Grandbrothers: Großartige Brüder am “grand piano”

Pianist Erol Sarp und Elektroniker Lukas Vogel gastierten in Schwäbisch Hall

Zwischen Performances im schweizerischen Luzern und im niederländischen Harleem platzierten die beiden “Grandbrothers”-Künstler Erol Sarp und Lukas Vogel einen Konzerttermin in Schwäbisch Hall. Der örtliche Jazzclub und das städtischen Kulturbüro hatten zur „Jazztime“-Reihe in die Hospitalkirche eingeladen, obgleich bei diesem spektakulären Projekt kaum Swingendes zu hören war. Der Italiener Bartolomeo Cristofori (1655-1731) entwickelte einst das (im Vergleich zum Cembalo und Klavichord) anschlagsdynamische und lautstarke Pianoforte, die beiden amerikanischen Avantgardisten John Cage und David Tudor schreckten im vergangenen Jahrhundert die Musikwelt mit einem unorthodoxen „prepared piano“ (wobei mit Materialien die Saiten manipuliert wurden) auf, der mexikanische Staatsbürger Samuel Conlon Nancarrow (1912-1997) fabrizierte in Papierrollen gestanzte Kompositionen für elektro-mechanische Selbstspielklaviere, die in übermenschlichen Geschwindigkeiten loslegen konnten. Nach der Millenniumswende nun eine weitere Revolution: 2011 lernten sich bei ihrem Düsseldorfer Tontechnikstudiums der in Wuppertal geborene Erol Sarp und der in Zürich aufgewachsene Lukas Vogel kennen und schätzen. Zwei Künstler bedienen nun gemeinsam einen einzigen Flügel – aber nicht vierhändig an den 88 Tasten. Sarp spielt das edle Instrument zwar weitgehend konventionell akkordisch und minimalistisch ohne virtuose Auswüchse, doch Vogel traktiert dieses reichlich kabelverbunden per Fernbedienung. An einem breiten und sehr langen Regietisch hat er massig Regler und Mixer sowie zwei Notebooks aufgebaut. Und damit steuert der (wie sein türkischstämmige Teamplayer mit eingestöpselten In-Ear-Kopfhörern versehene) Eidgenosse in Echtzeit extra montierte „Trigger“, welche Saiten aber auch den Holzrahmen und Metallteile des – in Hall stationierten – Steinways gezielt „behämmern“. Die so produzierten Klänge werden mit zumeist normalen Mikrofonen aufgefangen und mit einem künstlichen Nachhall versehen. Analog-Akustisches und Digital-Technisches führen nach gewitzter Tüftelarbeit letztendlich zu trautseliger Homogenität. Damit wird oft Ohrengefälliges generiert – schwebende Klangbänder wie vom Synthesizer, geradezu impressionistische Lyrismen, Erinnerungen an balinesische Gamelanmusik. Außerdem hört man europäische Röhrenglocken sowie Marimbaphon und Xylophon heraus.  Doch knallig-perkussive Einsprengsel und repetierende Rhythmus-Figuren stören immer wieder prägnant die vermeintlichen Ruhephasen. Niedliche Träumereien kommen dadurch bei den Rezipienten nicht auf. Einzelne Titel, welche ohne Notenmaterial interpretiert und improvisiert werden, lauten beispielsweise „Wuppertal“, „Ezra Was Right“, „Prologue“, „Arctica“ oder „5 gegen 1“. Zwischen Klavierromanzen, Elektrozauber und Sinfonik: Die musikalische Spannweite eines einzelnen Flügels nimmt beträchtliche Ausmaße an.  

Jazzpages Logo ruler1 Text und Fotografie von Hans KumpfKumpfs Kolumnen  

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