Die Stuttgarter Jazzopen 2017 boten ein opulentes Festival

Von Wun­der-Twens bis 80+ mit Nost­al­gie und Neu­em

Unter dem Mot­to „be JAZZ be OPEN“ ver­sprach das mehr oder weni­ger swin­gen­de Stutt­gar­ter Som­mer­fest in sei­ner 24. Run­de „über 40 Acts an 10 Tagen auf 6 Büh­nen“ und resü­mier­te schluss­end­lich: „34 000 Gäs­te fei­er­ten inter­na­tio­na­le Stars, Gram­my-Gewin­ner und span­nen­de Neu-Ent­de­ckun­gen. Die Büh­nen­aus­las­tung lag bei 90 Pro­zent.“ Zwei­fel­los voll­brach­ten Pro­mo­ter Jür­gen Schlen­sog und sein Team erneut in Sälen und vor allem „open air“ eine logis­ti­sche Meis­ter­leis­tung, wobei Jazz an sich frei­lich nicht durch­weg eine domi­nan­te Rol­le spiel­te.

Immer­hin prä­sen­tier­te das erfreu­li­cher­wei­se aus­ver­kauf­te Fina­le­vent auf dem Ehren­hof des Neu­en Schlos­ses ver­trau­te Jazz-Stars: Dee Dee Brid­ge­wa­ter und Geor­ge Ben­son. Die Voka­lis­tin, die an glei­cher Stel­le im Jah­re 2013 mit dem smar­ten Pia­nis­ten Lang Lang an der Sei­te und dem dama­li­gen Radio-Sin­fo­nie­or­ches­ter Stutt­gart im Rücken auf­ge­tre­ten war, agier­te ful­mi­nant wie stets, wäh­rend sich Gitar­rist Ben­son vor allem als Schmu­se-Sän­ger betä­tig­te. Mit „Quin­cy Jones & Fri­ends“ war das Fes­ti­val-Eigen­ge­wächs beti­telt. Im Vor­feld wur­de gerät­selt, wel­cher Art es der erfolg­rei­che Pro­du­zent von Miles Davis und Miche­al Jack­son musi­ka­lisch trei­ben wer­de. Wür­de der jetzt 84-Jäh­ri­ge noch­mals zur Trom­pe­te grei­fen – wie einst bei Lio­nel Hamp­ton und Count Basie? Nein, Quin­cy Jones beschränk­te sich auf rela­tiv kur­ze Ansa­gen für sei­ne Weg­ge­fähr­ten und sei­ner schon nost­al­gi­schen Arran­ge­ments, die durch die SWR Big Band und das Stutt­gar­ter Kam­mer­or­ches­ter noblen Glanz erhiel­ten. Bei der geplan­ten Zuga­be über­nahm Jones das Diri­gat von dem bewähr­ten Bri­ten Jules Buck­ley und zele­brier­te mit den Solis­ten an der „front line“ den blue­si­gen Klas­si­ker „Let The Good Times Roll“. Mit dabei auch der von Quin­cy Jones pro­te­gier­te Eng­län­der Jacob Col­lier (20), der mit sono­rem Bari­ton als auch im Fal­sett beein­druck­te und ver­siert an den Tas­ten von Flü­gel und Celes­ta agier­te.

Jamit Cullum

In den vier Tagen zuvor füll­ten vor allem Figu­ren der Kom­merz-Musik den bis zu sie­ben­tau­send Per­so­nen fas­sen­den Schloss­platz, so auch der immer noch stimm­ge­wal­ti­ge Tom Jones, der tags zuvor in Mon­treux sei­ne berühm­te „Sex Bomb“ plat­zen ließ. Zum vier­ten Mal wur­de in „Stutt­garts guter Stu­be“ nun Publi­kums­ma­gnet Jamie Cul­lum gefei­ert, der – wie gewohnt – vokal und mul­ti-instru­men­tal sei­ne rasan­te Show ablie­fer­te. Vor ihm war die sich selbst am Pia­no und auf der Gitar­re beglei­ten­de Norah Jones mit ihrer Com­bo an der Rei­he. Die ame­ri­ka­ni­sche Toch­ter von Ravi Shankar sang aller­dings ziem­lich mono­ton im Tim­bre pri­mär Country-(Mittel-)Mäßiges. Auf­re­gen­der als deren Dar­bie­tung geriet frei­luf­tig der stän­di­ge Wet­ter­wech­sel zwi­schen Son­nen­schein und Regen­trop­fen…

Als neu­en Ver­an­stal­tungs­ort konn­ten die Jazzo­pen den Renais­sance-Innen­hof des benach­bar­ten Alten Schlos­ses gewin­nen. Mit dem Pre­mi­um-Spon­sor Mer­ce­des-Benz ging ja auch des­sen geschätz­tes Amphi­thea­ter vor des­sen Muse­um in Bad Cann­statt ver­lo­ren (nun ist der Mün­che­ner Riva­le BMW in die finan­zi­el­le Bre­sche gesprun­gen). Frei­lich ver­lan­gen die den Schall­druck mäch­tig reflek­tie­ren­den Mas­sivstein­wän­de des anti­ken Schloss­ge­mäu­ers eigent­lich nach dezent aus­ge­steu­er­ter Musik. Doch in der heu­ti­gen Resi­denz des Lan­des­mu­se­ums Würt­tem­berg lagen vor­sorg­lich Ohro­pax-Päck­chen bereit, und die wert­vol­len Kunst­ge­gen­stän­de in den Vitri­nen muss­ten eben zit­tern.

Kamasi Washington

Star­ke Phon­gra­de ent­wi­ckel­te der fun­ki­ge Saxo­pho­nist Kama­si Washing­ton, der in Oktett­be­set­zung anrück­te. Vital und stil­über­grei­fend gibt sich sei­ne bis zum Brui­tis­mus aus­ufern­de Musik, auf dem Tenor demons­triert Washing­ton lan­gen Atem alle­mal. Auf tri­via­le Momen­te könn­te man aller­dings getrost ver­zich­ten.

Ein­hel­li­ges Lob – von Lai­en und von Fach­leu­ten – wur­de der abwechs­lungs­rei­chen Her­bie-Han­cock-Per­for­mance im mit­tel­al­ter­li­chen Ambi­en­te zuteil. Ob ita­lie­ni­scher Fazio­li-Flü­gel, Syn­the­si­zer, E‑Piano oder Umhän­ge-Key­board – sei­ne Musik geriet offen­sicht­lich meis­ter­haft und weg­wei­send, mit 77 Jah­ren… Han­cock zur Sei­te stand u.a. der afri­ka­ni­sche Gitar­ren-Vir­tuo­se Lio­nel Lou­e­ke.

Perez / Shorter

Zwie­späl­ti­gen Wider­hall fand ja vor drei Jah­ren auf dem gro­ßen Schloss­platz Han­cocks Duo­auf­tritt mit dem kurz­at­mi­gen Way­ne Shorter, der sich sei­ner­zeit auf das Sopran­sa­xo­phon beschränk­te. Der 1933 gebo­re­ne Blä­ser griff heu­er zu Beginn sei­nes eige­nen Kon­zerts in der Lie­der­hal­le zum eigent­lich kraft­vol­len Tenor­sax. Aber auch hier into­nier­te er nur zag­haft klei­ne Ton­fol­gen und konn­te im Quar­tett kei­ne impuls­ge­ben­de Füh­rungs­rol­le über­neh­men. Pro­fes­sor Mini Schulz, selbst uni­ver­sel­ler Kon­tra­bas­sist und emsi­ger Kon­zert­ma­na­ger, fei­er­te das Shorter-Ensem­ble in sei­ner Ansa­ge als die „groß­ar­tigs­te Band unse­res Zeit­al­ters“. Getra­gen wur­de die Musik aber wesent­lich vom eman­zi­pier­ten „Begleit“-Trio, näm­lich dem Pia­nis­ten Dani­lo Perez, dem Bas­sis­ten John Pati­tuc­ci und dem Drum­mer Bri­an Bla­de.

Zuvor bot im Hegel­saal der Kuba­ner Jésus „Chu­cho“ Val­dés über­aus Schwung­vol­les, unter­stützt von dem Bas­sis­ten Gas­tón Joya und von gleich zwei vehe­men­ten Schlag­wer­kern (Rod­ney Bar­ret­to, Yarol­dy Abreu Robles). Das Quar­tett begann sehr kom­plex – nicht etwa naiv folk­lo­ris­tisch. Spä­ter ver­ein­nahm­te man den argen­ti­ni­schen Tan­go und griff mehr­fach in die Zita­ten­schatz­tru­he der euro­päi­schen Musik. Aus­führ­lich wid­me­te sich Chu­cho Val­dés dem e‑moll-Prä­lu­di­um op. 28, das Frédé­ric Cho­pin im Win­ter 1838/39 auf Mal­lor­ca kom­po­nier­te und bekannt­lich den Bra­si­lia­ner Anto­nio Car­los Jobim zu der Ever­green-Bal­la­de „How Insen­si­ti­ve“ inspi­rier­te.   

Kinga Glyk

Als wei­te­re Ver­an­stal­tungs­or­te der Jazzo­pen dien­ten wie­der das Sca­la-Thea­ter in Lud­wigs­burg, das Event­Cen­ter des Haupt­spon­sors Spar­da-Bank am Stutt­gar­ter Haupt­bahn­hof und neu­er­dings die inner­städ­ti­sche katho­li­sche Dom­kir­che Sankt Eber­hard (Pia­nist Jason Moran mit sin­gen­der Ehe­frau). Zu mit­ter­nächt­li­chen Stun­den gab es tra­di­ti­ons­ge­mäß hell­wa­chen Jazz im renom­mier­ten Jazz­club Bix, gele­gen gegen­über der Leon­hard­s­kir­che in Stutt­garts ruhi­gem Amü­sier­vier­tel. Da hör­te bei­spiels­wei­se kein Gerin­ge­rer als Quin­cy Jones dem flin­ken wohl­be­leib­ten Ham­mond-Orga­nis­ten Joey DeFran­ces­co zu. Unter die enga­gier­ten inter­na­tio­na­len New­co­mer gehör­te auch die 20-jäh­ri­ge Polin Kin­ga Głyk. Die fin­ger­fer­ti­ge Bass­gi­tar­ris­tin, die als opti­sches Mar­ken­zei­chen stets einen breit­krem­pi­gen Son­nen­hut trägt, betä­tigt sich als Wir­bel­wind auf den vier Sai­ten und betreibt kräf­tig Mar­ke­ting auf You­Tube. In ihrem Trio bedient Papa Irek das Schlag­zeug, und Pio­tr Matu­sik sitzt am rock­be­ton­ten Key­board. Es bleibt abzu­war­ten, ob sich die­ses (Ex-)Wunderkind als Erwach­se­ne auf der Jazz-Sze­ne hal­ten kann.

Jan Kappes

Einen fes­ten Platz in der Pro­gramm­ge­stal­tung von Jazzo­pen nimmt der „Play­ground“ ein. Hier soll der regio­na­le Nach­wuchs zum Zuge kom­men. Aller­dings wür­de es den jun­gen Leu­ten gut tun, wenn man ihre Namen nicht nur auf der Ver­an­stal­tersei­te im Inter­net (jazzopen.com) erfah­ren kann, son­dern die­se auch auf Tafeln oder Hand­zet­teln publik gemacht wür­den. Stell­ver­tre­tend für vie­le soll der Kon­tra­bas­sist Jan Mikio Kap­pes genannt wer­den, der sich nicht scheu­te, sei­nen knapp halb­stün­di­gen Trio-Set mit einem unbe­glei­te­ten Solo zu star­ten – höchst vir­tu­os, gezupft und mit Bogen. Sti­lis­tisch nicht anbie­dernd, son­dern expe­ri­men­tell klang­for­schend im bes­ten krea­ti­ven Sin­ne.

Abdullah Ibrahim

Geehrt für sein Lebens­werk wur­de im Rah­men des Fes­ti­vals Abdul­lah Ibra­him (ali­as Dol­lar Brand), 1934 in Kap­stadt gebo­ren und zusam­men mit Nel­son Man­de­la und Miri­am Make­ba als his­to­ri­sches Drei­ge­stirn der Frei­heits­be­we­gung Süd­afri­kas gel­tend. Nun wohnt der kom­po­nie­ren­de Pia­nist (auch) am baye­ri­schen Chiem­see, und so wur­de ihm zum Auf­takt der opu­len­ten Jazzo­pen-Fest­ta­ge die mit 15 000 Euro dotier­te „Ger­man Jazz Tro­phy“ über­reicht. Der Meis­ter bedank­te sich mit gewohnt lieb­li­chen Melo­di­en und ver­gaß dabei auch nicht die Kwe­la-Musik sei­ner Hei­mat.

Text und Foto­gra­fie von Hans KumpfKumpfs Kolum­nen

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