Bill Frisell in der Jazzfabrik Rüsselsheim, 28. März 2003

Er pflegt die Kunst des Chamäleons. Genregrenzen von Pop, Jazz, Country sind ihm ebenso fremd wie die Festlegung auf Gefühlskategorien Sentimentalität, Aufbegehren, Kitsch und Experimentierfreude. Unter der äußerlich melancholisch geprägten Musik verbirgt sich ein listiger Humor. Wenn Bill Frisell an diesem Abend im Rüsselsheimer Theater mit dem Plektrum auf den Steg seiner E-Gitarre klopft und das Geräusch mit Hall und Echo unterlegt, dann lächelt er verschmitzt ob der Reaktion des Publikums, das offensichtlich nicht sicher ist, ob der Gitarrist nun nur eine Idee ausprobiert oder es sich gar um die Intro für die nächste Komposition handelt. Oder Frisell spielt minutenlang mit Sampler und Synthesizer, lässt die unterschiedlichsten Geräuschkulissen erklingen und lacht seinen Musiker zu, als schließlich ein stupender elektronischer Rhythmus erklingt, den der Schlagzeuger Kenny Wollesen aufgreift.

Man könnte versuchen, die Musik des Quartetts in der Schublade „Country-Jazz-World-Music“ abzulegen, wenn da nicht die zwar abgezählten und abgezirkelten elektronischen Spielereien wären. Sie zeigen, dass Frisell mehr kann, als seiner tiefen Neigung zur Country-Musik und den elegischen Klängen eines Pat-Metheney-Spiels zu frönen. An diesem Abend beginnt es leise und zart, sensibel und ökonomisch auf der akustischen Gitarre. Das Publikum genießt die typischen Schwell- und Schwebeklänge, die Emotionen anrühren. Er komponiere lieber aus dem Bauch heraus als mit dem Kopf, sagt Frisell. Erst gegen Ende des Konzerts gewinnt die Musik des Quartetts an Dynamik und Energie. Schöne Blues-Balladen sind Grundlage für klangfarbenreiche Suiten.

Ob sie nun eigene Kompositionen spielen oder Bob Dylan interpretieren, die vier Musiker schaffen einen kompakten Gruppenklang, in dem dennoch die Gitarre Frisells und die Steel-Guitars von Greg Leisz tonangebend sind. Leisz ist ein Meister der schwebenden Sounds auf den Steel-Guitars. Sensibel ist sein Zusammenspiel mit dem Gitarristen, traumhaft sicher das gegenseitige Verständnis. Bassist David Piltch darf sich einmal in einem percussiven, trockenen und erdig klingenden Solo präsentieren. Ansonsten zupft er ostinate Akkorde zu den Unisono-Passagen von Gitarre und Steel-Guitar oder marschierende Straight-Läufe auf dem Kontrabass. Kenny Wollesen ist ein präziser Trommler und Rhythmusgeber, hat aber nur selten Gelegenheit zum frei pulsierenden Spiel.

Frisell bricht an diesem Abend bei der Jazz-Fabrik leider zu selten in konvulsivischen Klangexplosionen aus. Manche Passagen wirken mit fortschreitender Zeit gleichförmig und einlullend. Gewiss – der Musiker bleibt auch in diesem Konzert seinem Konzept und seinen selbst gesetzten hohen Ansprüchen treu, doch das Repertoire könnte ein wenig mehr Wagemut vertragen. Ungeachtet dessen gilt Bill Frisell wohl zu Recht als „All American Guitarist“, der Jazz bis in die Avantgarde mit den Country-Traditionen in seinem charakteristischen Spiel vereint. Das Publikum wollte ihn nach nur 80 Minuten nicht von der Bühne lassen und erzwang mit heftigem Applaus zwei Zugaben.

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