Untergrund-Literatur mit abgedämpftem Zorn

Esslingen – Zum vierten Mal gastierte nun Steve Lacy im Esslinger Kulturzentrum Dieselstraße. Stellte der Sopransaxophonist vor fünf Jahren selbstvertonte russische Lyrik vor, so brachte er jetzt mit seiner Frau Iréne Aebi angelsächsische Literatur zu Gehör. Die kompositorische Machart blieb die gleiche: syllabisch wurden die englischen Texte in Melodien übertragen, die – erst recht im aktuellen Brecht-Jahr – an die Werke von Kurt Weill und Hanns Eisler erinnerte. Irène Aebi, geboren 1939 in Zürich, ließ wieder einmal ihre klassischen Streichinstrumente zu Hause und betätigte sich als Vokalistin – nicht als Rezitatorin, sondern als Sängerin im Alt-Register, frei von jedem Jazz-Timbre und von etwaigen Improvisationsgelüsten.

Diese Konzeption ist geradezu symptomatisch für die Strenge und Sprödigkeit, welche die Musik des aus New York stammenden Steve Lacy (alias Steven Norman Lacritz) bestimmen. Instrumentaltechnische Wunderwerke von berauschender Virtuosität sind von Lacy erfahrungsgemäß nie zu erwarten, obgleich er als stilbildender Sopransaxophonist des modernen Jazz gilt. Lacy und Frau trugen die Lieder meist im trauten Unisono vor: die phonetisch bestens verständliche Irène Aebi in vibratoreicher Dramatik, ihr Gatte ziemlich „cool“. Sich solistisch hervorzutun und gezähmte Spontaneitäten einzubringen – dies gereichte zur Aufgabe von Steve Lacy, der nach einem Intermezzo in Berlin seinen Wohnsitz wieder in Paris aufgeschlagen hat.

Zu gleichförmig gerieten meines Erachtens die musikalischen Stimmungsgehalte der diversen Vertonungen. Der Zorn der „Beatgeneration“ wurde dabei doch ziemlich verharmlost, die zornigen und mitunter obszönen Worte erhielten einen ordentlichen Dämpfer. So war es bei Passagen des 1959 in Tanger entstandenen Romans „Naked Lunch“ von William Seward Burroughs (1914 – 1997), dem „Übervater“ der amerikanischen Untergrund-Kultur, aber auch beim „Song“ von Allen Ginsberg (1926 – 1997). Auf Jack Karouac zielte „Jack’s Blues“, den Robert Creeley seinem prominenten Kollegen widmete. Das Motto „Die Straße ist das Leben“ verdeutlichte auch der „Morning Joint“ von Bob Kaufman.

Das Programm in Esslingen streckte Steve Lacy zeitlich, indem er zwei lange Soloimprovisationen beisteuerte. Eingangs spielte er mit luftig-hartem Ton ein Medley von Melodien Thelonious Monks; seiner Vorliebe für Sequenzierungen auch nach der Konzertpause treu, als er sich schmeichelnd und mit dem Sopransaxophon singend orientalische Skalen vornahm.