Sprechkonzert „Billie Holiday – Lady sings the Blues“, Nieder-Olm, 26. September 2017

Sprechkonzert Billie Holiday - Photo: Mümpfer

Die Welt der Bil­lie Holi­day ist die Geschich­te vom Auf­stieg und Fall einer Jazz-Iko­ne, die den Blues nicht nur unnach­ahm­lich inter­pre­tier­te, son­dern auch selbst­zer­stö­re­risch kon­se­quent leb­te. Bil­lie Holi­day besaß eine unver­wech­sel­ba­re Stim­me. Obwohl sie kei­ne musi­ka­li­sche Aus­bil­dung hat­te und nur über einen begrenz­ten Stimm­um­fang ver­füg­te, war sie eine außer­ge­wöhn­li­che Sän­ge­rin; zugleich herb und zer­brech­lich, sowohl unter­kühlt als auch lei­den­schaft­lich. Ein Natur­ta­lent ent­wi­ckelt sich, aus Schmutz und Elend gebo­ren, zu einer Künst­le­rin, die die Welt fas­zi­nier­te. „Suff, Gefäng­nis, Pro­sti­tu­ti­on“, so Rezi­ta­tor Hein­rich Heftrich, waren die eine Sei­te der Künst­le­rin, Pel­ze, Ruhm und Cadil­lacs die ande­re Sei­te.

Der „Abend mit Musik“ in der Nie­der-Olmer Büche­rei „BiNo“ beginnt mit einem aus­ge­dehn­ten Solo des Key­boar­ders Wolf­gang Tho­mas. Der Künst­ler kos­tet das Volu­men des Instru­men­tes voll aus, impro­vi­siert, legt die unter­schied­li­chen Metren fest. Heftrich zitiert aus der Auto­bio­gra­fie der Sän­ge­rin, rezi­tiert aber auch Sekun­där­li­te­ra­tur etwa von Ted Joans, Langston Hug­hes, Jens Ger­lach oder Rose Aus­län­der zur Illus­tra­ti­on der Lebens­ge­schich­te Bil­lie Holi­days. Sei­ne Stim­me nimmt gefan­gen, zieht die zahl­rei­chen Zuhö­rer in Bann. Der Rezi­ta­tor ges­ti­ku­liert nicht, arti­ku­liert sorg­sam und text­ge­recht.

Sän­ge­rin Jill Gaylord wider­steht der Ver­su­chung ihr Vor­bild zu imi­tie­ren. „Bil­lie ist uner­reich­bar“, sagt sie. Aber die lang­haa­ri­ge, weiß­blon­de Kehl­kopf­akro­ba­tin jon­gliert mit ihrer Stim­me aus­drucks­stark. Sie modu­liert und into­niert „Body and Soul“, „Our Love is here to stay“, das Spi­ri­tu­al „Nobo­dy Knows“ oder mit fei­nen dyna­mi­schen Abstu­fun­gen „Good Morning Hearta­che“ sowie ande­re Songs der far­bi­gen Lady. Heftrich zitiert Bil­lie Holi­day mit den Wor­ten „Ich muss den Song nach mei­ner Vor­stel­lung ver­än­dern“. Jill Gaylord tut das Glei­che auf ihre eigen­stän­di­ge Wei­se. „Stran­ge Fruit“, Holi­days per­sön­li­cher Pro­test, geriet auch bei ihr zu einem aus­druck­star­ken wie emo­tio­na­len Song – mit einer bit­te­ren Stim­mung, die dem depres­si­ven Cha­rak­ter des Lie­des gerecht wird. Frank O´Haras „Der Tag als Lady starb“ unter­malt Gaylord mit lei­sem Sum­men.

Es gibt im Jazz vie­le „adli­ge“ Musi­ker – von King Oli­ver, über Duke Elling­ton und Count Basie bis Earl Hines. Für Bil­lie Holi­day war aber der Tenor­sa­xo­pho­nist Les­ter Young der Größ­te. Sie nann­te ihn „Pre­si­dent“ oder kurz „Pres“. Mit ihm, der kurz vor ihr im Jahr 1959 starb, ver­band Bil­lie Holi­day eine enge Part­ner­schaft. Sie setz­te ihre Stim­me instru­men­tal ein, sein luf­ti­ger und leicht dün­ner Ton pass­te vor­züg­lich zu ihrem Blues­fee­ling. Holi­day erzählt in ihrer Auto­bio­gra­fie von einer Puff­mut­ter, die ihr Bes­sie Smith nahe­brach­te. Die älte­re Bil­lie Holi­day und Les­ter Young sei­en ein Pol, der Gegen­pol Bes­sie Smith und Cole­man Haw­kins, urteil­ten damals Kri­ti­ker.

Kom­po­si­tio­nen Youngs sowie spä­ter am Abend vom frü­hen Miles Davis spiel­te Tho­mas vom Band ein. So näher­ten sich die drei Künst­ler in die­sem Sprech­kon­zert dem Phä­no­men Bil­lie Holi­day mit Musik und Wor­ten.

Das Leben von Bil­lie Holi­day wur­de 1972 unter dem Titel „Lady Sings the Blues“ ver­filmt. Die Haupt­rol­le spiel­te die ame­ri­ka­ni­sche Soul-Sän­ge­rin Dia­na Ross, die für die­se Dar­stel­lung für einen „Oscarals bes­te Schau­spie­le­rin nomi­niert wur­de.

Als nächs­tes Pro­jekt ste­hen Gedich­te der ame­ri­ka­ni­schen Lyri­ke­rin Rose Aus­län­der unter dem Titel „Wir leben in Baby­lon“ auf dem Pro­gramm von Jill Gaylord, Wolf­gang Tho­mas und Hein­rich Heftrich. Als Musik hat Wolf­gang Tho­mas Kom­po­si­tio­nen bekann­ter Jazz­mu­si­ker über New York aus­ge­wählt.

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Text und Foto­gra­fie von Klaus Mümp­fer – Mümp­fers Jazz­no­ti­zen

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