Frederik Köster in Hall: Jazz entpuppt sich wieder als aufregende Weltmusik

Das Quartett „Die Verwandlung“ des Kölner Trompeters Frederik Köster eröffnete in der Haller Hospitalkirche die herbstlichen Nachholtermine des renommierten Jazz-Art-Festivals – ein doch mitreißendes Konzert im Zeichen von Corona und bei gelockerter Club-Atmosphäre.

Das 14. Internationale Jazz-Art-Festival hätte eigentlich Mitte März über Haller Bühnen gehen sollen, doch die leidige Corona-Pandemie mit ihrem resoluten Lockdown machte einen dicken Strich durch diesen kulturell wertvollen Event. Mit gehörigem Optimismus planten die emsigen salzstädtischen Veranstalter alsbald für den Herbst etliche Nachholtermine ein.

Der erste Teil wurde für das verlängerte dritte Septemberwochenende programmiert. Diese vier Jazztage starteten mit einem Beitrag des Haller Goethe-Instituts. Der Trompeter Frederik Köster war ja in Goethes Namen ausgiebig in Lateinamerika und in Asien musikalisch botschaftend unterwegs. Und global selbstverständliche Weltoffenheit wird den Jazzern ja ohnehin nachgesagt.

Der 1977 im Sauerland geborene Köster nennt sein aktuelles Quartett „Die Verwandlung“ – und spielt damit auf die 1912 entstandene gleichnamige Erzählung von Franz Kafka an, welche die schicksalshafte Mutation eines Menschen zu einem bösen Käfer-Ungeziefer beschreibt. Frederik Köster und sein Quartett bewähren sich als künstlerische Chamäleons im besten Sinne. Einen ganz eigenen Namen machte sich der Keyboarder Sebastian Sternal, der schon 2011 in seiner Heimatstadt Mainz eine Professur an der dortigen Musikhochschule erhielt. Der viel gerühmte Schlagzeuger Jonas Burgwinkel (49) mit einem Faible für perkussive Feinheiten gastierte im Trio des Pianisten Pablo Held schon 2012 und 2019 in der Haller Hospitalkirche. Joscha Oetz, 1971 in Köln geboren, vervollständigt kongenial das Ensemble, seinen obertonreichen Kontrabass sonor zupfend und streichend.

Gegen Schluss der Performance intonierten die vier Mitteleuropäer wie gewohnt eines vom Nahen Osten inspirierte Stück mit dem arabischen Namen „Yalla“, was eine Aufforderung zur Beeilung ist und etymologisch vom islamischen „Allah“ als auch vielleicht vom französischen Kommando „allez!“ abstammen mag. In Beirut, wo die derzeitige Haller Goethe-Institut-Leiterin Sabine Haupt auch schon eine Deutschlerneinrichtung anführte, ist diese furiose und lebensfreudige Komposition entstanden. Joscha Oetz wandelte hierbei seinen an sich behäbigen Korpusbass geradezu in die libanesische Langhalslaute Oud um, und Sebastian Sternal zauberte auf dem Steinway-Flügel doch irgendwie orientalische Klanggebilde herbei. Wenn Frederik Köster, dem legendären Don Ellis folgend, eine Vierteltontrompete zur Verfügung hätte, könnte er die symptomatischen Mikrointervalle intonieren, ohne etwa „halbe Ventile“ zu bemühen.

Köster brillierte lippenfertig und höhenverliebt mit einem zumeist überaus strahlenden Ton – ein verzagtes Blasen wie einst beim „coolen“ Miles Davis ist seine Sache gewiss nicht. Außerdem setzte der 42-Jährige noch kleine elektronische Apparaturen ein, die er mittels Schiebereglern sowie Drehknöpfen bediente und „live“ erzeugte Töne und Sounds transformierte. Mit digitalen „Loops“ konnte Köster mit und gegen sich selbst agieren.

Als Zugabe zelebrierte das Quartett „Die Verwandlung“ auch in Schwäbisch Hall das

vom Bandleader schlicht vertonte und mit ungekünstelter Tenorstimme vorgetragene Gedicht „To the Evening Star“ des Engländers William Blake (1757–1827). Es muss ja nicht unbedingt ein sich wiegendes „Guten Abend, gut‘ Nacht“-Lied von Johannes Brahms sein, wie schon anderweitig zum genüsslichen Finale eines Jazzkonzerts in der Hospitalkirche gehört…

Begonnen hatte der kurzweilige Abend dynamisch explosiv und im fulminanten Tempo, um sogleich in lyrische Bedächtigkeit umzuschwenken. Man hörte danach beeindruckende Soli, die aber stets interaktiv und kommunikativ von den Kollegen unterstützt wurden und sich harmonisch in die Gruppenkonzeption integrierten. Oft ging dabei der akademische Würdenträger Sternal am Piano quasi ekstatisch vor – der Herr Professor beliebte es, eine wirklich körperlich an- und aufregende Musik zu machen. Insgesamt ein vergnügliches und interessantes Konzert, das für eine geraume Zeit die leidige Corona-Krise vergessen ließ. Man kann nur auf die (Ver-)Wandlung zum Guten hoffen…

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Text und Fotografie von Hans KumpfKumpfs Kolumnen

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