Jazz bei den Donaueschinger Musiktagen 2013

Studer Koch Hirsch Schütz
 
Text und Photos: Hans Kumpf
 

Scharfe Kost von Koch und Köchin

 

Das Tobias Delius Sextett und Koch/Schütz/Studer & Shelley Hirsch spielten

Jazz ist dufte – dies konnten „hochnäsige“ Musikrezipienten nach der „SWR2 NOWJazz Session“ anlässlich der Donaueschinger Musiktage konstatieren. In der Sporthalle der Gewerblichen Schulen roch es bei dem Konzert nicht etwa nach altem Körperschweiß, sondern von einem frisch zubereiteten indonesischen Fünf-Gänge-Menü.

Jansen Köchin

Ciska Jansen, 1963 in Nijmegen als Tochter einer Indonesierin und eines Holländers geboren, praktizierte auf der Bühne anschauliches „live cooking“. Sie war stimmig integrierter Bestandteil eines Sextetts ihres Saxophon und Klarinette blasenden Mannes Tobias Delius, der genetisch und geografisch ebenfalls ein Multi-Kulti-Mensch ist. Dabei lieferte Ciska Jansen nicht nur (Koch-)Kunst zunächst für das Riechorgan und später für den Gaumen plus Magen, sondern noch Akustisches für die Ohren (des „live“ lauschenden Radiohörers!), indem sie mit Kochlöffeln eifrig perkussionistisch klapperte und Asiatisches vor sich hin sang.

International auserlesen waren auch die weiteren Instrumentalisten des Ensembles: Der nun in Stockholm lebende kanadische Kontrabassist Joe Williamson besorgte eher unauffällig die rhythmisch-metrische Grundierung, die in Tübingen geborene Vibraphonistin Charly Birkenhauer hantierte ganz natürlich mit vier Schlägeln, die Amerikanerin Liz Allbee erinnerte mit ihren kurzen verquetschten Trompetentönen an Bill Dixon, und am Schlagzeug werkelte in der avantgardistischen Tradition von Günter „Baby“ Sommer ein vielbeachteter fantastisch-fantasievoller Newcomer aus Brandenburg, nämlich Christian Lillinger (Jahrgang 1984).

Tobias Delius, solistisch am Tenorsax gerne explosiv und rotzig, steuerte als ordnende Einsprengsel kompositorisch ausgearbeitete Parts in zupackender Hardbop-Manier bei – genau notiert und vom Ensemble sorgfältig interpretiert. Ansonsten improvisierten die Musiker bei der Session recht neutönerisch. Die Vibraphonistin Charly Birkenhauer veranstaltete mit Papierrascheln eine „paper music“, wie sie schon vor einem halben Jahrhundert der Komponist Josef Anton Riedl inszenierte. Insgesamt eine kurzweilige und originelle Performance, welche sinnigerweise mit „I Hear A Smell“ betitelt war.

Delius

Vor der Köchin plus Team agierte beim Samstagabendkonzert quartettmäßig der Koch – Hans Koch, Klarinettist und Saxophonist aus der Schweiz. Auch hier mitunter recht scharfe Kost, die aber gut verdaulich wurde durch filigrane bis rockige Zutaten des Drummers Fredy Studer. Als dritter Eidgenosse zupfte und strich Martin Schütz das Cello in seiner konventionellen Korpusform und als elektrifiziertes Brett mit fünf Saiten. Wie beim Bläser wurde auch hier elektronisch transformiert.

Mit zwei verschiedenen Mikrofonverstärkungsvarianten arbeitete Shelley Hirsch, die bereits vor der Donaueschinger Deutschlandpremiere dieses Projekts in gemeinsamen Auftritten und bei CD-Studio-Aufnahmen mit dem seit über zwanzig Jahren existenten Trio kooperiert hatte. Nun wieder gemeinsam Free Jazz inklusive historisierender Besinnung. Die 1952 in New York geborene Vokalistin mit dem Hang zu theatralischen Effekten thematisiert in ihren Shows neuerdings semantisch ihre Biografie, weit- und weltläufig. Das Quartett erzeugt ein interessantes Beziehungsgeflecht und einen weiten Spannungsbogen. Dabei gefällt sich Shelley Hirsch in der Rolle einer exaltierten Diva. Zwischen U und E, zwischen harmonischen Melodien und krächzenden Geräuschen also, hat sie alles drauf.

Shelley Hirsch

Konzipiert wurde die „SWR2 NOWJazz Session“ von Julia Neupert, die ansonsten in Baden-Baden vor dem Hörfunkmikrofon sitzt. Sie vermengte nicht divergierende Dinge mit Gewalt, sondern griff auf bereits bestehende und bewährte Projekte zurück. Schlussendlich eine Veranstaltung mit hohem Erlebnisfaktor, der in Erinnerung bleibt.

Auch außerhalb des eigentlichen Jazzkonzerts erklangen auch in diesem Jahr in Donaueschingen afroamerikanische Laute. Komponist Enno Poppe (43) schmuggelte in sein über 80 minütiges Uraufführungswerk „Speicher“ nicht nur einen Mambo ein, sondern ließ in einem sehr sprachlichen Dialog die wah-wah-Trompete mit einem glissandierenden Cello korrespondieren. Das riesige Ensemble „Klangforum Wien“ war auch für die Weltpremiere von „Situations“ des Griechen Georges Aperghis (68) verantwortlich. Da konnte sich der Kontrabassist Uli Fussenegger solistisch profilieren, und schon rein instrumental kam der Tenorsaxophonist Gerald Preinfalk dem Jazzidiom erst recht sehr nahe.

Tobias Delius Sextett
„I HEAR A SMELL”
 

Tobias Delius (composition, ts, cl)
Liz Allbee (tp)
Charly Birkenhauer (vib)
Joe Williamson (b)
Christian Lillinger (dr)
Ciska Jansen (performance)

Koch/Schütz/Studer & Shelley Hirsch
 

Hans Koch (reeds, electronics)
Martin Schütz (vc, electronics)
Fredy Studer (dr)
Shelley Hirsch (voc)

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