Rudresh Mahanthappa Samdhi Quartett in der Rüsselsheimer Jazzfabrik, 5. Mai 2012

Text & Fotografie: Klaus Mümpfer

Ist „Samdhi“ ein Meilenstein in der Geschichte der Fusion von westlichem Jazz und indischer Musik? Immerhin verharrt Rudesh Mahanthappa nicht bei beim Ineinanderschachteln der beiden Musikkulturen, sondern verschmilzt sie tatsächlich so intensiv, dass es dem Zuhörer manchmal schwer fällt, die Bestandteile auseinander zu halten. „Breakfastlunchdinner“ im zweiten Set des „Samdhi“-Konzertes der Rüsselsheimer Jazzfabrik ist im Grunde ein Blues und gleichzeitig von der melodischen Grundstruktur her ein indischer Raga. In „Ahhh“ dagegen tritt die fernöstliche Stimmung im Solo des Gitarristen Nguyên Lê stärker in den Vordergrund. Unglaublich ist die Kreativität mit der der technisch virtuose Saitenzupfer auch dann noch neue Ideen produziert, wenn der Zuhörer glaubt, dass nach schier endlosen Läufen die Möglichkeiten der Soundfindung ausgereizt seien.

Er wolle die indische Musik, genauer die besondere Ornamentik der südindischen, auf das Saxofon übertragen und dies in einem elektronischen Kontext stellen, sagt Mahanthappa, der zwar in Triest geboren, aber indische Eltern hat. Im Rüsselsheimer Konzert (einen Tag nach seinem 41. Geburtstag) wird dies deutlich in jenen Passagen, in denen er durch Loops mit sich selbst im Duo spielt oder Ton mit Hall und Echo verstärkt.

Zur Verwirklichung seiner Vorstellungen habe er nach einem Gitarristen gesucht, der solche Ornamentik-Linien spielen kann und ihn in David Gilmore gefunden. Nach dem Konzert in Rüsselsheim stellt sich die Frage, b der Vietnamese Lê diese Integration nicht noch besser bewältigen kann. Mag sein, dass Mahanthappa eine Antwort damit gibt, dass er dem Gitarristen unendlich viel Freiraum für ausgedehnte, stählerne, klirrende Glissandoläufe und gleitende Tonfärbungen sowie endlose Akkordkaskaden – wie etwa in „Black Jack“ – einräumt.

Das Konzert beginnt mit einer exotischen Soundeinspielung vom Laptop, in die Mahanthappa mit einem emotional starken und extensiven Altsaxofon einsteigt. Nach einem Dynamiksprung explodiert er bei „Killer“ gleichsam in teilweise überblasenen Stakkatoläufen, die Rich Brown gradlinig mit dem sechssaitigen Elektrobass unterlegt. Der Saxofonist hegt eine Vorliebe für hingerotzte Akkorde und kurze Riffs, mit denen er mehrere Kompositionen einleitet. Faszinierend sind in den Stücke aber jene Unisono und zweitstimmigen Duette von Altsaxofon und Gitarre sowie die langsameren, sonoren und cantablen Linien seiner Soli im überwiegenden Powerplay. Dies dichten und kompexen Tutti münden oftmals in ein rasendes Solo des Schlagzeugers Gene Lake. Brown reißt dazu ostinate Bassakkorde an. Eine Kostprobe für seine harmonische Raffinesse in schönen Melodielinien gibt Brown im einleitenden Sol zu „Playing with stones“. Die Zugabe „For all the ladies“ wirkt nach diesen ekstatischen Ausbrüchen und Soundexplosionen wie eine klassischen und melodiöse Ballade. 

Samdhi“ ist ein Wort aus dem Sanskrit und verweist auf den Übergang sowie das Aufeinanderprallen von Gegensätzlichkeiten, bei dem etwas vollkommen Neues entsteht. In dieser dialektischen „Aufhebung“ verschmelzen indische Klassik und Hip-Hop, elektronischer Blues und Funk, Polychromatik und Psychedelik. Das Ergebnis ist ein wenig uneben, weist hin und wieder Längen und manch unnötige Wiederholung auf, dennoch ist es originale und konsequente Weltmusik.