Jazz bei den Donaueschinger Musiktagen 2008

Zwei Trios sollten für den SWR „Hypnotic Grooves“ kreieren


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In den Vorjahren propagierte SWR-Jazz-Redakteur Reinhard Kager für seine „NOWJazz Sessions“ anlässlich der Donaueschinger Musiktagen vor allem Electronics mit Laptops und Turntables samt Samples und Loops. Heuer waren nun „Hypnotic Grooves“ angesagt. Rhythmisches und Fußwippen dürfen auch (wieder) im freien Jazz sein. Beim Doppelkonzert wurde Zwiespältiges ohrenfällig.

In der Sporthalle der Gewerblichen Schulen trat zunächst die seit zwei Jahrzehnten eingespielte Formation „The Necks“ aus Australien an. Zunächst ein konventionell besetztes Piano-Trio, das aber eine ganz individuelle Musik praktiziert. In der Tradition der „minimal music“ von Steve Reich und Terry Riley improvisieren der Pianist Chris Abrahams, Bassist Lloyd Swanton und Drummer Tony Buck filigran mit kleinsten Fortschreitung in Melodie und Rhythmus. 

Mehr statische Ruhe als vorwärts drängender Prozess. Doch nach einem meditativen Anfang mit deutlichem „easy listening“-Charakter entwickelte sich beim Spätabendkonzert über eine dreiviertel Stunde lang ein breit angelegtes Crescendo der Intensität. All dies in kommunikativ enger Interaktion und ohne jegliche solistische Extravaganzen. Kein plumpes Stampf-Metrum kam da heraus – stattdessen hörte man eine Musik, die intellektuell faszinierend wirkte. 

Disziplin zu Dritt ohne Lizenz für Soloeskapaden auch beim nachfolgenden Ensemble. „Can“-Schlagzeuger Jaki Liebezeit, der vor vierzig Jahren gar mit den Jazz-Avantgardisten Manfred Schoof und Alexander von Schlippenbach musizierte, hat sich in Köln nun mit dem Keyboarder und Elektroniker Bernd Friedmann alias „Burnt Friedman“ zusammen getan. Allzu simpel kamen in Donaueschingen dessen elektronische Machenschaften daher und erinnerten altbacken an die Neue Deutsche Welle mit Sephan Remmlers Trio-Hit „Da da da“. Jaki Liebezeit, inzwischen 70, agierte wie ein stoischer Roboter und trommelte maschinenhaft. Nichts mit „swing“ und „drive“. Der neuseeländische Gast Hayden Chisholm des rheinischen Duo-Projekts „Secret Rhythms“ hätte mit Klarinette und Melodica elastische und „menschliche“ Momente einbringen können. Dies sah das Konzept allerdings nicht vor. So blieb es beim ermüdenden Kontinuum in stets gleicher Lautstärke.

Auch die beiden Gastkommentatoren des SWR konnten im Anschluss an die „live“-Übertragung nur wenig Gutes an dieser deutsch-neuseeländischen Kooperation finden.

Ansonsten waren bei auch bei anderen Konzerten der Novitätenmesse jazzige Anklänge zu vernehmen. In der Eröffnungsperformance stieß der Komponist Dror Feiler, ein in Schweden lebender Israeli derart bruitistisch in sein Sopranino, dass selbst so ein Schönklangszertrümmerer wie Peter Brötzmann in dessen wildesten Free-Jazz-Jahren noch getoppt wurde. Yann Robin ließ in seinem Opus „Art Of Metal“ seinen französischen Landsmann Alain Billard auf der Kontrabassklarinette trickreich schnalzen und aggressiv rotzen. Kurze und schöne Blues-Phrasen schrieb hingegen der nun 82-jährige Ben Johnston (USA) in seinem ansonsten sehr mikrotonalen Orchesterwerk „Quintet For Groups“ zwei Solo-Geigern im die Noten.

Jaki Liebzeit

Dror Feiler

Alain Billard

Ben Johnston

Reinhard Karger

(Oktober 2008)

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