnen

Michail Alperin – Spannungsreiche Klavier-Geschichten

Michail Alperin - Photo: KumpfSCHWÄBISCH HALL. Ein unverwechselbar künstlerisches Profil zeigt Mikhail alias Misha Alperin fürwahr. Sein Lebenslauf widerspiegelt sich in der Musik: 1956 erblickte Mikhail Alperin als Spross einer jüdischen Familie in der Ukraine das Licht der Welt, als 15-Jähriger siedelte er in die Moldau-Republik um, mit 22 zog er weiter nach Moskau, seit 1993 lebt er in Oslo, wo er an einer Musikhochschule unterrichtet. Bekannt wurde Alperin in der Jazzszene als origineller Duo-Partner des Waldhornisten Arkadi Shilkloper. Am 5. Juni 1990 stieß beim 1. Internationalen Jazz Festival Moskau zu den beiden der Volksmusiksänger und Klarinettist Sergei Starostin – das weltweit erfolgreiche „Moscow Art Trio“ war gegründet. Im Mai 1999 gastierte dieses Ensemble bereits in Schwäbisch Hall und unterließ einen nachhaltigen Eindruck.

Der Club alpha 60 und das Kulturbüro taten also gut daran, Misha Alperin als Solisten nach Schwäbisch Hall einzuladen. Das laute Geräusch des Rauchmelders und der technisch nicht allerbeste Zustand des Flügels konnten schlussendlich der künstlerischen Glanzleistung nichts anhaben. „The Story of the Piano“ betitelte Misha Alperin den Abend in der Hospitalkirche – kein historischer Abriss des Tasteninstruments, sondern spannungsreiche Erzählungen mit und über den universellen Klangerzeuger.

Die ersten acht kurz gehaltenen Stücke gestaltete Misha Alperin in gestrengen Tempowechseln. Es begann mit einer zweistimmigen Invention, die sich immer mehr verdichtete und etliche barockal-kontrapunktische Linien aufwies. Dann offensichtlich eine Hommage an die verspielten „Children Songs“ von Chick Corea und wiederholt Reminiszenzen an Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung – ein heftiges Gegackere der „Küken in ihren Eierschalen“, das durch Alperins rhythmisch-impulsives Mitsingen in hoher Stimmlage noch verstärkt wurde. Als Kontrast hierzu meditative Melodien und Choräle mit tragischem Unterton als auch turbulente Musik moldawischer Provenienz. Gerne verwendete Alperin Riffs und ostinate Figuren, über die er trickreich vehemente Improvisationen setzte.

Erst beim offiziell letzten Beitrag des Konzerts kam Misha Alperin so richtig ins Jazzen. Allerdings saß ihm hier sein berühmter Schalk im Nacken, und er erging sich im verkitschten Swing und in der Klamotte des breiten Stride-Piano-Stils. Er besann sich seiner ethnischen Wurzeln und sang gar eine jiddische Weise und erinnerte sich an die turbulente Folklore Moldawiens mit all ihren vertrackten Metren und Rhythmen sowie exotischen Skalen. In alten Sowjetzeiten wurden die jazzenden Künstler stets verpflichtet, in ihre Konzertprogramme volkstümliche Elemente einzuplanen. Nun integrierte Alperin ganz freiwillig derart traditionelles Liedgut. In diese so kontrastreiche Nummer fügte er noch dissonante Cluster-Schläge im tiefen Register als auch friedliche Akkordfolgen romantischer Machart ein.

Die erste Zugabe ließ Mikhail Alperin dezent um Frédéric Chopins Prélude Nr. 20 in c-moll kreisen. Für den weiteren Applaus bedankte er sich mit Takt und Taktell: Mälzels Metronom diente ihm als perkussives Kontinuum, und dazu pfiff er sich eins. Auf szenische Gags wollte der Pianist auch in seinem Soloprogramm nicht verzichten.