Die Priorität der absoluten Improvisation

Esslingen. Ein intensives Aufeinanderhören, nie aufhörende Intensität – dies bestimmt das avantgardistische Improvisieren eines Trios mit Künstlern aus drei Ländern. Der deutsche Posaunist Johannes Bauer, die französische Vokalistin Annick Nozati und der belgische Pianist Fred van Hove zeigten bei ihrem Gastspiel im Esslinger Kulturzentrum „Dieselstraße 26“ keinerlei Verständigungsschwierigkeiten. Freilich: bei dem völlig von Noten und „Head-Arrangements“ losgelösten Jazzen der freien Art kam auch Einförmigkeit und Eintönigkeit auf.

Allerdings geriet die „Ein-Tönigkeit“ auch zu einem Stilmittel, wenn immer wieder eine Gleichtönigkleit beibehalten und darüber die Klangfarben variiert wurden. Da müssen die Intervalle keine großen Sprünge machen, um musikalisch Reizvolles zu schaffen. Ein Meister der Sound-Nuancen ist unbestritten der 1954 in Halle an der Saale geborene Johannes Bauer, der schon in alten DDR-Zeiten für unorthodoxes Musizieren stand. Nun hantiert der Posaunist gekonnt mit Dämpfern, brilliert und Flatterzunge und bringt gerne kurze aber gehaltvolle Phrasen. Schon vor über einem Jahrzehnt konnte sich Johannes Bauer (genauso wie sein älterer Bruder Conny auf dem gleichen zügigen Blechblasinstrument) der West-Jazz-Szene anschließen, wo von Anfang an Fred van Hove (im Trio zusammen mit Peter Brötzmann und Han Bennink) eine führende Rolle spielte.

Der 62-jährige Antwerpener greift zuweilen auch in die Tasten und Orgel oder Akkordeon, in Esslingen konzentrierte er sich auf den Flügel. Und da wischte er mal leicht über die Tastatur, punktuelle Motive setzend, dann brachte er mal dissonierende Cluster ein – oder praktizierte in den vielsaitigen Innereien aufs Neue ein „präpariertes Piano“ mit scheppernden und glissandierenden Effekten. Kein Zweifel, dass van Hove und Johannes Bauer versierte Jazzer miteinem beträchtlichen musikalischen Vokabular sind.

Weniger umfassend und weitreichend waren hingegen die Aktionen von Annick Nozati, die nach Tätigkeiten in der Bildenden Kunst und im Theater relativ spät zur Musik stieß. Bei ihr sind nun Parallelen zu der im Jazz heimisch gewordenen asiatischen Stimmkünstlerin Sainkho Namtchylak auszumachen, wenn sie schroff obertonreiche Laute ansetzt und exotisch-folkloristisch intoniert. Bei aufgeregten Monologen in einer imaginären Sprache und Liedern ohne Worte erinnert sie an die Amerikanerin Lauren Newton mit Wohnsitz Tübingen. Traurige Litanei wider diabolisches Geschrei – Szenisches, Gestik und Performance dominierten vor urmusikalischer Ausdrucksfähigkeit.

Nicht jedes Konzert kann zum Ereignis der Spitzenklasse gereichen. Beim absoluten Improvisieren gehen die Künstler eben immer ein Risiko ein. Aber die Lust auf Interaktion und Kommunikation lohnt stets dieses Wagnis. Nicht ohne Grund wird Fred van Hove im Programmheft zitiert: „Das wunderbare und schreckliche Gefühl ist, dass man in der nächsten Sekunde auf die Nase fallen oder in den Himmel steigen kann.“ 

(Oktober 1999)