Gute Jazz-Nachrichten aus Indonesien

Esslingen – Asiatische Geigen-Schönheiten verzaubern die Musikwelt: im populistische Klassik-Genre erregt Vanessa-Mae beträchtliches Aufsehen, und im Jazz läßt Luluk Purwanto aufhorchen. Die indonesische Saitenkünstlerin hat sozusagen einen „alten Kolonialherrn“ geehelicht, nämlich den niederländischen Pianisten René van Helsdingen. Und dieser konnte mit dem Bassisten Henry Franklin und dem Schlagzeuger Donald Dean zweiversierte Amerikaner für sein Ensemble verpflichten.

Durch die Welt tourt Helsdingen und Frau normalerweise mit einem umgebauten Mercedes-Omnibus, der mit einer herausklappbaren Bühne samt Lautsprecher- und Beleuchtungssystem bestückt ist und noch Sitzplatze für 150 Zuhörer mitführt. Doch in Esslingens trat man nicht freiluftig auf, sondern unterm Dach der Dieselstraße 26.

Mal wieder schöne Nachrichten der musikalischen Art aus Indonesien, das ja auch dem Jazz viel gebracht hat. Längst etabliert hat sich ja als Flötist und Produzent Chris Hinze, und die Gamelan-Musik der kleinen Insel Bali inspirierte schließlich weltweit die Kulturen.

Im tieflagigen und sonoren Sound erinnert Luluk Purwanto freilich an den europäisierten Jazz des dänischen Geigers Svend Asmussen, pralle Doppelgriffe sorgen für Intensität. Wenn die Streicherin noch synchron mitsingt (so wie es früher beispielsweise der Bassist Slam Stewart praktizierte), entwickelt sie ganz Akkorde. Rhythmisch peppige Pizzicato-Aktionen ergeben weitere Abwechslungsmöglichkeiten. Ihre (konventionelle Korpus-)Geige ist genauso wie das inzwischen gängige „Pilotenmikrofon“ drahtlos mit der Verstärkeranlage verbunden – dies schafft Freiräume in der Musik und auf der Bühne. Und da entpuppt sich die zierliche Dame als wahrer Energiebündel.

Produziert wird ein beherzter Mainstream mit viel „swing“ und „drive“, festgelegte Parts gehen fließend in ausgedehnte Improvisationspassagen über.

Folkloristische Bestandteile werden von Luluk Purwanto nahtlos in das Jazz-Idiom integriert. Wenn die Javanesin Liedsequenzen aus ihrer Heimat singt, tut sie dies natürlich authentisch – aber eben mit gehörigem Jazz-Feeling. Hier gerät fernöstliche Exotik nicht zum Selbstzweck.

Weniger vermochte Luluk Purwanto bei ihrer Esslinger Performance in einem Stück zu überzeugen, bei dem sie primär Perkussionsinstrumente traktierte. Dies war letztendlich nur eine bloße Demonstration des reichhaltigen akustischen Arsensals – von Gongs, Flöten und Pfeifen bis zu einem grünen Pastik-Quietsche-Dino.

Sehr flüssig und vehement gestaltete auch René van Helsdingen sein Spiel, gerne trumpfte er auf dem Flügel mit rasanten „horn lines“ auf. In Esslingen absolvierte das Quartett das 104. Konzert ihrer aktuellen „Free Born“-Tournee. Trotz aller Routine blieb die Freude an gemeinsamen Spontan-Interaktionen ungetrübt. Das wache kommunikative Moment war in der Rhythmusgruppe unüberhörbar. Flott und forsch schritt Henry Franklin mit seinen „walkin bass“-Linien voran, und bärenstark brachte er mit der (linken) Greifhand am Kontrabasshals mittels „touch“-Technik die Saiten zum Schwingen. Differenziertheit, ganz ohne Vierviertelstampf, schuf der aus Los Angeles stammende Drummer Donald Dean.

Ein heißer Jazz, unmittelbar und direkt. Ein gutes Konzert. Schade nur, dass das Eröffnungskonzert der Herbstsaison vom Sonntags-Jazz in der Dieselstraße nicht sehr gut besucht war.