Minimalismen und Funk-Rhythmen

Esslingen – Im routinierten Jahresabschlußkonzert hatte das Kulturzentrum Dieselstraße gewohnheitsgemäß zwei Formationen aus der Region vorgestellt. Nach den Quartetten der beiden auf baden-württembergischer Landesebene hochgepreisten Saxophonisten Andy Maile und Peter Lehel wartete auch der erste Sonntagsjazz von 1998 mit variablen Besetzungen auf. Hier dominierte vom Duo bis zum Sextett eine Persönlichkeit: nämlich Maike Mohr. 

Die aus Germersheim stammende 25jährige Pianistin sammelte bereits während ihres Studiums an der Stuttgarter Musikhochschule reichlich jazzorchestrale Erfahrungen, jedoch auch das Spiel in kleinen und feinen kammermusikalischen Gruppen behagt ihr. Kostproben davon gab Maike Mohr erneut in Esslingen ab, nachdem sie als Schülerin von Paul Schwarz anläßlich ihrer öffentlichen Abschlußprüfung dort bereits brillieren konnte.

Behutsam begann das Konzert: Im impressionistischen Gestus modale Musik mit minimalen Motivveränderungen. Spieluhrenhafte wiederholte Patterns, penibel organisiert, erfuhren durch eine vom Kontrabaß (Henrik Mumm) gestrichene Hauptmelodie einen romantisierenden Kontrast. Konzentriert dabei am Klavier Maike Mohr, die im Anschlag stets die klassische Vorbildung heraushören läßt.

Und auch später am Abend blieb die Pianistin und Band-Organisatorin ihrer Konzeption treu: ein durchstrukturiertes und ausgeklügeltes Musizieren, das vermeintliche kulturelle Grenzen überschreitet und nicht der platten Schablone „Thema-Improvisation-Thema“ verfällt. Freilich: für aus einer Interaktion erwachsende Spannungshöhepunkte und für extrovertierte solistische Glanzleistungen ist hier kaum Raum.

Uwe Kühner demonstrierte ausgiebig, daß er nicht nur ein sensibler Perkussionist ist und am konventionellem Drumset präzise Funk-Rhythmen zu inszenieren vermag, sondern auch als Komponist taugt. Zeichnete er besinnlich „Bulgarian Pictures“ nach, so ging es mit Maike Mohrs tempowechselndem „Damaskus“ weiter nach Osten. Auch Florian King, der im regulären Mohr- Quartett namens „KlaTRObaSch“ als Bassist dient, steuerte etliche Stücke bei. 

Des Jazztrompeters neuzeitliche Wut über den verlorenen Groschen („Give you all your Money“) münzte Achim Rothe in Noten um, wobei er das Flügelhorn sehr flüssig und gar nicht verweichlicht blies.

Einen vokalen Farbtupfer in den variantenreichen Besetzungen lieferte vibratoreich Cécile Verny. Bei der Französin mit Wahlheimat Freiburg (Breisgau) genießen Scat-Improvisationen nur untergeordnete Bedeutung, immerhin engagiert sich die Sängerin als eigene Textdichterin, so zu der von Florian King entwickelten Melodie „Harlekin“. Erst recht bei John Coltranes in Worte gekleidetem Standard „Afro Blue“ kam in der Dieselstraße etwas unterhaltende Night-Club-Atmosphäre auf. Geradezu weihnachtlich im Titel die tutti-Zugabe „Glockenklang“, ein Opus von Uwe Kühner, der dabei seiner Schlitztrommel melodiöse Töne entlockte.

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