15. JazzArtFestival 2021 in Schwäbisch Hall

Wenn alte und junge Meister fulminant aufspielen

Zum liebgewordenen Ritual gehört es inzwischen, dass beim seit 2007 existierenden JazzArtFestival am Eröffnungsabend Künstler „80+“ präsentiert werden. Mit seinen 91 Jahren war jetzt Rolf Kühn der älteste Senior, der aber im Vergleich zu den anderen am modernsten aufspielte. Der Klarinettist mit Boehm-System kombiniert nach wie vor scharfkantige Bebop-Phrasierung mit einem freundlichen Free Jazz und pflegt mit seinen bewährten Kompagnons eine interaktive Musik. Besonders beeindruckend das Duo mit seinem kolumbianischen Perkussionisten Tupac Mantilla, der eine verblüffende „body percussion“ hinlegte.

Bewegend die ganz ruhige Zugabe „Both Sides Now“, so herzlich interpretiert wird der Song von Joni Mitchel wohl selten. Pianist Frank Chastenier und Bassistin Lisa Wulff waren die kongenialen Partner des Altmeisters.

Zu Normalzeiten bietet die längst zum Kultur- und Trausaal umfunktionierte Hospitalkirche für 220 Personen Platz, zu Pandemiezeiten zwischen dritter und vierter Pandemiewelle durften nur einhundert Besucher rein. Das einzige ausverkaufte Konzert des fünftägigen Festivals  – etliche potentielle Interessenten fürchteten sich offenbar vor Corona und den einschränkenden Maßnahmen.

Das Haller Goethe-Institut beteiligte sich mit dem buntschillernden Sänger Erik Leuthäuser beim ansonsten vielfach swingenden Kulturevent. Nur 25 Karten waren im Vorverkauf weggegangen. Vor Jahrzehnten schon kombinierte die Polin Urszula Dudziak ihren avantgardistischen Gesang mit live-Elektronik, mittlerweile tätigte die Technik gewaltige Fortschritte. Und so verband und verbündete Erik Leuthäuser seine Vokalisen mit digitalen Effekten. Derart vermochte er einen künstlichen Chorgesang zu erzeugen – ein Sound, wie er ihn früher als „natürlicher“ Background-Sänger erfahren hatte. Da stand Leuthäuser 2017 ja schon zusammen mit Quincy Jones, DeeDee Bridgewater und George Benson auf der Open-Air-Bühne vor dem Neuen Schloss in Stuttgart. Doch bei der exaltierten Show des Paradiesvogels Erik Leuthäuser in der ehrwürdigen Hospitalkirche sollte es ganz anders kommen.

Der 1996 im sächsischen Freital geborene Sänger hatte keine Elektro-Apparate im Gepäck und zelebrierte auch nicht – wie früher praktiziert – vertraute amerikanische Instrumentals mit selbstgemachten deutschen Texten. Vielmehr präsentierte er in Hall vor allem seine noch unveröffentlichte CD „Der perfekte Sturm“. Bei dieser Produktion waren noch drei weitere Vokalisten und ein klassisches Streichquartett beteiligt. 

Allgemein bekannter als der Bandleader dürfte wohl dessen Pianistin sein – erst recht in Schwäbisch Hall: Die beim amerikanische „Blue Note“-Label unter Vertrag stehende Julia Kadel (35) konzertierte vor sechs Jahren mit ihrem Trio bereits beim JazzArtFestival. Nun wirken im neuen Ensemble von Leuthäuser der in Mannheim dozierende E-Bass-Professor Bernhard Meyer (37) und der aus Starnberg stammende Drummer Andi Haberl (39) als Rhythmus-Riege mit. Der Band-Boss ist also das jüngste Mitglied der Gruppe, gerade 25 Jahre alt.

Sabine Haupt, Leiterin des Haller Goethe-Instituts, stimmte das spärlich erschienene Publikum auf die Performance ein: „Die Freiheit improvisierter Musik nennen alle Jazzmusiker als Motivation. Doch Erik Leuthäuser bezeichnet auch die Berliner Schwulenszene als künstlerische Inspirationsquelle.“

Doch kreative Spontaneitäten blieben bei Leuthäuser jetzt außen vor – keine amüsanten Scats, keine stimmakrobatischen Aktionen mit subtilen Soundmodulationen aus dem Kehlkopf. Dabei hat der Tenor mit tiefer Baritonabrundung und aufgesetztem Falsett  ja schon etliche Preise eingeheimst und beim renommierten BuJazzO mitgewirkt.

„Queere Themen“ ansprechen wolle er mit seinen Songs, betont Erik Leuthäuser immer wieder. Floskeln wie „Ich und Du“, „Es ist meine Schuld“, „Bin ich traurig, weil es wahr ist“ durchziehen seine (in der Pandemie-Ära entstandenen) Werke. Gefühlsduselei oder echte Emotionen?

Also letztendlich eher ein intelligent erscheinender Chanson-Abend als eine deftige Jazz-Veranstaltung. Worte hatten bei diesem Format mehr Bedeutung als Töne. Immerhin sorgten die Pianistin Julia Kadel, mit der Leuthäuser zum Schluss des regulären Programms englischsprachig ein gefühlvolles Duo darbrachte, und Bass sowie Schlagzeug sporadisch für unmittelbare Jazzelemente. Freundlicher Applaus, eine Zugabe vom vollen Quartett.

Mit „The Jakob Manz Project“ stellte sich beim darauffolgenden Act  eine vielversprechende Combo aus süddeutschen Landen vor. Als an Ostern 2015 in der Musikalischen Bildungsstätte Schloss Weikersheim das Landesjugendjazzorchester Baden-Württemberg regulär probte, übte parallel dazu eine neu gegründete Nachwuchsband. Und da ließ bei den swingenden Junioren ein 15-jähriger Altsaxophonist aus Bad Urach aufhorchen, nämlich Jakob Munz.

Mittlerweile hat sich der Sohn musikprofessioneller Eltern in der Jazzszene erstaunlich gut etabliert. Nach Hall brachte Jakob Munz sein seit fünf Jahren in unveränderter Besetzung existierendes Quartett mit, das durch den Pianisten Hannes Stollsteimer, den Bassisten Frieder Klein  und den Schlagzeuger Paul Albrecht vervollständigt wird. Kennengelernt haben sich die damaligen Teenager auf einem Workshop.

Angefangen hatte Jakob Munz einst mit der Blockflöte und interessierte sich danach für Perkussionsinstrumente, frühkindlich inspiriert von Maurice Ravels „Bolero“. Nun betätigt sich der Saxophonist noch kompositorisch, wenn er eigene Stücke für seine Formation entwirft. Das rhythmische Moment ist ihm dabei nach wie vor wichtig. Freilich bringen auch die anderen Bandkollegen eigene Stücke ein.

So begann der Abend in der durch die gebotene aufgelockerte Corona-Bestuhlung fast vollbesetzten Hospitalkirche mit einem im südamerikanischen Flair gehaltenen feurigen Beitrag des Tastenmannes Stollsteimer, nämlich mit „Keep on burning“. Die ebenfalls von ihm stammende Nummer „Thunderbird“ startete Frieder Klein mit einer agogisch meditierenden Intro auf seiner sogar sechssaitigen Bassgitarre, bevor das gesamte Quartett den Donnervogel kräftig knackig kreisen ließ. Beim Soundcheck hatte sich der großartige Klein noch mit barocken Bach-Linien warmgespielt, während der ebenfalls stilübergreifende Jakob Manz unter den Aposteln und nackten Engeln kurz George Gershwins „Rhapsody in blue“ intonierte. Manz steuerte als Tonsetzer beispielsweise den sehr langsamen aber harmonisch verzwackten Titel „Only now“ bei.

Auf seinem Instrument ist der Anfangstwen bereits ein Alleskönner. Da erinnert der Altsaxophonist mitunter an den Weltmenschen Charlie Mariano (der übrigens 2006 in der Hospitalkirche gastierte) und sogar etwas an den ewigen Schöntöner David Sanborn. Beseeltes Spiel und hymnische Aktionen immer wieder, minimalistische Phrasen, auch mächtige Kraftausbrüche und ein nuanciertes Changieren mit den Obertönen. Musikantisch ordentlich zulangen kann er auch. Und am Ansagemikrofon gibt sich Manz als redseliger Künstler mit Witz und Selbstironie.

Pianist Hannes Stollsteimer, der in Krakau studierte, gab sich auf dem Flügel wirklich schon meisterhaft und variabel. Reichlich mit diversem Metall und vielen (transparenten) Trommeln bestückt ist das Schlagzeug von Paul Albrecht, der sich zudem eines elektronischen Drum-Kits der Firma Roland bedient und somit kratzige Klänge wie von einem Sägezahngenerator kreieren kann.

Insgesamt eine homogene Gruppe, die (fast) kein Notenmaterial benötigt und improvisatorisch munter interagiert. Die Freude am swingenden Musizieren ist unüberhörbar und nicht zu übersehen. Das Publikum hatte ebenfalls viel Spaß an diesem Abend, zu einer zweiten Zugabe kam es allerdings zu dem ursprünglich auf eine Stunde beschränktes Konzert nicht – der Corona-Pandemie sei’s geklagt. „The Jakob Manz Project“ erweist sich als eine feste Größe in der Jazzszene.

Am dritten Festivaltag war zu nächst Der weise Panda“ lieblich und kraftvoll zu hören. Zusammen ein stimmiges Quintett: Die von Köln kommende Gruppierung mit dem eigentümlichen Namen bot ein kurzweiliges Konzert voller Spielfreude. Angeführt wird die Band durch Maika Köster, die über ein modulationsreiches Vokalorgan verfügt und mit Vehemenz und Feingefühl spannungsreiche Momente schafft. Der Ausdruck zählt, wobei die englische Semantik schließlich weniger bedeutsam bleibt. Nach Anja Lechner und Asja Valcic, die beide schon in Hall aufgetreten sind, ist Talia Erdal (Israel) hier nun die dritte Violoncello-Dame, die ihr „klassisches“ Instrument trickreich in den Jazz einzubringen vermag. Yannik Tiemann am Kontrabass erwies sich in dieser fabelhaften Formation gleichfalls als variabler Saitenkünstler. Eingerahmt und kongenial ergänzt wurde das „mittige“ Trio durch den Pianisten Felix Hauptmann und den Schlagzeuger Anthony Greminger. Ohne Noten eine perfekte Präsentation von auskomponiertem Material und improvisatorischer Kommunikation in genreübergreifendem Kontext.

Anschließend 80 Minuten Techno mit dem Leo Betzl Trio. Maschinenhaftes aus der elektronischen Retorte, menschliche Beigaben von Sebastian Wolfgruber (Schlagzeug), Maximilian Hirning (Kontrabass) und Leo Betzl (Klavier).

Der softe israelische Gitarrist Tal Arditi wandelt unüberhörbar auf den Spuren von Al Di Meola. Musikalische Friedfertigkeiten, unterstützt durch den Bassisten Lukas Traxel und den Drummer Tobias Backhaus.

Eine künstlerisch höchst wertvolle Performance legte die aus Oregon Anfang der 1970er Jahre ins Schwabenländle eingewanderte Vokalistin Lauren Newton hin.

Auch die leisesten Geräuschaktionen sind von hoher Intensität. Ihre beiden Schweizer Partner, der Schlagzeuger Emanuel Künzi und der Saxophonist Sebastian Strinning, runden die vitale Neue Musik ab, die auch ideal zu Donaueschingen passen würde, wo Lauren Newton ja schon konzertierte. Sowohl Helmut Lachenmann als auch Hans-Joachim Hespos ließen grüßen…

Vor allem zarte Impressionismen im Wohlfühlklang dagegen in der Sonntagsmatinee. Der 40-jährige Dominik Wania wurde jüngst in einer nationalen Umfrage von polnischen Kritikern zum „Jazzer des Jahres“ und zum besten Pianisten gewählt. Außerdem wurde sein vom Münchener Label ECM veröffentlichte Solo-CD „Lonely Shadows“ zum „Album des Jahres“ auserkoren. Nun begeisterte der in Krakau lehrende Professor „live“ seine deutsche Zuhörerschaft.

Die dreiköpfige  „Insomnia Brass Band“ beendete das diesjährige JazzArtFestival mit vielfältigen Facetten grandios. Der lateinische Begriff„Insomnia“ heißt übersetzt „Schlaflosigkeit“, und „Brass Band“ deutet auf eine Blechblaskapelle hin. Freilich: In dem Berliner Trio gibt es nur ein einziges Blechblasinstrument, nämlich die von Anke Lucks fabelhaft beherrschte Posaune. Das von Almut Schlichting eingebrachte knorrige Baritonsaxofon, obwohl aus Metall gefertigt, zählt bekanntlich zu den Holzblasinstrumenten, da es weitläufig von der Klarinette abstammt.

Der deftige Dritte im Bunde in dem von den zwei Damen dominierten Kleinensemble ist der auch filigran vorgehende Schlagzeuger Christian Marien. Gemeinsam entfachen sie auf ausgetüpfelten kompositorischen Grundlagen ein weltmusikalisch offenes und überaus komplexes Konstrukt. Und da erinnern sie stark an das 2013 beim JazzArtFestival präsentierte „Twintett“ der Zwillingsbrüder Bernhard und Roland Vanecek (Zugposaune und Tuba) zusammen mit dem knitzen Schlagwerker Erwin Ditzner. Zwischen den zwei friedfertig kooperierenden „Kontrahentinnen“ ist der Drummer platziert, so wie bei der markanten Komposition „Match“ des Avantgarde-Komponisten Mauricio Kagel der Perkussionist sozusagen als Schiedsrichter gegenüber zwei duellierenden Celli fungiert.

Rhythmische Furiosität allenthalben, und man meint oft, mehr als von nur drei Personen gespielte Instrumente zu hören. Almut Schlichting und Anke Lucks erweisen sich als äußerst intelligent vorgehende Tonschöpferinnen, die ihr Metier in rhythmischer und klanglicher Hinsicht bestens beherrschen. Der Humor kommt auch bei der Namensgebung der Stücke nicht zu kurz: „Alles OK?“, „Ssst“, „Nein – Doch“, „Beach Bar Before Breakfast / Wiegenlied“ oder „Gingerbread Resistance Song“.

Mit selbstverständlicher Virtuosität geht Anke Lucks auf ihrer Tenorposaune vor, die dank eines Quartventils „bassige“ Tiefen erreichen kann. Zudem praktiziert die Bläserin die von Albert Mangelsdorff in den Jazz eingeführte Zirkularatmung und das durch zusätzlich ins Instrument Hineinsingen erzeugte mehrstimmiges Spiel mit Interferenztönen. Imposant auch, wie Almut Schlichting aus dem eigentlich behäbigen Baritonsax flinke Melodien zaubert.

Rhythmische Raffinessen als auch originelle Sounds: Ein musikalischer Spaß auf der Bühne und für das Publikum im Saal. Ein furioses Finale des nun vollständig wie geplant verlaufenen 15. JazzArtFestivals. Das harmonierende Organisationsteam von Kulturbüro, Jazzclub, Konzertkreis Triangel und Goethe-Institut hat wieder einmal hervorragende Arbeit (auch) in den schwierigen Pandemie-Zeiten geleistet. Die städtische Kulturbeauftragte Ute-Christine Berger bedankte sich in ihrer kurzen Begrüßungsrede ausdrücklich bei den ungenannten vielen Ehrenamtlichen, ohne die ja ein derartiges anspruchsvolles Mammutprojekt nicht zu stemmen wäre.