„Play Bach“ und mehr in der Staatsoper

Stuttgart –  In den sechziger Jahren erregte Jacques Loussier mit seiner Vermengung von Johann Sebastian Bach und swingendem Jazz die Gemüter. Da empfand man das Tun des 1934 geborenen Pianisten als Protest gegen einen musealen Musikbetrieb – oder als Blasphemie wider die heilige Kuh der europäischen Kultur. Sogar im Fernsehen war es ein Diskussionsthema, ob es überhaupt statthaft sei, mit klassischer Musik derart umzugehen. Längst hat sich „Play Bach“ etabliert und viele Epigonen gefunden. Von Provokation ist keine Rede mehr. Jacques Loussier gibt mittlerweile Konzerte in der Dresdner Semper-Oper und im Salzburger Mozarteum gleichermaßen. Immerhin reicht sein Repertoire inzwischen über Johann Sebastian Bach hinaus. Kommerziell überaus erfolgreich war seine Bearbeitung der „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi. Loussiers Versionen von Maurice Ravels „Bolero“ und von Satie-Klavierstücken riefen in Rezensionen unterschiedliche Bewertungen hervor.

Helmuth Rilling von der Bachakademie hatte keine Berührungsängste mit dem einstigen „enfant terrible“. Zum Abschluss der diesjährigen Sommerkurse durfte Jacques Loussier mit Benoit Dunoyer de Segonzac (Kontrabass) und André Arpino (Schlagzeug) im Großen Haus der Württembergischen Staatstheater aufspielen (im Bach-Jubel-Jahr 1985 konzertierte Loussier noch separat vom Medien-Rummel im Mozartsaal). Geradezu euphorisch geriet der Beifall der internationalen Bach-Kenner bereits nach dem ersten Stück, dem C-Dur-Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier. Schon hier war das Symptomatische der Play-Bach-Masche erkennbar: keine bloße Abfolge von Original, jazziger Improvisation und Reprise, sondern ein durchkalkuliertes Arrangement von Bach-Partikel mit eigenen Zwischenspielen. Zudem: viel Freizügigkeit in den Tempi sowie romantische Rubati und Dynamikanschwellungen. Ganz leicht tupft Loussier die Tasten an (und kontrastiert dann in seiner nicht so sehr spontanen Improvisation die vorgegebenen Akkordbrechungen mit prallen Blockakkorden), dezent agiert Arpino mit eleganter Besenarbeit am Schlagzeug, und Benoit Dunoyer de Segonzac setzt oft kreative Kontrapunkte. Der „neue“ Bassist von Loussier brachte in das eingefahrene Konzept immerhin viele frische Momente ein. Freilich: Unmittelbares gab es nur in unbegleiteten Soli der Virtuosen, nicht jedoch bei etwaigen Interaktionen.

Neuerdings vollführt Loussier gerne ein Crossover zwischen dem thüringisch-sächsischen Bach-Barock und karibischem Calypso – beim Stuttgarter Konzert des französischen Trios wurde nun das „Italienische Konzert“ derart fusioniert. Zum ständigen Repertoire gehört auch das triolige „Jesus bleibet meine Freude“ aus der Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ (BWV 147).Doch nicht alleine dem Thomaskantor huldigte Jacques Loussier, von Venedigs „rotem Priester“ interpretierte er und seine zwei Begleiter den „Frühling“ aus den „Vier Jahreszeiten“. Im Allegro-Satz zitierte der Pianist nun „live“ humorvoll „La Cuceracha“, das Lied von der mexikanischen Küchenschabe, und im „Largo“ den Sound von George Gershwin, während bei der CD-Fassung lediglich Calypso-Einsprengsel auszumachen sind. Nett anzuhören ist dies allemal – so wie auch die lieblich dargestellte Gymnopédie Nr. 1 von dem verqueren Komponisten Erik Satie. Satie wurde ja schon von etlichen Rock- und Jazzmusikern bemüht, und Jazz-Solisten wie Larry Coryell (Gitarre) und Yosuke Yamashita (Piano) brachten verblüffende Versionen von Ravels Orchesterinstrumentationsstudie „Bolero“ zustande. Jacques Loussier ließ mit seiner Trio-Besetzung in das mächtige Crescendo einzelne Solo-Exkursionen einfließen – und vermittelte somit eigene Spannungssteigerungen. Benoit Dunoyer de Segonzac zupfte rasant im spanischen Flamenco, und André Arpino durfte froh sein, dass er nicht ständig das rhythmische Triolen-Ostinato auf die Konzerttrommel zu schlagen hatte, sondern variantenreich die Cymbals und Tom-Toms bedienen durfte.

„Play Bach“ und mehr – anstatt Provokation nun nette Unterhaltungsmusik. Die Zuhörer hatten zur mitternächtlichen Stunde viel Spaß – auch an den gewohnt launigen Ansagen von Loussier, der nach dem Kräfte zehrenden Auftritt bereitwillig CDs signierte.