Das New Sanctuary Trio in der Rüsselsheimer „Jazzfabrik“, 31.01.2017

Photo: Mümpfer

Eine Lär­mor­gie bricht über die Zuhö­rer in „Gen­naio“ her­ein, ein orgas­ti­sches Kol­lek­tiv von wil­der Trom­pe­te, drän­gen­dem Schlag­zeug und ver­zerr­ten Gitar­ren­läu­fen. Ganz das Gegen­teil ist der Feb­braio“, eine lyri­sche Inter­pre­ta­ti­on mit war­mem, gedämpf­tem Trom­pe­ten­ton, zar­tem Schlag­zeug-Klöp­pel­spiel und fili­gra­nen Lini­en auf der Gitar­re. Dou­glas steigt mit dem gestopf­ten Blas­in­stru­ment in die hohen Lagen, wäh­rend Ribot osti­na­te Akkor­de zupft. Doch dann kommt der März ganz unty­pisch in rasen­den Läu­fen auf dem ver­zerr­ten Sai­ten­in­stru­ment und mit atta­ckie­ren­dem Spiel auf der Trom­pe­te. Hoch­en­er­ge­ti­sche Impro­vi­sa­ti­on trifft auf instru­men­ta­len Ein­falls­reich­tum. Das Trio zitiert Petro­witch Mus­sorg­ski eben­so wie Car­la Bley.

Kon­tras­ten bestim­men die Stü­cke, die das Trio den zwölf Mona­ten wid­met. Die Som­mer­mo­na­te läu­tet Susie Ibar­ra mit klei­nen Glöck­chen ein, Marc Ribot zupft sei­ne Lini­en und lässt die Gitar­re grum­meln. Dave Dou­glas haucht zart in sei­ne Trom­pe­te, pfeift ohne und mit dem Instru­ment, reckt es gen Büh­nen­him­mel. Der Gitar­rist ver­liert sich in Blues­läu­fen. Zum Schluss bläst Dou­glas die Trom­pe­te tri­um­phie­rend und nahe­zu hym­nisch in Duo mit Ribot.

Lachend hebt der Trom­pe­ter und Kom­po­nist ein eng beschrie­be­nes Noten­blatt in die Höhe. „Eine Sui­te mit zwölf Sät­zen auf einem Stück Papier“ ver­kün­det der dem ent­zück­ten Publi­kum im inti­men Rund der Hin­ter­büh­ne des Rüs­sels­hei­mer Thea­ters. Das Werk des „New Sanctuary“-Trios Dave Dou­glas, der Schlag­zeu­ge­rin Susie Ibar­ra und des Gitar­ris­ten Marc Ribot in der „Jazz­fa­brik“ besteht aus zwölf Stü­cken, die jeweils einem Monat des Jah­res gewid­met sind. Die Grup­pe inter­pre­tiert an die­sem Abend eine teils ener­ge­ti­sche, teils lyri­sche neue Kom­po­si­ti­on des uner­müd­lich erfin­de­ri­schen Dou­glas, impro­vi­siert mit neu­en Klän­gen und Ansät­zen.

Impro­vi­sa­ti­on setzt Frei­heit vor­aus. Dave Dou­glas nutzt des­halb eine Pau­se zwi­schen den musi­ka­li­schen Mona­ten zu einem poli­ti­schen State­ment. „Wir kom­men aus New York. Wir sind Ame­ri­ka­ner, aber haben die­sen Kerl nicht gewählt“, sagt er, ohne den Namen Trump aus­drück­lich zu nen­nen. Doch die Bot­schaft ist ein­deu­tig. „Ihr seid Mit­glie­der einer frei­en Gesell­schaft. Dazu beglück­wün­schen wir euch.“

Dave hat nach den ers­ten Stü­cken die getön­te Bril­le mit der wei­ßen Fas­sung abge­setzt. Das Licht ließ er dim­men, nach­dem er die Foto­gra­fen frag­te, ob sie ihre Bil­der „geschos­sen“ hät­ten. Der Band­lea­der ist eben ein höf­li­cher Mensch, aber auch ein emp­find­sa­mer und kon­zen­trier­ter Künst­ler.

Er bläst selbst aggres­siv mit geschlos­se­nen Augen, hört den­noch auf sei­ne Part­ner. Ribot sitzt zumeist tief über sei­ne Gitar­re gebeugt, scheint den Tönen nach­zu­lau­schen. Ibar­ra lacht herz­haft über gelun­ge­ne impro­vi­sa­tio­nen, klopft mit Stö­cken und Besen neben den Fel­len auch die Kor­pus­se der Trom­meln oder streicht über die Becken. Die Spiel­freu­de ist offen­sicht­lich und wird von den zahl­rei­chen Zuhö­rern mit offe­nen Ohren auf­ge­nom­men.

Das Publi­kum applau­diert begeis­tert, lässt sich von der span­nen­den und abwechs­lungs­rei­chen Sui­te mit­rei­ßen. “Wir wer­den wohl im Janu­ar oder noch bes­ser im Novem­ber wie­der­kom­men“ flachst Dou­glas nach dem Kon­zert.

New Sanc­tua­ry ist ein Ange­bot auf der Gre­en­le­af Music Sub­scri­ber Series. Die CDs kön­nen aus­schließ­lich von Abon­nen­ten von Gre­en­le­af Music oder in den Kon­zer­ten gekauft wer­den. New Sanc­tua­ry wur­de am 8. Sep­tem­ber 2016 ver­öf­fent­licht.

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