In Schwäbisch Hall trat erneut das Landespolizeiorchester Baden-Württemberg zu einem Benefizkonzert an

Mexi­ko im musi­ka­li­schen Mit­tel­punkt

Der kari­ta­ti­ve Ver­ein „Help! – Wir hel­fen!“ ist in Ent­wick­lungs­län­dern bei medi­zi­ni­schen Not­fäl­len aktiv. Die Spen­den dafür wer­den unter ande­rem bei prä­gnan­ten Ver­an­stal­tun­gen – wie Bene­fiz­kon­zer­ten – ein­ge­sam­melt. So stell­ten sich Mit­te Novem­ber 2016 in der Hal­ler Son­nen­hof-Arche jun­ge Klas­sik-Stars aus der Regi­on und das renom­mier­te Saxo­fon-Quar­tett von Richard Bei­ßer in den Dienst der guten Sache, einen Monat spä­ter begeis­ter­te in der Kul­tur­scheu­ne das Lan­des­po­li­zei­or­ches­ter Baden-Würt­tem­berg mit die Her­zen erwär­men­den Weih­nachts­wei­sen.

Jetzt rück­te das in Böb­lin­gen sta­tio­nier­te Musik­korps erneut zu dem gro­ßen Ver­an­stal­tungs­aal der Wal­dorf­schu­le aus, um ein Wohl­tä­tig­keits­kon­zert zu geben. Bei die­sem Orches­ter han­delt es sich nicht etwa um ein „Werks­or­ches­ter“ des Stutt­gar­ter Innen­mi­nis­te­ri­ums – so wie bei­spiels­wei­se Beschäf­tig­te bei Bosch und Daim­ler mit für­sorg­li­cher Unter­stüt­zung der Fir­men­lei­tun­gen in eige­nen Big Bands ein kul­tu­rel­les Frei­zeit­ver­gnü­gen pfle­gen und für ihre Betrie­be nach außen eine posi­ti­ves Image ver­mit­teln.

Viel­mehr hat die Poli­zei – zum aus­drück­li­chen Miss­fal­len des gestren­gen Lan­des­rech­nungs­hofs – dafür eigens 30 Pro­fi­mu­si­ker enga­giert. Nur elf Instru­men­ta­lis­ten von ihnen sind der­zeit mit dem for­mel­len Sta­tus eines Poli­zei­be­am­ten geseg­net. Besetzt ist das Lan­des­po­li­zei­or­ches­ter Baden-Würt­tem­berg wahr­lich inter­na­tio­nal: Nur fünf Per­so­nen stam­men aus dem Süd­west­staat. Aus­län­der kom­men aus Japan, Chi­na, Rumä­ni­en, Argen­ti­ni­en, Spa­ni­en, Tadschi­ki­stan, Viet­nam oder Grie­chen­land.

Die Musi­ker tra­ten in Hall nicht etwa in Uni­for­men von Ord­nungs­hü­tern auf, son­dern ziem­lich zivil: In schwar­zen Anzü­gen, wei­ßen Hem­den, noblen Flie­gen – nur auf den geschnie­gel­ten Sac­cos und Wes­ten prang­te das hoheit­li­che Lan­des­wap­pen.

Mit Ste­fan R. Hal­der steht dem Orches­ter ein schnei­di­ger Diri­gent zur Ver­fü­gung, der enor­me Begeis­te­rung und eine immense Por­ti­on Humor auch ges­tisch zu ver­mit­teln ver­mag.

Mit der „Sym­pho­nic Over­tu­re op. 80“ von dem Tubis­ten James Bar­nes begann das fest­li­che Kon­zert am Palm­sonn­tag. Viel Dsching­d­e­ras­sa und dann süß­li­che Obo­en-Kan­ti­le­nen. In Noten gesetzt wur­de die Auf­trags­ar­beit 1990 zum 50. Jubi­lä­um der „United Sta­tes Air Force Band“, die ja im 2. Welt­krieg von dem Jaz­zer Glenn Mil­ler „bes­wingt“ wur­de.

Im musi­ka­li­schen Mit­tel­punkt des Abends stand jedoch mehr­fach das süd­li­che Nach­bar­land der USA. Nicht an einen etwai­gen Mau­er­bau, son­dern an die viel­fäl­ti­ge Kul­tur Mexi­kos dach­te der im Bun­des­staat Mis­sou­ri gebo­re­ne Har­ry Owen Reed, als er 1949 „La Fies­ta Mexi­ca­na” kom­po­nier­te und das drei­sät­zi­ge Werk mit „A Mexi­can Folk Song Sym­pho­ny for Con­cert Band“ unter­ti­tel­te. Glo­cken­ge­läut, Feu­er­werks­krach, Hei­li­ge Mes­se, tur­bu­len­tes Kar­ne­vals­trei­ben – alles drin. Eher preu­ßisch klingt dage­gen „La Mar­cha de Zaca­te­ca”, 1891 von Genero Codi­na erschaf­fen und als inof­fi­zi­el­le Hym­ne Mexi­kos gel­tend. Ein ande­rer mexi­ka­ni­scher Ton­schöp­fer, näm­lich Arturo Már­quez, ver­fass­te den „Dan­zón No. 2“, bei dem der japa­ni­sche Bass­kla­ri­net­tist Ara­ta Kaji­ma flugs zum Flü­gel wech­sel­te. Ein mit schö­nen Klang­ef­fek­ten gestal­te­tes und mit mit­rei­ßen­den Rhyth­men ver­se­he­nes Stück; Ste­fan R. Hal­der geriet auf dem Diri­gen­ten­po­dest sicht­lich in Tanz­lau­ne.

Spe­zi­ell für das viel­sei­ti­ge Lan­des­po­li­zei­or­ches­ter fer­tig­te Tobi­as Becker, der einst im Jugend­jazz­or­ches­ter Baden-Würt­tem­berg Pia­no mit­wirk­te, „A Tri­bu­te To Roger Cice­ro“ an. Der in Böb­lin­gen wohn­haf­te Becker ant­wor­te­te auf Anfra­ge: „Ich schrei­be regel­mä­ßig für das LPO, und so hat mich Ste­fan Hal­der letz­tes Jahr gefragt, ob ich mir vor­stel­len kön­ne, ein Roger-Cice­ro-Med­ley zu schrei­ben. Aller­dings soll­te dies ein rei­nes Instru­men­tal-Arran­ge­ment wer­den. Also war die Schwie­rig­keit für mich, einen Wie­der­erken­nungs­ef­fekt und eine ähn­li­che Stim­mung wie im Ori­gi­nal zu erzeu­gen, gleich­zei­tig aber auf den Lied­text zu ver­zich­ten und die gesang­li­che Phra­sie­rung auf die ver­schie­de­nen Instru­men­te zu ver­tei­len und anzu­pas­sen.“ Dies ist Becker zwei­fels­frei gelun­gen, und nun konn­te man sich bei sin­fo­ni­scher Blas­mu­sik der hoch­pro­fes­sio­nel­len Art noch­mals an die Schla­ger „Zieh die Schuh aus“, „Män­ner­sa­chen“ oder „Frau­en regier’n die Welt“ erin­nern.

Belieb­te Melo­di­en aus dem Musi­cal „Mary Pop­pins“ stan­den am Schluss des gedruck­ten Pro­gramms. Als Zuga­be das stets per­fekt auf­spie­len­de „LPO“ den öster­rei­chi­schen Mili­tär­marsch „Die Regi­ments­kin­der“ von Juli­us Fučík.

Text und Foto­gra­fie von Hans KumpfKumpfs Kolum­nen

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